AUSTRIA-CLIMATE-ENVIRONMENT-MUSEUM-PROTEST

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Bernis Klimatagebuch

Nach Klimt-Attacke: Wer sind hier eigentlich die Radikalen?

Es ist schon wieder was passiert, diesmal im Leopold-Museum.

von Bernhard Gaul

11/16/2022, 04:00 AM

Laut Pressestelle der Vereinten Nationen haben sich knapp 35.000 Menschen fĂŒr den Klimagipfel im Ă€gyptischen Sharm el-Sheikh registriert. Manchmal beschleicht mich das GefĂŒhl, dass das schon alle sind, die die Klimakrise kĂŒmmert.

NatĂŒrlich ist das Blödsinn. Erstens, weil wohl einige der Delegierten, etwa aus den Ölstaaten, offensichtlich so agieren, als wĂ€re ihnen die Klimakrise egal, sonst wĂ€ren wir schon weiter. Und zweitens, weil schon klar ist, dass eine deutliche Mehrheit, wohl nicht nur in Österreich, um die Klimakrise und die Gefahren Bescheid weiß und auf ein gutes Ergebnis hofft.

Und dann gibt es jene, die richtig wĂŒtend sind, dass sich so wenig tut. Wenige wollen dann Zeichen setzen, und kleben sich auf Straßen oder auf Kunstwerke, bis die Exekutive kommt, und sie losreißt. Klimaaktivisten der Gruppe „Letzte Generation“ haben am Dienstag im Wiener Leopold Museum das GemĂ€lde „Tod und Leben“ von Gustav Klimt mit schwarzer Farbe ĂŒberschĂŒttet. BeschĂ€digt wurde das Kunstwerk laut erster Bestandsaufnahme nicht.

Die Aktivisten bezeichneten auf ihrem Twitteraccount neue Öl- und Gasbohrungen als „Todesurteil fĂŒr die Menschheit“. „Wir kennen das Problem seit 50 Jahren, wir mĂŒssen endlich handeln, der Planet wird sonst kaputt“, riefen die beiden MĂ€nner bei ihrer Aktion. „Stoppt die fossile Zerstörung. Wir rasen in eine Klimahölle.“

Von den vielen Reaktionen erlaube ich mir nur eine hervorzuheben: FĂŒr ÖVP-StaatssekretĂ€rin Claudia Plakolm (ihre Agenda ist nur die Jugend) seien Aktionen wie im Leopold Museum oder das Ankleben auf der Straße „auf ganz vielen Ebenen respektlos“. Man mĂŒsse zwar viele Menschen fĂŒr Klimaschutz begeistern, mit ihrem Vorgehen erreiche die „Chaostruppe“ aber das Gegenteil. „Man gewinnt aus meiner Sicht keinen Millimeter, wenn man die Leute terrorisiert. Was wir brauchen ist Klimaschutz mit Augenmaß und Weitblick.“

NatĂŒrlich könnte man dem entgegnen, dass uns unser „Klimaschutz mit Augenmaß und Weitblick“ zum Klimaschlusslicht, oder zumindest auf einem Stockerlplatz der Schlusslichter gefĂŒhrt hat, man könnte auch anfĂŒhren, dass Österreich als einer der wenigen EU-Staaten kaum Emissionen im Vergleich zu 1990 eingespart hat, was uns schon teuer zu stehen gekommen ist (halbe Milliarde Steuergeld wurden 2014 fĂŒr das nicht-Erreichen der Kioto-Ziele gezahlt), und uns wahrscheinlich noch Milliarden an Strafen kosten wird.

Aber darum geht es heute nicht. Sondern:

"Klimaaktivsten werden manchmal als `gefĂ€hrliche Radikale` dargestellt. Aber die wirklich gefĂ€hrlichen Radikalen sind die LĂ€nder, die die Produktion von fossilen Brennstoffen erhöhen. Investitionen in neue Infrastruktur fĂŒr fossile Brennstoffe sind moralischer und wirtschaftlicher Wahnsinn." Das wĂ€re mein Argument, und gesagt hat es kein Geringerer als UN-GeneralsekretĂ€r Antonio Guterres.

Oder so: „Hier zeigen junge Menschen ihre Wut und ihre EntrĂŒstung darĂŒber, wie achtlos wir mit unserem Planeten umgehen und wie wir ihre Zukunft verspielen. Ich kann diesen Zorn verstehen. Über die Wahl der Mittel kann man diskutieren. Was man aber jedenfalls feststellen muss: Die Wissenschaft hat jahrzehntelang sachlich und fundiert auf die Klimakrise aufmerksam gemacht, und wurde nicht ernst genommen. Wichtig ist aber: Was wir heute entscheiden, bestimmt, wie die jungen Menschen morgen leben können. Die Überhitzung des Planeten zu stoppen, das ist der SchlĂŒssel dafĂŒr, um der nĂ€chsten Generation ein lebenswertes Land zu ĂŒbergeben. Daher werde ich hier keine Ruhe geben. Denn auch die junge Generation hat ein Recht auf einen lebenswerten Planeten.“

Das sagte, richtig, BundesprĂ€sident Alexander Van der Bellen erst vor wenigen Tagen im KURIER auf meine Frage zu den Aktivisten, die sich an Fahrbahnen kleben oder große Kunstwerke beflecken.

Oder anders: Die Kollegen vom Standard haben eine der Klebeaktivistinnen interviewt, und sie sagt etwas flehentlich den Satz: „Bitte sagt uns, wie wir sonst protestieren sollen.“

Was mich an der ganzen Sache Ă€rgert, ist, dass der Versuch, das BildungsbĂŒrgertum so wachzurĂŒtteln, offensichtlich untauglich ist. Bei Klimts GemĂ€lde „Tod und Leben“ ist der Tod ein bedrohlicher Sensenmann, der nur schemenhaft visualisiert ist. Die Menschen daneben scheinen zu schlafen und den Tod zu ignorieren.

So kompliziert ist das ja doch eigentlich nicht.

Und der Treppenwitz der Geschichte: AnlĂ€sslich des Leopolditags gab es im Leopold Museum freien Eintritt, und als Sponsor trat in diesem Zusammenhang die OMV auf. Jene OMV, die gerade prĂŒft, ob man im Weinviertel nicht vielleicht nach Erdgas fracken sollte, also neue fossile Infrastruktur bauen könnte.

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