Politik | Inland
26.10.2016

Kernstock-Hymne: Strache erregt erneut mit Posting

FPÖ-Chef postete am Nationalfeiertag einen Text Ottokar Kernstocks. Der Steirer war einer der bevorzugten Dichter des "Dritten Reichs".

"Gott mit dir, mein Österreich!" - mit diesen Worten endet der Text, mit dem FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache Mittwochmittag auf seiner Facebook-Seite einen "schönen Nationalfeiertag" wünscht. Auch von wem diese Hymne (siehe Screenshot) stammt, vergisst der Freiheitliche nicht zu erwähnen: von Ottokar Kernstock.

Die Ähnlichkeit zu Norbert Hofers Sprüchen auf den jüngst affichierten Wahlplakaten ("So wahr mir Gott helfe") ist offensichtlich. Genauen Beobachtern ist aber vor allem eines ins Auge gesprungen - der Name des Dichters.

Die zitierten Zeilen sind die 2. Strophe des Textes "Sei gesegnet ohne Ende", der Nationalhymne (1929-1938) der Ersten Republik sowie des zeitlich darauf folgenden Ständestaats in Österreich. Das Lied ist auch als "Kernstock-Hymne" bekannt. Die ursprüngliche Textversion Kernstocks unterscheidet sich in der Endfassung in Details. So hieß es etwa statt "mein Österreich" zuvor "Deutschösterreich".

Kernstocks "Deutschtümelei"

Wer war also Ottokar Kernstock? Der steirische Lyriker, geboren am 25. Juli 1848 in Marburg an der Drau als Sohn eines Beamten, brach ein Jus-Studium ab und ließ sich später zum Priester weihen. 1889 wurde er als Burg- und Pfarrherr auf die Festenburg bei Vorau zugeteilt. Inspiriert durch seine Tätigkeit als Stiftsarchivar und Bibliothekar begann Kernstock dem Mittelhochdeutschen nachempfundene Minnelyrik zu schreiben.

Im Jahr 1998 - zum 150. Geburtstag Kernstocks - analysierte Gerhard Fuchs von der Universität Graz dessen Werk: "In seinen Reiter-, Soldaten-, Jäger-, Studenten- und Vagantenliedern klingen immer wieder die zentralen Wertvorstellungen des Dichters an: Treue zu Kaiser und Vaterland, Führertum, Tapferkeit, Verklärung von Kampferlebnissen, Verachtung von Schwäche und Pessimismus sowie deutsche Art und Tüchtigkeit".

Im Ersten Weltkrieg ließ sich seine "patriotische Deutschtümelei hervorragend zu nationalistisch-rassistischer Kriegstreiberei und haßerfüllter chauvinistischer Polemik verwenden", sagte der Germanist damals weiter. 1923 verfaßte der Dichter zum Beispiel für die nationalsozialistische steirische Ortsgruppe Fürstenfeld ein "Hakenkreuzlied" - siehe dazu folgenden Tweet, der die erste von drei Strophen zeigt:

So ist auch zu verstehen, dass im Dritten Reich viele deutschnationale Gruppierungen Bezug auf Kernstock nahmen und der Dichter zur Identifikationsfigur wurde - obwohl dieser selbst bereits fünf Jahre vor der Machtergreifung der Nazis gestorben war.

Grüne empört

Von den Grünen reagierte Harald Walser, vergangenheitspolitischer Sprecher der Partei im Parlament. auf das Facebook-Posting. Strache mache "deutlich, dass seine politische Gesinnung auf einer völkisch ausgerichteten Blut- und Boden-Ideologie basiert“, zeigte sich Walser empört. Damit konterkariere Strache nicht nur die österreichische Souveränität, sondern zeige zusammen mit seinen zuletzt geäußerten Bürgerkriegsphantasien, "wohin er Österreich steuern will, nämlich in Zustände, wie wir sie kurz vor und in der Diktatur des Austrofaschismus hatten, die schließlich zum "Anschluss" und in die Katastrophe des Nationalsozialismus geführt hat."

Diskussion um Umbenennungen

Vielerorts - vor allem in der Steiermark - wurden früher Schulen, Plätze und Straßen nach Kernstock benannt. Seit den 1990er Jahren folgten wegen dessen Deutschtümelei Diskussionen um Umbenennungen, die meist auch umgesetzt wurden. 1992 wurde etwa der "Kernstockplatz" in Wien-Ottakring" in "Familienplatz" umbenannt.