Politik | Inland 17.03.2016

"Nach der Schule geh’ ich AMS"

© Bild: REUTERS SERGIO PEREZ

Immer mehr Lehrer packen aus und erzählen von der Not an ihren Schulen.

Ein Drittel der Schüler ist später am Arbeitsmarkt nicht vermittelbar. Mit diesem Befund, den eine Wiener NMS-Direktorin im KURIER äußerte, ist sie nicht alleine. Es fehlt an allem: "Den NMS hat man Ressourcen für die Sprachförderung genommen", beklagt Karlheinz Fiedler. Als pensionierter NMS-Direktor weiß er, wovon er redet. "Die Mittel wurden alle in den Kindergarten und in die Volksschule gesteckt, was an sich ja gut ist. Nur bräuchten sie auch die Mittelschule."

Das Problem seien nicht die Flüchtlinge: "Die sind hochmotiviert und wollen Deutsch lernen." Anders sei das bei den Kindern der zweiten Generation. "Die sprechen ein Kauderwelsch und sind weder in der Muttersprache noch in Deutsch firm." So richtig zum Problem wurde das, seit es das Satellitenfernsehen gibt und sie nur türkische, bosnische oder polnische Sender schauen. Das stimmt natürlich nicht für alle Kinder: "Auch bei uns ist es bei einem Drittel so". Das bestätigt eine Lehrerin, die anonym bleiben will: "Wenn von zu Hause nichts kommt, haben wir es in der Schule schwer, gegenzusteuern. Bei einigen Schülern ist Leistung ein absolutes Fremdwort." Der Satz: "Nach der Schule geh’ ich AMS" fällt da oft.

Bitte, danke

Dass Kinder von zu Hause ein Mindestmaß an Umgangsformen mitbringen, sei mittlerweile nicht mehr selbstverständlich: "Grüßen, bedanken oder die Türe aufhalten – das übe ich mit den Kindern beim sozialen Lernen", berichtet die Lehrerin. Nachsatz: "Diesen Mangel stelle ich auch bei AHS-Schülern fest."

Das hat Folgen: "Wer das nicht kann, bekommt keine Lehrstelle", sagt Fiedler, der beim Gewerbeverein Schüler fit für den Arbeitsalltag macht.

Der Frust sitzt tief, wie der Brief eines Lehrers zeigt: "Heterogenität im Unterricht ist eine Tatsache, die wir bewältigen müssen. Wer sie absichtlich herbeiführt, handelt verantwortungslos gegenüber den Kindern. Kein Schüler profitiert von Unterforderung – von Überforderung schon gar nicht. Deswegen bin ich für Wiedereinführung der Leistungsgruppen."

Die Behörden würden nicht unterstützen, sondern unsinnige Vorgaben machen: "Wir sollen jetzt Biologie auf Englisch unterrichten – dabei können die Kinder nicht einmal Deutsch. Das führt bei allen zum Frust."

Dringend notwendig wäre jetzt ein Bündel an Maßnahmen, meint Elternvertreter Christian Morawek: "Diese Kinder sollten schon mit drei Jahren in den Kindergarten, weil ihnen da der Spracherwerb noch leichtfällt. Zudem müssen wir in die Schulen, die besonders viele Herausforderungen meistern müssen, mehr investieren."

Wie bei islamischen Kindergärten

Für Harald Walser ist die Sache klar: „Das meiste Geld muss dorthin, wo die Probleme am größten sind – und in Wien ist das offenkundig die Neue Mittelschule.“
Der Bildungssprecher der Grünen fühlt sich durch jüngste KURIER-Berichte über die Defizite in der Neuen Mittelschule (NMS) bestätigt (siehe oben). Und er hat im Parlament eine Anfrage zu den erwähnten Missständen deponiert. Konkret will Walser vom Unterrichtsministerium wissen, was man zu den beschriebenen Problemen sagt – und warum Direktoren, die Fehlentwicklungen ansprechen, mit Maulkorb-Erlässen sanktioniert werden.
Einmal mehr fordert Walser „unbürokratische Lösungen“. Konkret heißt das für ihn: Insbesondere in Schulen, in denen die soziale Durchmischung nicht passt, müssten Lehrer mit der Zusatzqualifikation „Deutsch als zweite Sprache“ in Klassen gebracht werden.
Walser: „Wir müssen mehr Lehrer mit dieser Qualifikation ausbilden. Kurzfristig ist gleichzeitig notwendig, Pädagogen sofort in die Klassen zu schicken. Allein in Wien haben wir rund 100 Pädagogen, die kurzfristig als Unterstützungslehrer einspringen könnten. Man muss ihnen das aber formal erlauben – also ein wenig abseits der Formalismen denken.“

Über den Schatten

Hier sollten auch die Grünen über ihren Schatten springen, meint Walser: „Es muss vorübergehend möglich sein, Schüler mit starken sprachlichen Defiziten in Klassen zusammenzufassen, um ihre Deutschkenntnisse rasch aufzubessern.“ Insbesondere in der SPÖ wird diese Maßnahme mit dem Argument der „Getto-Klassen“ vielfach abgelehnt.
Abgesehen von den Grünen äußerten sich gestern auch andere Parteien kritisch zu den via KURIER kolportierten Zuständen an der NMS. „Hier passiert, was wir in Wien schon bei den islamischen Kindergärten beobachten konnten: Ein Problem wird strikt ignoriert, weil nicht sein kann, was nicht sein darf“, sagt Gernot Blümel zum KURIER.
Für Wiens ÖVP-Chef sind die kolportierten Fehl-Entwicklungen Anlass, den Fortbestand des Gymnasiums zu propagieren: „Alle Vorbehalte gegen die NMS scheinen sich zu bewahrheiten. Insofern wäre es fahrlässig, würde man sich von einem funktionierenden Schultyp wie dem Gymnasium verabschieden, ehe man die Schwierigkeiten beim anderen, nämlich den NMS, behebt.“
Matthias Strolz, Parteichef der Neos, hält die thematisierten Zustände für „beklemmend“: „Aus unserer Sicht liegt die Lösung in der Autonomie der Schulen, die untereinander um öffentliche Mittel wetteifern sollen.“ Für Schüler, deren Eltern einen formal niedrigen Bildungsstatus haben, sollen Schulen finanziell mehr Mittel bekommen als für andere. „Damit“, sagt Strolz, „hätten Schulen einen positiven Anreiz für eine soziale Durchmischung, weil sie so ihr Budget erhöhen können.“
-Christian Böhmer

( kurier.at ) Erstellt am 17.03.2016