VP-FP will Rankings ermöglichen: Wie gefährlich sind gläserne Schulen?

AUFNAHMETEST AN DER MEDIZINISCHEN UNIVERSITAET IN
Foto: APA/SILVIA SCHOBER Standardisierte Tests (wie beim Med-Studium, Bild) absolvieren jedes Jahr 150.000 Schüler

Wie weiß man, ob eine Schule gut arbeitet? Türkis-Blau will alle Test-Ergebnisse veröffentlichen.

Die elitäre Mittelschule Eton westlich von London kostet rund 30.000 Euro pro Schuljahr, gilt dafür aber als einer der besten Schulen des Landes. "Dies ist eine herausragende Schule", bescheinigt auch der Schulbericht, der auf der Homepage des britischen Bildungsministeriums abrufbar ist. Detailliert auf neun Seiten wird das Prüfergebnis der Schulbehörden transparent gemacht. Alle britischen Schulen unterliegen gesetzlichen Inspektionen, und alle Berichte werden im Internet veröffentlicht. Das hat im Vereinten Königreich Tradition.

Wer ist wie gut?

Eine Tradition, die bald auch in Österreich Einzug hält? Geht es nach ÖVP und FPÖ, sollen auch bei uns alle Bildungsdaten veröffentlicht werden. Ein Schul-Ranking mit den besten und schlechtesten Schulen des Landes wäre damit möglich. Die Daten gibt es bereits: Neben der Zentralmatura werden seit wenigen Jahren Bildungsstandards erhoben. Pro Überprüfungsjahr nehmen rund 80.000 Schüler der 8. Schulstufe in Deutsch, Mathematik und Englisch und rund 76.000 Schüler der 4. Schulstufe in Deutsch und Mathematik teil. Nur die Schulen werden über die erreichten Ergebnisse informiert. Genau das soll sich jetzt ändern.

bifie_gesamt.jpg Foto: Bifie

Ergebnis der Standardüberprüfung Lesen der achten Schulstufe aller Schulen in Österreich (rund 80.000 Kinder): Jeder Kreis steht für eine Schule, blau sind die AHS, violett die NMS. Je weiter rechts eine Schule steht, umso besser ist sie. Je weiter oben ein Kreis, desto besser war ihr Ergebnis im Vergleich zu ihrem erwarteten Ergebnis, das aus dem Bildungshintergrund der Schüler statistisch wahrscheinlich war. Bemerkenswert ist, dass einige NMS besser abschnitten als AHS. Wenn die Testergebnisse wie geplant veröffentlich werden, erfährt die Öffentlichkeit, welche Schule hinter jedem Kreis steckt.  

Sicher nicht, warnen die Lehrervertreter: "Dadurch käme es zu einem Ranking", so Gewerkschafter Paul Kimberger. Schulen in Städten mit einem hohen Ausländeranteil könnten nicht mit Schulen am Land verglichen werden. "Und für schlecht gereihte Schulen würden wir kein Personal mehr finden."

"Wir machen die Bildungsstandards, damit sich die Schulen entwickeln und verbessern können, nicht, um sie an den Pranger zu stellen. Es ist sicher nicht sinnvoll, die Ergebnisse unkommentiert zu veröffentlichen", so die Warnung aus dem Büro von Noch-Bildungsministerin Sonja Hammerschmid. Auch Jürgen Czernohorszky, der rote Bildungs-Stadtrat von Wien, zeigt sich wenig begeistert: "Eine Veröffentlichung von Schulrankings führt zu einer Stigmatisierung von Schulen und hilft weder Kindern noch Pädagogen." Im Gegenteil: "Die Arbeit an Schulen wird mit größeren Herausforderungen dadurch noch schwieriger, aufgrund einer verstärkten sozialen Selektion im Schulsystem."

"Massive Ungleichverteilung"

Das hatte Uni-Wien-Bildungsforscher Stefan Hopmann im KURIER bereits kritisiert, so Czernohorszky. Der Wissenschaftler hat vor einer Veröffentlichung der Daten gewarnt, da sich damit niemals die Qualität einer Schule beschreiben lasse, dafür aber sowohl Pädagogen als auch Eltern sich – noch stärker als bisher – die besseren Schulen aussuchen würden. Die Folge wäre eine "massive Ungleichverteilung."

"Das stimmt", sagt auch die Uni-Wien-Bildungspsychologin Christiane Spiel zum KURIER. "Wenn man einfach nur alle Schulergebnisse veröffentlicht, werden Eltern versuchen, ihre Kinder nur mehr in Schulen mit guten Ergebnissen unterzubringen, oder in Privatschulen. Das kann sich aber nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung leisten. Dabei hängt die Leistung einer Schule vor allem vom Umfeld ab, also welche Schüler es dort gibt und was für einen Bildungshintergrund die Eltern haben."

Grundsätzlich sei sie für eine Kultur der Transparenz, aber das gehe nicht von heute auf morgen. "Wir müssen ja den schwachen Schulen zuerst echte Chancen einräumen besser zu werden, indem sie mehr Ressourcen und kleinere Klassen bekommen."

bifie_muster.jpg Foto: Bifie Rückmeldung des BIFIE über die fiktiven Ergebnisse an einer Schule (Musterbeispiel) Ganz zentral sei aber die Frage: Was ist das Ziel so einer Maßnahme? Und das könne nur heißen: Bildungsgerechtigkeit. "Niemand kann sich aussuchen, in welche Familie er hineingeboren wird. Aber die Aufgabe des Staates muss sein, alles zu tun, um faire Chancen zu schaffen."

Keine Gießkanne

Jene Staaten, die Bildungsergebnisse veröffentlichen, etwa skandinavische oder anglikanische Länder, hätten eine lange Kultur, mit datenbasierten Ergebnissen umzugehen. "In England werden schlechte Schulen ja nicht bestraft, sondern da gibt es durchdachte Programme und mehr Ressourcen, um besser zu werden. In London hat das sehr gut funktioniert. Dort hat man auch Schulen mit ähnlichen Schülerpopulationen, aber unterschiedlichen Ergebnissen, zusammengespannt, damit sie voneinander lernen."

In England wurden schlechte Schulen auch geschlossen. Spiel dazu: "So etwas sollte nur dann geschehen, wenn es keine Bereitschaft gibt, sich zu ändern und eine Neuaufstellung neue Chancen gibt."

Im Koalitionspapier findet sich ohnehin die Passage, dass ein einheitliches, "für alle Schultypen gültiges und gleichzeitig faires Systems für die Zuteilung von Ressourcen unter Bedachtnahme regionaler und sozialer Anforderungen" geplant ist. "Gut so", findet Spiel. "Weil klar sein muss, dass ein Gießkannensystem nicht funktionieren kann. Man muss dort investieren, wo die Probleme sind."

Allerdings: Noch ist nicht klar, ob es auch mehr Geld fürs Schulsystem geben wird. Das Budget wird nämlich erst zum Schluss der Verhandlungen fixiert.

(kurier) Erstellt am
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