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Video-Reportage
09/11/2013

Junge Politik: Ideale statt Politfrust

Die Jugend ist nicht politisch? Von wegen! Der KURIER sprach mit vier engagierten Menschen über ihre Motivation, Idealismus und die heimische Politik. Mit Video-Porträts.

von Camillo Roedelius

Knapp über 50 Jahre. So alt ist der durchschnittliche Nationalratsabgeordnete. Wenig verwunderlich, dass junge Österreicher sich von der Politik ausgeblendet fühlen. Das unterstreichen auch Medienberichte und Umfragen: Junge seien politikverdrossen und unpolitisch.

Haben Jugendliche tatsächlich kein Interesse an Politik? Das stimmt so nicht ganz. Es gibt immer noch junge Menschen, die bewusst politisch aktiv werden. Dabei schlagen manche eine klassische Politkarriere ein, andere hingegen pochen auf ihre Überparteilichkeit und engagieren sich ehrenamtlich. Anarchismus und komplette Systemverweigerung scheint hingegen nicht mehr Thema zu sein. Die Jugend zeigt sich engagiert - und dennoch angepasst. Der KURIER hat mit vier Jungpolitikern und Aktivisten über ihre Motivation, Idealismus und die heimische Politik gesprochen.

"Sebastian Kurz ist reine Show"

Auf seinem Arbeitstisch thront eine riesige Vodka-Flasche, dahinter hängt der Flyer „Links ist blöd“. Udo Landbauer selbst ist mit Hemd und Pulli adrett gekleidet. Wenn er spricht, wirkt jedes Wort überlegt, fast schon auswendig gelernt. Schließlich ist er trotz seiner 27 Jahre schon ein alter Hase in der Politik. Mit 14 Jahren hat er im Ring freiheitlicher Jugend (RFJ) angefangen. Nun ist er Bundesobmann und sitzt im Stadtrat von Wr. Neustadt. „Mein Freundeskreis war schon in der Schule politisch sehr aktiv. Vor allem mein Bruder - er hat mich auch in den RFJ und die Burschenschaft eingeführt.“

Die FPÖ ist für Landbauer die Partei mit der größten Bandbreite: „Man muss immer schauen, wo man sich am ehesten wiederfindet. Für mich war das die FPÖ. Heimatbewusstsein und das Festhalten an der Identität sind mir sehr wichtig.“

„Jeder der sagt, es bringt nichts zu wählen, verbaut sich die Zukunft“

Abgesehen von den blauen Kernthemen engagiert sich der Jus-Student dafür, dass Österreichs Jungwähler von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen: „Jeder der sagt, es bringt nichts zu wählen, verbaut sich selbst die Zukunft.“

Von Sebastian Kurz als Paradebeispiel des Jungpolitikers hält Landbauer wenig: „Die Arbeit von Kurz ist reine Show. Er verändert nichts in der Integrationspolitik, sondern arbeitet nur am eigenen Image.“

Vorbild Jörg Haider

Inspirierende Politiker sieht Landbauer auch eher in der eigenen Partei: „HC Strache hat sich unglaublich entwickelt. Und Jörg Haider war sowieso einer besten Politiker der Zweiten Republik.“

„Ich will ein Zeichen setzen“

Hölzerne Balustraden, golden eingerahmte Öl-Gemälde an den Wänden: Der Sitzungssaal des Rathauses Baden ist eindrucksvoll. Kaum vorstellbar, dass sich hier einmal im Jahr 36 laut durcheinander sprechende Schüler versammeln. Katharina Sunk organisiert seit drei Jahren in diesem Saal eine Jugendgemeinderatssitzung. „Zuerst sind die Schüler alle ruhig, keiner traut sich was zu sagen. Doch dann werden alle immer lauter. Am Ende haben wir die Wortmeldungen beschränkt, sonst wären wir nie fertig geworden.“

"Jugendliche müssen das Gefühl bekommen, dass ihre Meinung zählt"

Katharina Sunk ist selbst erst 23. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie Jugendliche für Politik zu begeistern sind. „Junge wären nicht politikverdrossen, wenn man es richtig angehen würde. Wenn wir die Jugendlichen fragen: Was wollt ihr? Dann kommt extrem viel zurück. Sie müssen das Gefühl bekommen, dass ihre Meinung zählt.“

Gräuel Parteipolitik

Sunk hat Politikwissenschaften studiert, arbeitet nun als Journalistin. Ihre Tätigkeiten im Politik Forum Baden macht sie ehrenamtlich: „Es ist manchmal stressig. Aber mir ist wichtig, ein Zeichen zu setzen. Auch auf kleiner Ebene kann man etwas verändern“. Parteipolitik ist ihr allerdings ein Gräuel: „Parteien müssen immer gegen die anderen Parteien sein. Egal ob die Ideen gut sind oder nicht. Niemand kann über seinen Schatten springen“. Für die junge Frau ist deshalb Überparteilichkeit sehr wichtig: „Unser Verein funktioniert vor allem weil wir parteiübergreifend arbeiten. Nur so haben wir die ganze Stadt hinter uns.“

„Die Jugend wird vergessen“

Ein feuchter Händedruck. Klaus-Uwe Mitterer ist nervös. Seit einem halben Jahr ist der 18-Jährige bei den Grünen, es ist das erste Interview bisher. Zuerst war er einfaches Parteimitglied, mittlerweile ist er schon im Bezirksvorstand. Und der junge Steirer hat große Ziele: „Bundespräsident ist schon ein schöner Titel,“ sagt Mitterer mit einem schelmischen Grinsen. Will er also Karriere machen? „Ich gehe in die Politik, weil ich zeigen will, dass sich etwas ändern kann“, erklärt er. In einer Partei sei Veränderung leichter: „Unsere Demokratie ist aufgebaut auf Parteien. Die einfachste Möglichkeit direkt Einfluss zu nehmen ist, wenn du an der Quelle sitzt.“

Politische Familie

Bei Mitterer zu Hause wurde immer schon viel über Politik gesprochen. Der Vater ist selbst für die SPÖ im Gemeinderat. Zu den Grünen kam der Sohn durch Zufall, nun will er die Partei im Bezirk stärken. Dafür veranstaltet er Gesprächsrunden und Filmvorführungen. Politisches Engagement ist in seinen Augen hierzulande unterentwickelt: „Bei uns wird kaum demonstriert oder gestreikt. Das ist offenbar Teil der österreichischen Kultur. Dabei sollten sich Menschen für ihre Anliegen einsetzen.“

"Was von der ÖVP kommt, ist untragbar"

Dass die Jugend sich nicht für Politik interessiere, hält Mitterer aber für „Blödsinn“. Die Parteien würden die Jungen nur nicht ansprechen: „Die Jugend ist nicht die große Wählerschaft – deshalb werden sie komplett vergessen.“ Auch Sebastian Kurz habe daran nichts geändert. „Kurz macht dasselbe wie der Rest der ÖVP. Und was von der ÖVP kommt, ist untragbar“, ereifert sich Mitterer. Und fügt dann hinzu: „Aber seine Karriere, die ist schon beeindruckend.“

„Jungpolitiker sind oft nur Parteisoldaten“

Wenn er spricht, wirkt er älter. Dabei ist Christoph Lengauer erst 22 Jahre alt. Der selbstständige Webprogrammierer ist ländlich aufgewachsen, nun wohnt er in Linz. Politisch aktiv ist er seit den Acta-Demos. Dafür ist er selbst auch auf die Straße gegangen: „Ich bin stundenlang in der Kälte gestanden bis die Finger eingefroren sind und habe Flugzettel verteilt.“

Lengauer engagiert sich ehrenamtlich in der Initiative für Netzfreiheit. Umso aufgeregter wird er beim Thema NSA: „Politik hat die Aufgabe, uns vor Gefahren zu schützen. Merkels Aussage zum Internet finde ich erschreckend. Das Internet gibt es schon länger als den Euro. Keine deutsche Kanzlerin würde allerdings sagen, dass der Euro noch Neuland ist.“

Starre Parteipolitik

Aktiv zu werden und Engagement zu zeigen, ist Lengauer wichtig. Einer Partei will er aber nicht beitreten: „Parteipolitik ist sehr starr. Man marschiert nicht einfach ins Parlament und ändert dann etwas. Alles dauert ewig.“

Das immer mehr junge Politiker ihren Weg in vorderen Plätze der Parteien finden, sieht Lengauer nicht nur positiv: „Die meisten Jungpolitiker sind auch nur Parteisoldaten. Sie haben eine klare Laufbahn innerhalb der Reihen absolviert und spielen das gleiche Spiel wie die Alten.“

"Ich bin wahlkampfverdrossen. Es geht nie um Inhalte, es werden nur Phrasen gedroschen"

Wählen geht er trotzdem. Dafür hat er auch die Wahlprogramme aller Parteien gelesen. Umso irritierender sind Wahlkampfzeiten für ihn: „Ich bin nicht politik-, ich bin wahlkampfverdrossen. Es geht nie um Inhalte, es werden nur Phrasen gedroschen.“ Für die Großparteien hat er ein vernichtendes Zeugnis: Das Hickhack der SPÖ nerve, die ÖVP drehe am Radl. Positiv bewertet er lediglich die NEOS. „Obwohl mir das Programm nicht besonders aufgefallen ist. So wie sie Leute mobilisieren, aktiv zu werden – das ist genau meins.“

Anm. der Redaktion: Die Auswahl der Interviewpartner strebt keine Vollständigkeit an, weshalb auch nicht jede Partei vertreten ist. Es stehen nicht die Parteien, sondern die Persönlichkeiten im Vordergrund.