Politik | Inland
20.06.2018

Karl-Heinz Grasser: Das vergeudete Talent

Er war für die konservative Hälfte des Landes ein Hoffnungsträger. Doch Grasser hat daraus nichts gemacht. Glamour war ihm wichtiger.

Er ist der Sebastian Kurz von vor zwanzig Jahren.

Gehätschelt vom Boulevard, herum gereicht in deutschen Fernseh-Talkshows, angehimmelt von seinen Fans, gefördert von älteren Politikern des Establishments: Die Popularität von Karl-Heinz Grasser Anfang der 2000er hat unverkennbar gleiche Wesenszüge wie jene von Sebastian Kurz heute. Doch auch die Unterschiede sind augenfällig: Kurz wurde Kanzler, während Grassers Karriere abrupt zu Ende ging, und zwar nicht nur, weil sich die politischen Verhältnisse änderten, sondern auch, weil Grasser seine Talente nicht für eine seriöse Laufbahn in der Wirtschaft nutzte.

Grasser startete seine Karriere mit der Unterstützung Jörg Haiders. Grassers Vater, ein wohlhabender Klagenfurter Geschäftsmann, war ein Förderer Haiders gewesen. So kam der Sohn in Kontakt mit der Politik. Über den FPÖ-Klub und die Partei führte ihn der Weg in die Kärntner Landesregierung. Nach einem Zwischenspiel bei Magna wurde Grasser mit 31 Jahren der jüngste Finanzminister der Republik. Sein Förderer Jörg Haider entsandte ihn im Februar 2000 in die erste schwarz-blaue Bundesregierung.

Schüssels Darling

Grasser sagte sich von Haider bald los, er hatte in Wolfgang Schüssel einen neuen, einflussreicheren Mentor gefunden. „Wenn Grasser den Raum betritt, strahlt Schüssel über das ganze Gesicht“, berichteten ÖVP-Politiker von der Faszination, die Grasser auf den damaligen Kanzler ausübte. Auch andere ÖVP-Granden bedauerten, in der eigenen Partei keine solche Nachwuchshoffnung zu haben und adoptierten den Nachwuchs aus dem blauen Haus. Nachdem Jörg Haider 2002 mit dem Aufstand von Knittelfeld Schüssels Regierung gesprengt hatte, wechselte Grasser auch formal auf das Ticket der ÖVP, was nicht unwesentlich zu deren rauschendem Sieg bei der folgenden Neuwahl beitrug.

Marketing vor Inhalt

Grasser war wie Kurz dem Populismus nicht abgeneigt und ein begnadeter Vermarkter. Politisches Marketing übertünchte des öfteren mangelnden Inhalt.

Anders als Kurz, der extrem kontrolliert und diszipliniert agiert, war Grasser jedoch stets dem Glamour und dem Luxusleben zugetan.

„Ich hätte sooo gerne einen Jaguar als Dienstwagen“, sagte Grasser zum KURIER beim ersten Treffen, als Grasser gerade Finanzminister geworden war.

Bald darauf sollte Grassers Lebensstil für negative Schlagzeilen sorgen und erste Schrammen im Image des Sunnyboys hinterlassen. Als amtierender Finanzminister ließ sich Grasser von der Industriellenvereinigung sponsern. Im Zuge eines Beziehungsstreits ruinierte eine seiner Freundinnen einen teuren Porsche, dessen Besitzer sich ominöserweise als ein „Wahlonkel“ Grassers herausstellen sollte.

Seine Affäre und spätere Heirat mit der Swarovski-Kristallerbin Fiona Pacifico-Griffini brachte Grasser mehr Publicity auf den Gesellschaftsseiten ein, als es sich für einen Finanzminister geziemt. Die persönliche Nähe zu problematischen Figuren wie Walter Meischberger tat ein Übriges.

Society statt Finanzwelt

Einer seiner damals engen Mitstreiter im Finanzministerium erzählte dem KURIER, er habe Grasser mehrfach geraten, vom Society-Teil in den seriösen Wirtschaftsteil der Zeitungen zu wechseln, auch, um so die Grundlage für eine Wirtschaftskarriere nach der Politik zu legen.

Doch Grasser wollte nicht. Im Gegenteil. Mit homoerotischen Fotos in Hochglanzbroschüren machte er sich in der erzkonservativen Finanzbranche unmöglich.

Der politischen Karriere Grassers hatte zuvor schon Andreas Khol ein Ende gesetzt. Als Schüssel 2006 völlig überraschend die Nationalratswahl gegen Alfred Gusenbauer verlor, kam es Anfang Jänner 2007 zu einer denkwürdigen Sitzung in der ÖVP. Grasser sollte auf Wunsch von Schüssel Vizekanzler unter Gusenbauer werden, doch Khol legte sich quer, allerdings aus ÖVP-internen Gründen und nicht, weil er etwas gegen Grasser hatte. Ein Vorläuferkonflikt des heutigen Türkis gegen Schwarz.