Politik | Inland
31.05.2018

Wowereit: "Manchmal juckt es, reinzuhauen"

Berlins ehemaliger Bürgermeister über die Polit-Pension, Inszenierung und die Nöte seiner SPD.

Autolärm, Menschen hetzen zur U-Bahn. Während die Stadt in ihre Morgen-Routine verfällt, schlendert Klaus Wowereit zum Frühstück ins Parkcafé in Wilmersdorf, Westberlin. Und sieht nicht aus, wie jemand, der sein halbes Leben in der Politik war. Auf sein entspanntes Äußeres werde er jetzt oft angesprochen, erzählt Berlins früherer Bürgermeister, der die Stadt mehr als 13 Jahre regierte und den roten Teppich einst als Ritual bezeichnete. Heute geht er einkaufen, kocht, spielt Golf, fährt mit dem Rad durch Berlin oder schreibt Bücher, eben erschien sein drittes „Sexy, aber nicht mehr so arm“ (Edel Verlag). Über Politik und „seine Stadt“ hat er noch viel zu sagen, vor Ratschlägen sollten sich Politiker a. D. aber hüten, erklärt der 64-Jährige im KURIER-Gespräch und setzt sein bekanntes Lächeln auf: freundlich, herausfordernd und ein bisschen undurchschaubar.

KURIER: Ihr ehemaliger Wiener Amtskollege hat sich in die Pension verabschiedet. Welche Tipps haben Sie für ihn?

Klaus Wowereit: Irgendwann kommt der Zeitpunkt, und das wird nicht einfach. Bei Michi Häupl ja relativ spät, denn 24 Jahre sind eine sehr lange Amtszeit. Wir glauben ja, wenn wir so bekannt sind, wären wir nicht zu ersetzen. Aber das trifft alle Menschen und damit muss man zurechtkommen. Am besten, indem man mehr Zeit hat für sich selbst: für seine Familie, Freunde oder Hobbys, die man vernachlässigt hat.

Fragt man sich nach so vielen Jahren nicht, was nun von einem bleibt?

Klar, da wird es dem Kollegen Häupl nicht anders gehen. Das ist sein Wien, das mein Berlin. Ich identifiziere mich mit der Stadt, lebe hier seit meiner Geburt, werde nicht wegzubekommen sein. Die Stadt ist auf einem guten Weg ohne zu übersehen, dass es sich spreizt zwischen Arm und Reich, bezahlbarer Wohnraum ist das große Thema.

Sie haben in Ihrer Amtszeit ein großes Tabu gebrochen. „Ich bin schwul – und das ist auch gut so“ bezeichneten Sie später als den wichtigsten Satz Ihres Lebens.

Es ging damals um die Kandidatur für das Amt des Bürgermeisters und den Schutz meiner Person (Medien haben zuvor angedeutet, ihn zu outen, Anm). Ich wollte nicht, dass Gegenwind kommt. Was ich sagte, stand nicht im Manuskript. Das ging um die Welt, darauf bin ich stolz. Schwule sind in der Politik nicht mehr problematisch, in anderen Bereichen gibt es noch diese Diskriminierung, wie im Fußball oder Wirtschaftsleben. Da ist noch einiges zu tun.

Berlin hat das Image der weltoffenen und toleranten Stadt: Jetzt ist die AfD hier stark, Fälle von Antisemitismus häufen sich. Wie erklären Sie sich das?
Den Antisemitismus haben wir leider in unsere Gesellschaft trotz historischer Erfahrung nicht gänzlich bekämpfen können. Das ist eine Bildungsfrage, aber löst sich im Prinzip in jedem Einzelfall, wenn man den Grundgedanken nimmt, der uns verbindet: Dass der Menschen akzeptiert werden soll in seiner Unterschiedlichkeit.

Sie beklagen in Ihrem Buch Stress und Schnelllebigkeit in der Politik. Was war die größte Befreiung?

Kein Termindruck mehr und weniger öffentliche Aufmerksamkeit, denn man steht von morgens bis abends unter voller Beobachtung. Denn es gibt nicht Wenige, die nur darauf warten, einem was anzuhängen.

So wie die Etiketten, die man Ihnen verpasst hat: Party-Bürgermeister oder Sparmeister…

Der Party-Bürgermeister hat nicht geschadet, sondern eher zum Image Berlins beigetragen. Und zum Sparmeister: Wir sind heute in einer Situation, in der Berlin Haushaltsüberschüsse hat. Während zu meiner Zeit aus Geldmangel viel in die Zukunft verschoben werden musste. Es ist gut, dass man jetzt investieren kann.

Das Desaster um den Flughafen fällt auch in Ihre Amtszeit. Werden Sie oft darauf angesprochen?

Nicht im Alltag, aber bei bestimmten Gelegenheiten. Es ist traurig, dass der Flughafen bis heute nicht fliegt. Geld spielte ja keine Rolle. Es wurde zur Verfügung gestellt, und ich verstehe nicht, warum die großen Firmen nicht in der Lage sind, eine solche Halle für den Brandschutz genehmigungsfähig zu machen.

Haben Sie manchmal nicht Lust, politisch einzugreifen?

Ich bin ein politischer Mensch und bleibe das bis ans Ende meiner Tage. Das kann man nicht abstreifen, das hat man im Blut. Wenn ich mir bestimmte Verhaltensweisen in der Landes- oder Bundespolitik anschaue, dann juckt es mich manchmal, reinzuhauen, auch mit kräftigen Parolen. Aber nein, das sollte man nicht machen. Ratschläge von a.D.s sind Schläge. Aus der Tagespolitik sollte man sich eigentlich raushalten.

Sie könnten ja die SPD retten.

Ich glaube nicht, dass sie verloren ist. Aber das Resultat bei den Wahlen oder die Prognosen von 20 Prozent sind für die SPD dramatisch. Wir werden bei den nächsten Landtagswahlen nur schwer Erfolge erzielen können. Aber da muss man durch und darf nicht schon wieder nervös werden. Interne Querelen wie z. B. um Schulz und Gabriels Rückzug nützen nur den Gegnern. Sie sollen nicht unterbunden werden, aber in interner Form passieren. Bestimmte Ereignisse sind aber nur schwer zu vermitteln. Vor allem die Frage, ob es zur GroKo kommt oder nicht: Einmal rein in die Kartoffel und wieder raus, das war nicht mehr zu erklären – und für die Glaubwürdigkeit der SPD nicht dienlich.

Die SPD muss jetzt koalieren und sich abgrenzen. Wie kann das funktionieren?

Man kann die Koalition nicht bekämpfen, das tut der Regierung nicht gut. Trotzdem muss die SPD versuchen, diesen Spagat hinzubekommen. Dazu gehört eine klare Positionierung: Will sie linke Volkspartei sein oder sich zur Mitte orientieren?

Soll die Partei linker werden?

Für mich sollte sie eine linke Volkspartei sein, damit sie im Parteienspektrum als Partei der sozialen Gerechtigkeit wiedererkannt wird. In den Zukunftsfragen muss sie zeigen, auf welcher Seite sie steht. Das Vertrauen, das nach der Agenda 2010 verloren gegangen ist, muss wieder zurückgewonnen werden.

Und sie braucht einen guten Kanzlerkandidaten. Derzeit ist der jugendliche Politiker-Typ gefragt, der sich via Social Media inszeniert. Ist Politik oberflächlicher geworden?

Die Politik macht, was Medien offensichtlich fordern und worauf sich die Gesellschaft einlässt. Sie will eine Personifikation. Früher haben gute Kanzlerkandidaten verloren, weil die Partei nicht gut dastand. Heute personifiziert sich das, weil die Parteienbindung zurückgeht. Das Programm lesen auch nur wenige. Also, wo guckt man hin? Auf die Galionsfiguren.

Und die wären?

International herausragenden Figuren sind Macron oder Trudeau, die eine eigene Geschichte erzählen können. Wenn das authentisch ist, klappt die Inszenierung. Auch ihr Kanzler wird in diese Kategorie miteingeordnet. Er hat die alte ÖVP eliminiert und zum Kurz-Wahlverein gemacht. Ich wünsche mir Politiker mit Ecken und Kanten, die auch Verantwortung übernehmen und nicht nur eine One-Man-Show liefern.

Apropos: Juso-Chef Kevin Kühnert hat die SPD das Fürchten gelehrt. Er stammt aus dem gleichen Bezirksverband wie Sie. Ist er ein Hoffnungsträger?

Ich habe noch nie erlebt, dass ein Parteivorstand so viel Angst haben musste wie vor den Jusos. Er hat das sehr gut gemacht, auch in der Differenziertheit: nicht so schäumend, sondern sympathisch. Wie es mit seiner Karriere weitergeht, wird sich zeigen. Ich würde in seinem Interesse die Erwartungen nicht so hoch ansiedeln, es ist noch ein harter Weg.

Zur Person:
Wäre Klaus Wowereit ein Werbetexter, wäre er heute reich: Mit „Berlin ist arm, aber sexy“ verkaufte er der halben Welt die Stadt als  Kreativstandort. 1953  in West-Berlin geboren, entschied er sich mit 16 für die SPD, studierte Jus und regierte von 2001 bis 2014 Berlin. Unter ihm wurde die SPD  wieder stimmenstärkste Kraft, was ihn zur Kanzlerhoffnung machte. Kritik bekam er für seine Sparpolitik und die Verzögerungen beim Bau des neuen Flughafens. 2014 folgte der Rücktritt. Mit seinem Partner Jörn Kubicki genießt er jetzt das „wahre Leben“.