Krieg & Krise: Auf welche Szenarien wir uns vorbereiten müssen

Die Handelsstraße von Hormus war kurz offen – und bald wieder geschlossen. Die internationalen Verwerfungen betreffen auch das ferne Österreich. Der KURIER hat nachgefragt, mit welchen Folgen zu rechnen sind.
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Der Welthandel ist durch die sechswöchige Blockade der Straße von Hormus am Eingang zum persischen Golf massiv beeinträchtigt. Niemand kann zur Stunde sagen, wie es weitergeht. Der KURIER hat mit Experten darüber gesprochen, welche Bereiche betroffen sind und mit welchen Folgen für Österreich zu rechnen sind.

Ölförderung 

Die bisherige Blockade hat massive Auswirkungen. Der lauteste Weckruf kam von Fatih Birol von der Internationalen Energieagentur. Er zeichnete ein düsteres Bild der kommenden Wochen und Monaten und sprach von einer gewaltigen Energiekrise, die auf die Welt zukomme.

FILE PHOTO: IEA Executive Director Birol speaks during a press conference in Istanbul

Ölschock

Birol bezeichnete die Auswirkungen durch das Schließen der Straße von Hormus als „die größte Energiekrise, mit der wir je konfrontiert waren“. Diese sei schwerwiegender als die Ölschocks von 1973, 1979 und 2022 (siehe Grafik) zusammen. In Südostasien – konkret in Indien, Pakistan, Indonesien, Taiwan, Philippinen, Südkorea und Japan – gibt es bereits massive Schocks.

Ölpreise seit 1970

Fernost-Lieferketten

Die steigenden Preise und ausbleibende Lieferungen machen sich in vielen Bereichen der Wirtschaft und im Alltag bemerkbar: Es bildeten sich Schlangen an den Tankstellen, in Indien mussten Restaurants aufgrund des fehlenden Gases zum Kochen schließen. Problematisch sind auch die fehlenden Nebenprodukte – die Chip- und Halbleiterproduktion mit ihren Schwerpunkten in Taiwan, China und Südkorea, von der weltweit ganze Lieferketten abhängen, benötigt Helium. Dieses Gas wird vor allem in Katar produziert.

Dünger & Kunststoff

Oder Dünger-Bestandteile wie Ammoniak und Schwefel: Diese werden größtenteils über die Straße von Hormus geliefert. Die Preise für Düngemittel steigen. Darüber hinaus fehlen chemische Grundstoffe wie Naphtha, das für die Kunststoffproduktion benötigt werden.

Ölschock & Österreich

Peter Klimek, Komplexitätsforscher und Leiter des neuen Forschungsinstituts für Lieferketten ASCII, sagt: „Birols Aussagen haben den Hintergrund, dass die Krise viele asiatische Staaten mit voller Wucht getroffen hat. Dort musste bereits rationiert werden. Wir in Österreich, aber auch in Europa, haben relativ wenig direkte Abhängigkeiten von der Golfregion. Der kritische Faktor auch für uns ist die Zeit, wie lange die Blockade tatsächlich andauert.“

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Peter Klimek, Komplexitätsforscher und Leiter des neuen Forschungsinstituts für Lieferketten ASCII.

Lieferketten

Solche Unwägbarkeiten würden auch Spezialprodukte treffen, sagt Klimek. „Düngemittel, Plastik, Spezialgase für die Industrie, Aluminium, Schwefelsäure – oft werden als Erstes aber Produkte knapp, die man nicht am Schirm hat, etwa Verpackungen von Medikamenten. Da gibt es oft überraschend viele Flaschenhälse, wenn Rohstoffe plötzlich fehlen. Leider ist es schwer bis unmöglich vorauszusehen, wo die Probleme zuerst auftreten.“

Handelskipppunkte

Eine große Gefahr seien dann „Kipppunkte“: Ein paar Verzögerungen, Umleitungen oder höhere Frachtraten wären noch beherrschbar. Wenn aber etwa eine wichtige Seeroute länger blockiert ist, Versicherungen explodieren, Häfen überlastet sind und zu viele Schiffe gleichzeitig ausweichen müssen, dann entsteht nicht nur mehr Stress, sondern ein qualitativer Sprung, durch den Lieferketten reißen, Preise sprunghaft steigen, Waren knapp werden, und Produktionsstopps Unternehmen zwingen, dauerhaft ihre Beschaffung oder Standorte zu ändern. „Ein Kipppunkt ist also da, wenn aus einer Störung eine Systemkrise wird.“

Folgen für die Welt

Klimek betont, dass Zeit der kritische Faktor bleibt. Je länger Unterbrechungen andauern, desto problematischer wird es. „Andererseits führen die hohen Preise oft rasch zu Verhaltensanpassungen“, sagt der Forscher und nennt als Beispiel, dass etwa Soja statt Mais angepflanzt wird – einfach weil Soja weniger Dünger benötigt.

Fokus auf Hormus 

Sollte die Straße von Hormus wieder dauerhaft geschlossen bleiben, dann, sagt Komplexitätsforscher Klimek, kann es sein, dass betroffene Waren und Güter dem Weltmarkt auf Dauer entzogen bleiben. „Also auch weniger Öl und Gas, als auch die Vorprodukte. So einen Ausfall wird man nicht kompensieren können. Das würden wir alle spüren – weil die Preise dann dauerhaft so hoch sein werden, dass sich die Nachfrage auf die tatsächlich verfügbaren Mengen reduziert.“

Reaktion der Märkte

Noch am Freitag sanken die Börsenpreise sofort nach der Ankündigung, die Straße von Hormus sei wieder offen. Dass die Rohölpreise in den Tagen davor nicht noch stärker gestiegen sind, liege einerseits an der Freigabe der Erdölreserven, sagt IHS-Ökonom Klaus Weyerstraß. „Zum anderen sind bis jetzt nur relativ wenige Ölanlagen beschädigt worden. Die Erwartung ist, dass die Versorgung großteils wiederhergestellt werden kann.“ 

Derzeit steige der Ölpreis bei neuerlichen Angriffen sehr schnell und sinke bei Hoffnungen auf Friedensgespräche wieder stark, sagt Weyerstraß. Diese Schwankungen von täglich bis zu zehn Dollar pro Fass seien nachvollziehbar.

PK ÖSTERREICHISCHES INSTITUT FÜR WIRTSCHAFTSFORSCHUNG (WIFO), INSTITUT FÜR HÖHERE STUDIEN (IHS) "KONJUNKTURPROGNOSE 2025 UND 2026 - WINTERPROGNOSE": WEYERSTRASS

IHS-Ökonom Klaus Weyerstraß. 

Konjunktur & Ölpreis

„Wir haben in der Konjunkturprognose ein Alternativszenario berechnet, bei dem der Öl- und Gaspreis noch längere Zeit steigen und auf einem höheren Niveau bleiben. Das Wachstum wäre heuer noch einmal um 0,2 Prozentpunkte geringer, die Inflation um 0,1 Prozentpunkte höher“, sagt Weyerstraß. Dieser Negativtrend würde sich 2027 fortsetzen.

Der drohende Kerosin-Engpass habe grundsätzlich viele überrascht, sogar die Fluglinien, sagt Weyerstraß: „Womöglich gibt es auch einfach zu wenige Daten, wie die Vorräte gefüllt sind.“

Vergangenheitsvergleich

„Dieser kurze, schnelle Ausfall eines großen Teils der Gas- und Ölversorgung ist wirklich stärker als bei früheren Krisen. Gleichzeitig sind die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen auf Europa geringer als in den 1970er-Jahren, weil die Wirtschaft heute weniger vom Öl abhängt“, sagt Weyerstraß. Die wichtigste Lehre müsse dennoch sein, den Ausbau Erneuerbarer Energien voranzutreiben.

Energiespar-Appelle

Stärker als Europa trifft die Krise Asien, Energiesparmaßnahmen wurden dort teils staatlich verordnet. Ist das bald auch in Österreich nötig? „Von einer Viertagewoche oder einem autofreien Sonntag sind wir, glaube ich, noch weit entfernt“, sagt Weyerstraß. „Andererseits ist ein niedrigeres Tempolimit auf Autobahnen zwar politisch heikel, aber das könnte man schon machen. Wenn man gut erklärt, dass damit noch gravierendere Auswirkungen gedämpft werden, lässt sich die Bevölkerung ja vielleicht überzeugen.“ 

Wer konstant 100 km/h statt der erlaubten 130 km/h auf der Autobahn fährt, der kann laut ÖAMTC unter Idealbedingungen bis zu 25 Prozent an Spritverbrauch einsparen.

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