96,8 Prozent der Delegierten wählten Kern beim Parteitag in Wien offiziell zum neuen SPÖ-Vorsitzenden.

© Kurier/Juerg Christandl

SPÖ-Parteitag
06/25/2016

Kern zur Zukunft der SPÖ: "Es wird kein Spaziergang"

Der mit 96,8 Prozent neu gewählte SPÖ-Chef warnte bei seiner Kür vor allzu hohen Erwartungen.

von Maria Kern

Als Christian Kern nach seiner Rede Standing Ovations bekam und dabei den Anschein erweckte, als wäre ihm der minutenlange Applaus sogar ein bisschen unangenehm, da sagte eine Pensionistin mit Tränen in den Augen: "Jetzt zahlt es sich wieder aus, bei der SPÖ zu sein."

Eine Gemeinderätin aus Niederösterreich pflichtete bei: "Ich bin begeistert."

Auch die steirische Landtagsabgeordnete Cornelia Schweiner fand die Ansprache des neuen roten Frontmannes "grandios, sie hatte Tiefe und war ermutigend". Kern-Vorgänger Werner Faymann hatte Schweiner zwei Mal nicht gewählt. Die Landespolitikerin warnte aber auch: "Christian Kern kann natürlich nicht der alleinige Heilsbringer sein."

Damit sprach sie am Samstag dem beim außerordentlichen Parteitag mit 96,8 Prozent gewählten Neo-SPÖ-Vorsitzenden aus der Seele. Kern bremste die Zuversicht der rund 640 Delegierten: "Ich weiß, dass ihr mit mir enorme Erwartungshaltungen verbindet. Ich bitte um eine realistischere Sicht." Der rote Frontmann zitierte die "Internationale": "Es rettet uns kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser." Aus dem "Elend" könne sich die SPÖ nur "selbst erlösen".

Erlöst wirkte Kern nach seinem Auftritt. Der sonst so toughe Ex-ÖBB-Chef, der stets im perfekt sitzenden Designer-Anzug erscheint, war auf der Bühne merkbar angespannt. Permanent rückte er seine Spickzettel auf einem Pult zurecht, griff zum Wasserglas, steckte eine Hand in die Hosentasche und zog sie gleich wieder heraus.

Das Setting sollte sich von einer klassischen Parteitagsrede unterscheiden. In Manier von Steve Jobs, dem ehemaligen Apple-Boss, versuchte Kern die Zuhörer anzusprechen. Das war ihm kürzlich beim Landesparteitag der Roten in Kärnten gelungen. Dort hatte er frei gesprochen, war auf der Bühne auf- und abgewandert. Dort war freilich nicht er zur Wahl gestanden.

In der Wiener Messehalle D wagte der 50-Jährige kaum, sich mehr als einen Meter von seinem Pult zu entfernen. Die Sympathien waren dennoch auf seiner Seite. "Er hat zwar unsicher gewirkt, aber das macht ihn authentisch", befand Schweiner. Gewerkschafter Robert Wurm war gerührt: "Mir hat gefallen, dass Christian am Ende Tränen in den Augen hatte. Da hat man gesehen, dass hinter der Maske des smarten Managers menschliche Gefühle stecken."

Inhaltlich deckte Kern freilich auch alles ab, was Genossen gemeinhin von ihrem Chef erwarten: Er strich die Wichtigkeit der Bildungspolitik hervor, sprach sich gegen eine Deckelung der Mindestsicherung und für Vermögensbesteuerung aus. Und er hielt an der Wertschöpfungsabgabe ("Maschinensteuer") fest – trotz Njet des Koalitionspartners.

Die "Mit mir nicht"-Haltung der Schwarzen bezeichnete der Kanzler spöttisch als "ulkig". Die ÖVP betreibe "keine Wirtschaftspolitik, sondern Lobbyismus", ätzte Kern – großer Jubel. Die Koalition mit den Schwarzen ist unbeliebt bei den Roten. Wurm meint, Kern habe seine Partei gestern daher auch "auf mögliche Neuwahlen eingeschworen". Salzburgs SP-Chef Walter Steidl attestiert detto: "Wir bewegen uns auf dünnem Eis in der Koalition. Ich hoffe, dass es der Sommerhitze standhalten wird. Jetzt zu wählen, wäre kein kluger Schachzug – für beide Parteien."

Haupt-Profiteur wäre wohl die FPÖ, das wissen die SPÖler. Kern betonte, er sei "nicht bereit, den Schlüssel zum Kanzleramt den Freiheitlichen auszuhändigen". Er strich aber auch hervor, dass seine Partei die FPÖ-Wähler nicht herablassend behandeln dürfe. Diese Menschen würden nicht aus ideologischen Gründen, sondern "aus Frust" blau wählen. In der Ära Faymann sind ja viele SPÖ-Wähler übergelaufen.

Kein Spaziergang

Ex-Kanzler Werner Faymann war am Samstag nicht dabei – wenig überraschend. Er war ja mit seinem Rücktritt am 9. Mai knapp einer Demontage zuvorgekommen. Kern, der nach dem anfänglichen Höhenflug mittlerweile in den Niederungen der Innenpolitik angekommen ist, bedankte sich bei Faymann: "Ich habe in den letzten fünf Wochen gut verstanden, wie schwierig es ist, Fortschritte für unser Land zu erreichen." Und die SPÖ wieder auf die Siegerstraße zu bringen, das werde "auch kein Spaziergang".

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