Politik | Inland
11.09.2018

Herrscht in Schulen ein Kulturkampf?

Was dran ist an den aufrüttelnden Thesen einer Lehrerin – und wie man sinnvoll gegensteuert?

In Österreich findet ein „Kulturkampf im Klassenzimmer“ statt. Mit diesem, ausnehmend beunruhigenden Urteil ging nun die Wiener NMS-Lehrerin Susanne Wiesinger neuerlich an die Öffentlichkeit – ihr erstes Buch trägt diesen Titel.

Der Bericht aus dem Klassenzimmer beschreibt teils erschütternde Erfahrungen: Kleinkinder, die durch Religionslehrer islamistisch indoktriniert werden; Lehrerinnen, die muslimischen Vätern präventiv nicht die Hand geben; Schülerinnen, die mit gefälschten Attesten den Schwimmunterricht mit den Burschen schwänzen müssen, nur weil ihre Community das so fordert.

Im Kern beschreibt Wiesinger eine Kapitulation der Schule und der Schulpolitik vor dem radikalen Islam. Einzelfälle oder Systemversagen? Der KURIER beantwortet die wichtigsten Fragen.

Ist die Situation tatsächlich so dramatisch, wie sie Autorin Wiesinger schildert?

„Ja, zu hundert Prozent kann ich das unterschreiben“, bestätigt etwa Andrea Walach, Direktorin einer NMS in Wien-Margareten. Auch andere Direktoren von Wiener Brennpunktschulen berichten von Spannungen, die großteils von außen in die Schule getragen werden. „Tschetschenische, afghanische, türkische und serbische Communitys bleiben in der Schule wie im echten Leben unter sich“, sagt der Floridsdorfer NMS-Direktor Christian Klar. Der Druck dieser Communitys auf einzelne Schüler sei enorm. Man könne ihm nur begegnen, indem man radikalen oder rassistischen Haltungen und Handlungen mit null Toleranz begegne.

Wie groß ist das Problem? Wie viele Schulen sind betroffen ?

Dazu gibt es wenig belastbares Material. Eine Orientierung gibt allerdings der im Vorjahr erstellte Schul-Index: Die Schulstandorte wurden nach dem „sozio-ökonomischen“ Hintergrund der Kinder und ihrer Eltern bewertet – also Bildungsgrad, Einkommen, Herkunft. Von 2982 Volksschulstandorten im Schuljahr 2016/17 (inklusive konfessioneller Privatschulen) gehören in Summe 284 Standorte (9,6 Prozent) zu den Brennpunktschulen („Kategorien 3 und 4“). Von 1087 Standorten der Neuen Mittelschule haben 234 Schulen (21,5 Prozent) einen Indexwert von 3 oder 4. Mit anderen Worten: Jede zehnte Volksschule und jede fünfte NMS in Österreich könnte von Zuständen betroffen sein, wie sie Wiesinger beschreibt.

Als zentrales Problem wird unter anderem der islamische Religionsunterricht genannt. Ist das so – und wie ist dieser geregelt?

Wie bei allen anderen Konfessionen ist auch beim islamischen Religionsunterricht für Unterricht und Aufsicht allein die islamische Glaubensgemeinschaft zuständig. Der Staat bezahlt nur die Pädagogen. Die von Wiesinger gebrachten Beispiele geben zumindest Grund zu der Annahme, dass die Kontrolle verbessert werden müsste. Im Unterschied zu anderen Glaubensbekenntnissen sei es vielfach so, dass „viele Schüler arabische Koransuren auswendig lernen, ohne die Bedeutung zu hinterfragen oder einzuordnen“. Zudem würde – im Unterschied zum Religionsunterricht anderer Konfessionen – nur selten über andere Religionen gesprochen.

Wie kann man gegensteuern? Brauchen Lehrer oder Direktoren mehr Sanktionsmöglichkeiten?

Während etwa der Wiener Schulstadtrat diesbezüglich keinen akuten Handlungsbedarf sieht, sind einzelne Direktoren durchaus überzeugt, dass Lehrer und Direktoren mehr Handhabe bekommen sollen. Ex-Ministerin und SPÖ-Bildungssprecherin Sonja Hammerschmid beklagt Kürzungen der Bundespolitik bei Integrationsmaßnahmen und fordert mehr Mittel für „Supportpersonal“ für Brennpunktschulen, also Sozialarbeiter und Psychologen. Das verlangt auch die Gewerkschaft seit Jahrzehnten, bisher konnte die Bundespolitik aber nicht das notwendige Geld bereitstellen.

Warum eigentlich, Frau Walach?

Die Direktorin der Neuen Mittelschule Gassergasse in Wien Margareten im KURIER-Schul-Talk.