Islam-Theologe: "Saudi-Arabien ist Hauptexporteur des Extremismus"

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Foto: AP/Nariman El-Mofty Die Pilgerfahrt nach Mekka ist eine wichtige Säule des Glaubens für Muslime.

Er ist liberal, er ist Islam-Theologe und er steht unter Polizeischutz. Für Mouhanad Khorchide wird der Islam falsch interpretiert. Er fordert eine Reform, wenn der Islam überleben will.

KURIER: Herr Khorchide, nach dem Attentat in Manchester, bei dem 22 Menschen starben, geht es einmal mehr um die Frage, warum gerade junge Männer mit islamischen Wurzeln, die in der zweiten oder dritten Generation im Westen leben, sich radikalisieren lassen.

Mouhanad Khorchide: Ein Hauptgrund dafür ist die schwierige Identitätsfindung der jungen Männer. Der zweite Aspekt hat eine ideologische Dimension – nämlich wie man den Islam versteht. Viele junge Männer kommen in der westlichen Gesellschaft nicht an. Sie schneiden in der Schule schlecht ab, finden keinen Job, fühlen sich diskriminiert, und zwar unabhängig von ihrem sozialen Status. Dazu kommt: Auch in den Heimatländern ihrer Eltern werden die jungen Menschen nicht als dazugehörig akzeptiert, und so versagen die nationalen Identitäten. Ihre Zuflucht finden viele in der Religion, die dann dazu dient, sich von der Gesellschaft ab- und auszugrenzen. Doch gleichzeitig wissen sie zu wenig über den Islam, und so wird ihre religiöse Identität ausgehöhlt, sie ist nur mehr eine dünne verletzliche Schale ohne Inhalt. Das macht sie anfällig für das extremistische Angebot. Was die jungen Muslime in der Gesellschaft nicht finden, bekommen sie in fundamentalistischen Milieus, nämlich ein Gefühl von Anerkennung, ja sogar von Macht. 

Bildnummer: 59810842  Datum: 30.04.2010  Copyright… Foto: imago stock&people Warum hat sich statt dem aufgeklärten Islam der Fundamentalismus durchgesetzt?

Der religiöse Analphabetismus spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Dadurch wird der Islam stark auf Äußerlichkeiten und identitätsstiftenden Merkmale reduziert. Wer interessiert sich heute wirklich für eine intellektuelle Auseinandersetzung mit der islamischen Tradition und Gegenwart? Viele nehmen den Islam als ein von Mohamed verkündetes fertiges Produkt wahr, ohne seiner Entstehungsgeschichte über mehrere Jahrhunderte und somit der Dynamik dieser Religion Rechnung zu tragen. Die Mainstream-islamische Theologie bleibt am Wortlaut des Korans hängen. Ohne die historische Kontextualisierung des Korans im siebten Jahrhundert wird es allerdings schwer sein, zum Beispiel die Gewaltstellen zu entschärfen. Nicht-Muslime sieht man als Ungläubige, die in der Hölle bestraft werden, nur weil sie Nichtmuslime sind. In einer pluralen Gesellschaft kann man sich nicht mit Respekt und Würde begegnen, wenn man davon ausgeht, dass man wegen seiner Religionszugehörigkeit ein besserer Mensch als der andere ist. Deswegen müssen wir Muslime selbstkritisch hinterfragen, welcher Islam heute gelehrt wird.

Blickt man in die islamische Welt, dann geben hier Länder wie Saudi Arabien den Ton an. Eine Glaubensreform ist wohl unrealistisch ...

Saudi-Arabien ist der Hauptexporteur des Extremismus. Deswegen fragt man sich, warum reist US-Präsident Donald Trump nach Saudi Arabien und schließt Rüstungsverträge um 110 Milliarden Euro ab? Aber zurück zur Frage: Wo sehe ich eine Chance? In Europa sehe ich an den islamischen Universitäten ein Reformpotenzial. Hier kann sich die islamische Theologie innerhalb von demokratischen Strukturen entfalten. Anders als in den meisten islamischen Staaten, wo die Religion als Machtinstrument missbraucht wird. Ich bin auch überzeugt, dass der IS die Reformbewegung vorantreibt, weil er viele Muslime wach gerüttelt hat. Sie haben erkannt, dass der IS nicht mit Randpositionen argumentiert. Die meisten theologischen Argumente des IS stehen in der Mitte der islamischen Tradition. Deswegen dürfen wir den Reformverweigerern nicht kampflos das Feld überlassen.

Warum wird in der islamischen Welt Wandel als Schwäche interpretiert?

Die islamische Welt leidet unter einer Bildungskrise. Dass sich die Theologie nicht schnell entwickelt und selbstreflektiert, ist ein Ausdruck davon. Dazu kommt ein Gefühl von Unterlegenheit gegenüber dem Westen. So wird jede Forderung nach Reform als Verwestlichung gesehen. Aus einem niedrigen Selbstwertgefühl heraus beschäftigt man sich weniger mit Inhalten und der eigenen Geschichte. Denn dann würden die Muslime erkennen, dass der Islam nur deswegen im Mittelalter eine Hochkultur sein konnte, weil sie sich selbst immer wieder modernisiert haben und  beispielsweise das griechische Erbe angeeignet haben. Im Mittelalter waren die Muslime viel offener gegenüber anderen Kulturen und viel intellektueller als heute.

Wenn der Terror von Saudi-Arabien gefördert wird, braucht es dann nicht Sanktionen gegen Saudi-Arabien?

Das Überdenken unserer Beziehung zu solchen Ländern ist schon seit vielen Jahren überfällig. Man sollte endlich erkennen, welches Land den Extremismus exportiert. Das ist definitiv nicht der Iran, über den  jahrelang  Sanktionen verhängt wurden. Die meisten Terroristen kommen entweder direkt aus Saudi Arabien oder sympathisieren mit dem wahhabitischen Gedankengut. Leider sprechen die politischen und wirtschaftlichen Interessen immer das letzte Wort. Wir sollten zumindest die Wirtschaftsabkommen mit solchen Ländern an gewisse Auflagen knüpfen.

In Saudi-Arabien und in vielen anderen Ländern gilt die Scharia als Gesetz. Sind Säkularisierung und Islam ein Widerspruch?

Viele islamische Machthaber instrumentalisieren die Scharia für die Legitimation ihrer eigenen Machtinteressen. Für die Despoten ist es ja wünschenswert, wenn die Gläubigen ein restriktives Gottesbild haben. Wenn Religion im Sinne von Gesetzen aufgefasst wird und einem Gott, der mit sich nicht verhandeln lässt und eher wie ein Diktator handelt, dann spielt das dem Regime ja nur in die Hände. Es geht nicht um Gott, sondern um die Macht in seinem Namen.

Mit dieser Macht werden vor allem die Frauen unterdrückt. Ist das Tragen des Kopftuches nun die religiöse Pflicht der Frau oder nicht?

Manche sehen es als Pflicht. Viele Gelehrte sehen das Kopftuch aber zu Zeiten des Propheten Mohamed als ein soziales Merkmal. Es hatte keine religiöse Bedeutung. Das Kopftuch diente damals, wie der Koran sagt, zum Schutz der Frauen, damit man erkennt, wer eine freie Frau und wer eine Sklavin ist. Ich persönlich habe ein Problem mit der verbreiteten Argumentation, dass Frauen ihre Reize mit dem Kopftuch bedenken wollen. Warum? Einerseits machen sich Frauen damit selbst zum Sexobjekt. Andererseits unterstellen sie den Männern, dass sie sexuelle Tiere sind, die nur in sexuellen Kategorien denken. Das ist weltfremd. Männer und Frauen sollten sich in gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe begegnen, ohne dass sie die Begegnung gleich sexualisieren. Wer das Kopftuch aus spirituellen Gründen tragen will, sollte das jedoch machen können.

Die Burka und der Nikab sind auch für Sie als Islamischer Theologe ein Zeichen der Unterdrückung ...

Absolut. Die Burka ist ein Ausschluss der Frauen von der Gesellschaft. Wenn eine Studentin mit einer Burka zu mir zur Prüfung kommen würde, möchte ich wissen, wer sich dahinter verbirgt. Deswegen verstehe ich vollkommen, wenn der Gesichtsschleier verboten wird. 

In Ihrem Buch vergleichen Sie den Islam mit einem Lkw, der aus der Balance gekommen ist. Wie kann der Islam in Zukunft wieder seine Balance finden?

Die Entwicklungen sind sehr unterschiedlich. Auf der einen Seite nimmt der Extremismus leider zu. Das muss man offen sagen. Aber es gibt auch andere Bewegungen. In Indonesien, dem größten islamischen Land, hat man es geschafft, eine Demokratie zu installieren. Selbst in Saudi Arabien dürfen Frauen bald selbst Auto fahren. In Ägypten wurde vor zwei Wochen offiziell verkündet, dass man nicht mehr behaupten darf, Juden oder Christen seien Ungläubige, die nicht die Glückseligkeit finden. Das macht mich optimistisch, dass Reformen doch möglich sind. Wir haben aber auch eine dritte Entwicklung, die man früher nicht kannte – nämlich der zunehmende Atheismus. Im Iran, in Saudi-Arabien oder in Ägypten sagen viele Muslime, wenn das der Islam ist, was heute propagiert wird, dann will ich mich davon verabschieden. Auch in Deutschland registrieren wir unter den jungen Muslimen einen Rückgang bei den Moscheen-Besuchen. 32 Prozent der ersten Generation der Migranten mit türkischen Wurzeln gingen einmal in der Woche in die Moschee. In der zweiten und dritten Generation sind es nur mehr 23 Prozent. Wenn das so weiter geht, sind die Moscheen in einigen Jahren fast leer. Das jetzige Angebot in den Moscheen scheint für die Jugendlichen kaum attraktiv zu sein.

Ihre Forderungen wird Fundamentalisten nicht freuen. Haben Sie Morddrohungen bekommen?

Ja, schon mehrfach. Deswegen steht vor meiner Wohnungstür ein Polizist und auch bei all meinen öffentlich Auftritten bekomme ich Polizeischutz.

Al-Azhar-Universität in Kairo

Großscheich Al-Tayyeb: "Islamisches Denken reformierbar, Islam nicht"

Der Großscheich der islamischen Al-Azhar-Universität in Kairo, Ahmad al-Tayyeb, hält zwar das "islamische Denken" für reformierbar, aber nicht den Islam. "Dieser Unterschied gilt auch für die anderen Religionen", sagte Al-Tayyeb laut Kathpress im "Interview der Woche" des Deutschlandfunk, das am Sonntag ausgestrahlt wird.

Man könne mit Blick auf den Islam von "Erneuerung", aber nicht von einer "Reform" sprechen, so Al-Tayyeb. "Ich will niemanden ermutigen zu sagen, dass ein religiöser Text verwerflich ist und ignoriert oder weggestrichen werden soll", sagte der Großscheich. "Das widerspräche der Hochachtung vor dem Wert des religiösen Textes, der vom Himmel herabgesandt wurde, um das Leben des Menschen bis zum Ableben des letzten Menschen auf dieser Erde rechtzuleiten."

Er sagte zudem: "Aber den religiösen Diskurs sollen wir reformieren und erneuern. Die religiösen Gelehrten müssen die Realität verstehen und den religiösen Text kennen, um die Realität zu heilen." Es seien "kriminelle Abweichler", die man reformieren solle, "und nicht die religiösen Texte".

Buchrezension

Der Islam, eine "normale Religion"? Sehr schwierig

Der Diskurs zeigt guten Willen, aber wenig Aussicht auf Erfolg, weil der Islam in vielen Ländern ein Machtinstrument ist.

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Foto: APA/AFP/NARINDER NANU

Der "liebe Hamed" schreibt dem "lieben "Mouhanad", mit allem Respekt im Ton, gleichzeitig mit großer Differenz in fast allen Fragen der Zukunft des Islam. Kurz gesagt: Die Frage, ob der Islam noch zu retten ist, beantwortet Hamed Abdel-Samad, ein in Kairo geborene Autor mit einem klaren Nein. Der Religionspädagoge Mouhanad Khorchide, geboren im Libanon, aufgewachsen in Saudi-Arabien und seit 20 Jahren österreichischer Staatsbürger, sieht bei aller Kritik am Machtmissbrauch und der Rückständigkeit in vielen islamischen Staaten die Chance auf Reform und Aufklärung.

So sind die 95 Thesen, die sie in Anlehnung an den Kirchenreformer Martin Luther entwickelten, kein Konzept, wie der Islam erneuert werden müsste, um Teil einer modernen, demokratischen Gesellschaften werden zu können. Eher sind sie ein Streitgespräch in Briefform, bei dem die Leser viel lernen können: Über die Entstehung des Koran, die unterschiedliche Auslegung der Schriften, also auch der Hadithe – der Aussprüche des Propheten Mohammed – aber vor allem über die Grundfrage, wie gläubige Muslime in einer Gesellschaft leben können, in der andere Religionen gleichwertig sind.

Die beiden werfen schnell die grundsätzliche und höchst aktuelle Frage auf, ob der Koran eine Anleitung zum Hass oder eine Botschaft des Friedens ist. Abdel-Samad vertritt die These, dass der Koran so widersprüchlich ist, dass seine Botschaften "dem Mörder Argumente bieten, warum Andersgläubige zu töten sind und Terroranschläge rechtens. Gleichzeitig bieten sie dem moderaten Muslim Argumente, um sich von solchen Gräueltaten zu distanzieren."

Mouhanad Khorchide hingegen fordert, dass die Gläubigen den Koran nicht als "vom Himmel gefallenes Werk" betrachten dürften, das wortwörtlich zu verstehen sei, sondern im Kontext der heutigen Zeit. Außerdem müsse der Koran in seiner Gesamtheit gelesen werden. Die Sure 3, "Wahrlich, die Religion bei Allah ist der Islam", liest der Religionspädagoge so, dass alle inkludiert seien, die an einen Gott glauben, also auch Juden und Christen.

Die Gewalt taucht regelmäßig im Koran auf, "Schlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet" (Sure 9:1-5). Khorchide sieht auch hier den historischen Zusammenhang. Mohammed war ja zunächst in Mekka nur von Anhängern umgeben, die spätere, sogenannte "medinische Phase" war eine kriegerische, daher die Aufrufe zur Gewalt.

Ohne Reformen bleibt die Gewalt

Generell appelliert Khorchide an die Muslime, durch eine Reform eine Neubewertung von Geboten und Verboten vorzunehmen. Viele Vorschriften würden nur die Freiheit einschränken und zu Heuchelei, Frustration und moralischer Depression führen." Und: "Ohne Reformen wird der Islam sein Gewaltproblem nicht los werden."

Einig sind sich die beiden Autoren, dass Religion Privatsache ist. Regime, die ihre Macht auf Scharia und die Unterdrückung der Gläubigen aufbauen, schaden dem Islam am meisten. Eine dringend notwendige Reform des Islam kann nur über eine Bildungsreform in den muslimischen Ländern funktionieren. Nur so kann auch Verständnis für Andersgläubige entstehen, nur dadurch würden alle Muslime lernen, so offen und respektvoll miteinander zu diskutieren wie Abdel-Samad und Khorchide. Freilich – beide Herrn brauchen Polizeischutz, weil es Muslime gibt, die solche Thesen bekämpfen. Mit mörderischer Gewalt.

(kurier) Erstellt am
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