Politik | Inland
04.09.2017

Kern will bei SPÖ-Wahlniederlage in Opposition gehen

"Werde mich nicht wehleidig über ORF beschweren." Kanzler Christian Kern wirft Sebastian Kurz beim Sommergespräch vor, "Unwahrheiten" zu verbreiten.

Verkorkster kann eine Interviewsituation eigentlich nicht mehr sein. Das wussten beide. Der Weg, wie SPÖ-Kanzler Christian Kern und ORF-Moderator Tarek Leitner mit der Kritik der ÖVP beim ORF-Sommergespräch umgingen, dass sie ein zu enges Freundschaftsverhältnis pflegen, war allerdings sehr different. Der eine wollte es unter den Tisch kehren. Der andere nutzte es, um seinen politischen Konkurrenten ÖVP-Chef Sebastian Kurz gleich zum Start des ORF-Sommergesprächs eine ordentliche Breitseite zu geben.

Kern bedankte sich, dass er mit Tarek Leitner über Inhalte diskutieren kann, denn „über gemeinsame Urlaube in meiner Kanzlerzeit können wir nicht diskutieren, weil es diese nicht gegeben hat.“ Kern bedauerte es, dass „Außenminister Sebastian Kurz hier Unwahrheiten verbreitet.“ Dann setzte der Kanzler nach: „Ich werde mich nicht wehleidig über den ORF beschweren, denn ich habe Respekt vor Journalisten.“

Und wie reagierte Leitner auf das Statement? Er nahm die Worte des Kanzlers zu Kenntnis, ging emotionslos zur nächsten Frage über. Dem ORF-Moderator war es offenbar wichtig, „business as usual“ zu demonstrieren. Der Kanzler hingegen heizte den Wahlkampf mit seinen Worten nochmals an.

Kurz’ Wehleidigkeit zu unterstellen, war erst der Anfang. Auch wenn Kern den ÖVP-Chef nur beim Anfangsstatement namentlich erwähnte, ließ er keine Möglichkeit aus, den Außenminister indirekt zu attackieren.

Umfrage: Wie fanden Sie den Kanzler?

Da gab es das Thema Neuwahlen. Nach der Präsentation des Plan A im Jänner kamen einige Parteifreunde auf Kern zu und rieten dem SPÖ-Chef zur Neuwahl. Kern lehnte ab, weil es „mir nicht darum geht, meinen persönlichen Ehrgeiz zu befriedigen“. Er, Kern, stelle sich immer zuerst die Frage: „Was hilft Österreich? .“
Weiter ging das Kurz-Bashing mit dem Stichwort Mittelmeerroute. Hier lautete der Vorwurf, dass Kurz nur „Titelgeschichten produziere und dem italienischen Nachbarn ausrichte, was zu passieren habe.“ Diese Strategie, so Kern, bringt keine Lösungen für die Krise am Mittelmeer.

Auch am Islamgesetz, das Kurz maßgeblich ausverhandelt hatte, ließ Kern kein gutes Haar und warf Kurz Inszenierung vor. „Da stellt man sich hin, macht tolle Pressekonferenzen und jetzt zeigt sich, dass das Gesetz kaum exekutierbar ist.“

Umfrage: Wen haben Sie sich angesehen?

Doch die eigentliche Frage des Abends lautete: Wird Leitner auch beim Kanzler wie in der Vorwoche bei Kurz ungeduldig auf präzisere Antworten pochen? Wenn nicht, dann würde die Diskussion über das Naheverhältnis zwischen Kern und Leitner wohl nicht stoppen. Nur bei einem Thema präsentierte sich Leitner ähnlich hartnäckig wie bei Kurz. Er wollte von Kern wissen, ob es sich nun eine Koalition mit der FPÖ vorstellen kann? Da kamen Kern und Leitner trotz mehrerer Nachfragen zu keinem Ergebnis. Am Ende würgte Kern die Diskussion ab, indem er meinte, er wolle jetzt „keine Gesprächszeit mehr für eine Frage verschwenden, die sich nach dem 15. Oktober nicht stellt.“

Und wie reagierte Leitner? Ohne Wenn und Aber kam er dem Wunsch von Kern nach und wechselte zur Rolle von SPÖ-Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil in einer künftigen Regierung. Insgesamt wirkte Leitner bei Kern geduldiger als in der Vorwoche beim Sommergespräch mit dem ÖVP-Außenminister.
Vielleicht war das Gesprächsklima auch deswegen entspannter, weil Leitner seine Fragestellung optimierte. Statt der verschachtelten Fragen, die zu Missverständnissen führten, schaffte es Leitner beim Finale, kürzer und prägnanter zu fragen.

Die einzige Neuheit gab es erst am Ende des Interviews: Da kündigte Kern an, in die Opposition zu gehen, wenn er am 15. Oktober am zweiten Platz landet. "Wenn wir Erster sind, dann werde ich Kanzler bleiben, wenn wir das nicht werden", so Kern, dann werde er die SPÖ in die Opposition führen und Österreich eine schwarzblaue Regierung bekommen.

Umfrage: Wer war am Überzeugendsten?