Politik | Inland
06.09.2018

Jeder fünfte „Taferlklassler“ ist noch nicht reif für die Schule

Bildungsminister Heinz Faßmann will deshalb mehr Hilfsangebote in den Kindergärten und besser geschulte Sprachpädagogen.

Während der Streit zwischen der türkisen Familienministerin Juliane Bogner-Strauß und den roten Ländern um die Zukunft der Bundesförderung für die Kindergärten zunehmend eskaliert, prescht Heinz Faßmann schon einmal vor: Der Bildungsminister stellte am Donnerstag seinen Part des Pakets vor – und legt dabei den Fokus vor allem auf sprachliche Förderung.

Der Grund: Fast jedes fünfte der 83.000 Kinder, die heuer aus dem Kindergarten gekommen sind und mit der Schule begonnen haben, starte als „außerordentlicher Schüler“ oder in einer Vorschule. Zwar finden sich darunter auch Kinder ohne Migrationshintergrund, der Hauptgrund ist aber die Sprachbarriere. „Das ist mir zu viel“, sagt Faßmann.

Neuer Sprachtest

Ein Mitgrund dafür, wie der Minister meint, ist die bisher mangelhafte Sprachförderung in Kindergärten. Deshalb legte Faßmann nun einen einheitlichen Sprachtest für Kindergartenkinder vor – damit sollen sprachliche Bedürfnisse besser erkannt werden. Bisher gab es zwar einen Leitfaden für die Überprüfung der Deutschkenntnisse von Kleinkindern, einheitlich zur Anwendung kam dieser allerdings nicht. Gelten soll der neue Test ab dem nächsten Jahr, heißt es aus dem Bildungsressort.

Auch fließt mehr Geld in die Ausbildung der Sprachpädagogen, die Kriterien für diese werden verschärft. Das Credo: „Weil wir den Kindergarten als erste Etappe des Bildungsbogens sehen, müssen wir hier effizienter werden“, sagt Faßmann. Von den 142,5 Millionen Euro, die für die Förderung von Kindergärten vom Bund gen Länder fließen, wird laut einem Verhandlungsentwurf ein knappes Drittel in die frühkindliche Sprachförderung fließen.

Doch steht es um die Sprachkenntnisse der Kleinsten wirklich so schlecht? Susanna Haas von der Wiener St. Nikolausstiftung (Erzdiözese Wien) kann die Kritik, dass die Sprachförderung zu kurz kommt, nicht nachvollziehen: „Es liegt an den politisch Verantwortlichen, die Rahmenbedingungen zu verbessern.“ Heißt: Es braucht mehr Ressourcen in Form von Personal und das zweite verpflichtende Kindergartenjahr für viele Kinder.

„Sprache lernen Kinder am besten in Alltagssituationen – beim Essen, Spielen, Anziehen – und wenn sie eine gute Beziehung zu der Person haben, mit der sie reden.“ Derzeit stehen in Wien für eine 25-köpfige Gruppe eine ausgebildete Pädagogin und eine Assistentin im Ausmaß von 20 Wochenstunden zur Verfügung. „Das ist zu wenig“, sagt Haas. Es gebe zwar ausgebildete Sprach-Förderassistentinnen – doch die kommen oft nur einen Vormittag pro Woche in die Gruppe.

Verärgert über die Ministerkritik ist Christian Morawek (Wiener Kinderfreunde): „Falls die Regierung Kindergärten unzureichende Leistung unterstellt, ist es zynisch, wenn versucht wird, auch noch deren Budget zu kürzen und unklug, parallel dazu die Mittel für SprachförderlehrerInnen aus dem Integrationstopf zu streichen.“

Kopftuchverbot nur in abgeschwächter Form

 Ein striktes Kopftuchverbot in Kindergärten, wie es im Frühjahr von Türkis-Blau ins Spiel gebracht wurde, wird es indes nicht geben. Auch regierungsintern ist von einer "Symbolmaßnahme" die Rede. Aussehen soll diese wie folgt: Im nun von Faßmann präsentierten  „Werte-Katalog“ für Kindergartenpädogen wird empfohlen, dass Kinder das Kopftuch in der Garderobe ablegen sollen. Wie man dies als Pädagoge deeskalierend den Eltern erklärt, wird in einem Beispiel im Katalog kurz erklärt. Lediglich im Ermessen der Länder liegt, ob es ein landesgesetzliches Verbot gibt. Auch mögliche Sanktionen für Eltern sind nicht geregelt.