Politik | Inland
19.11.2017

Herbert Kickl: "Mal General, mal Sekretär"

Der FP-Generalsekretär gilt neben Strache als wichtigster FPÖ-Verhandler und Minister in spe.

Es ist Freitagabend, kurz vor sieben, als Herbert Kickl im Dachgeschoß der FPÖ-Zentrale aus dem Lift steigt und akzeptieren muss: Er hat jetzt die Kontrolle verloren.

Nicht grundsätzlich, Gott behüte! Aber der freiheitliche Generalsekretär ist nicht Herr seines Terminkalenders. "Ich bin nicht selten fremdbestimmt, oft nur Passagier."

Kickl kommt von einem Treffen in der Hofburg. Der Bundespräsident wollte ihn und Parteichef Heinz-Christian Strache sprechen, und es hat länger gedauert. Warum, das kann er nicht erzählen. Die Vertraulichkeit, Sie verstehen. Jedenfalls ist Kickl überfällig. Mehr als eine Stunde. Und das ist für einen, der morgens um halb sechs zum Laufen ausgerückt ist, damit der Tag Struktur bekommt, zumindest einmal gewöhnungsbedürftig.

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Am Zenit

Jeans, Sakko, weißes Hemd. So sitzt der 49-Jährige jetzt auf einem Sofa im Büro des Parteichefs und wirkt zufrieden. Warum auch nicht?

Der disziplinierte Triathlet ist am Zenit. Neben Parteichef Strache gilt er bei den Koalitionsgesprächen als wichtigster FPÖ-Mann am Tisch. Mit Glück ist er noch vor Weihnachten Minister.

Kickl selbst gibt sich naturgemäß zurückhaltend: "Ich bin niemand, der sich über ein Ministeramt definiert." Aber zutrauen täte er sich die Sache jedenfalls, das steht außer Zweifel.

Der gebürtige Kärntner verfügt, soweit sind Freund wie Feind einer Meinung, über einen wachen Geist.

Ihm wird vieles zugetraut, und das ist nicht nur als Kompliment zu verstehen.

Aber was ist seine Rolle? Parteistratege? Strache-Berater? Wahlkampfmanager?

Kickl selbst gefällt die Bezeichnung " Generalsekretär". "Ich bin vormittags General, nachmittags Sekretär – oder umgekehrt."

Der Vater eines 17-jährigen Sohnes versteht sich als "Universalist". Wie in einem Motor will er die Teile der FPÖ zusammenhalten. "Ich bin das Getriebe."

Außer Frage steht, dass Kickl von seiner unerbittlichen Nähe zu Parteichef Strache profitiert. Als Jörg Haider 2005 das BZÖ erfand, blieb Kickl bei der Rest-FPÖ.

"Seither sind Strache und er wie zwei alte Tanten, die Hand in Hand übers Glatteis stolpern", ätzt der Intimfeind und frühere FPÖ-Volksanwalt Ewald Stadler. "Sie sind voneinander abhängig. Fällt die eine, stürzt auch die andere." Haider-Vertrauter Stefan Petzner nennt Kickl abschätzig "Straches Hirn".

Kickl versucht über solchen Anwürfen zu stehen. "Diese Kritik sagt vor allem etwas über diejenigen, die sie formulieren."

Aber das erzählt noch nichts darüber, was Kickl antreibt, wofür er brennt.

"Gerechtigkeit", antwortet er, sei sein Motor. Er gibt nichts auf Sternzeichen, doch sein eigenes – die Waage – erscheint ihm passend: "Ich bin jemand, der den Ausgleich sucht."

Herbert Kickl, der Verbinder und Mediator?

Spätestens hier ist man an den Punkt, wo Eigen- und Fremdwahrnehmung des freiheitlichen Generals in einem dramatischen Missverhältnis stehen.

Denn über die Jahre hinweg hat sich Kickl einen eher zweifelhaften Ruf als Scharfmacher erarbeitet.

Er war es, der Jörg Haider einst mit Rede-Beiträgen wie dem "Westentaschen-Napoleon" (gemeint war Frankreichs Präsidenten Jacques Chirac) oder dem "Ariel"-Vergleich (Haider sagte über den Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde bei der Aschermittwochsrede 2001: "Der Herr Ariel Muzicant: Ich verstehe überhaupt nicht, wie wenn einer Ariel heißt, so viel Dreck amStecken haben kann; das verstehe ich überhaupt nicht.") mitversorgte.

Und noch bis vor wenigen Wochen verhöhnte er namhafte Vertreter der ÖVP als "Politschausteller" und zog die Denkleistung von Sebastian Kurz in Zweifel: "Der Begriff Kurzzeitgedächtnis bekommt bei ihm eine ganz neue Bedeutung."

In seiner gesamten Karriere hat Herbert Kickl nie einen Angriff bereut oder zurückgenommen. "Man muss dazu stehen, was man sagt. Natürlich ist das mitunter an der Grenze, aber als Oppositionspartei hast Du eine bestimmte Rolle und ein Anforderungsprofil. Du bist in einem ständigen Ringen um Aufmerksamkeit."

Ist die Angriffslust also der Rolle geschuldet?

Politische Weggefährten sind sich da nicht ganz so sicher. "Der Herbert Kickl ist hinter verschlossenen Türen, genau so, wie er sich vor laufenden Kameras gibt: Wortgewaltig und gnadenlos", sagt Gerald Loacker. Der Sozialsprecher der Neos kennt sein FPÖ-Pendant aus dem parlamentarischen Sozialausschuss. Und er äußert eine Einschätzung, die von anderen Oppositionskollegen geteilt wird: "Vielleicht liegt es an seiner Rolle in der FPÖ, vielleicht ist es aber sein Charakter. Fest steht, dass Kickl den Eindruck vermittelt, als würde ihm das Kollegiale nicht besonders liegen."

In der Kritik

Der frühere Grünen-Mandatar Dieter Brosz sieht das ähnlich: "Wenn sich Strache in der Parlamentspräsidiale vertreten hat lassen, dann immer von Kollegen wie Walter Rosenkranz oder Dagmar Belakowitsch." Warum nie Kickl? Brosz’ Erklärung: "In der Präsidiale geht es darum, Kompromisse und Lösungen zu finden. Und dieser Dialog hat Herbert Kickl nie interessiert."

SPÖ-Gewerkschafter Josef Muchitsch gehört zu den wenigen Nicht-FPÖlern, die Positives über den freiheitlichen General zu erzählen wissen. "Man kann mit ihm durchaus Dinge vereinbaren, und die halten dann. Er hat nicht nur eine aufgezogen-aggressive Seite, sondern auch eine verbindliche."

Will Herbert Kickl Minister werden, dann wird er diese Seite sehr bald zeigen müssen. Andernfalls wird es eng. Oder wie würde Kickl selbst wohl sagen: Als Scharfmacher entspricht er nicht dem "Anforderungsprofil".

Zur Person: Iron-Man und Hegel-Fan

Herbert Kickl (*1968) wuchs als Arbeiterkind im Kärntner Radenthein auf und ging unter anderem mit Eva Glawischnig ins Gymnasium. In Wien studierte der Hegel-Fan Philosophie, schloss aber nie ab. Über die FPÖ-Akademie kam er ins Umfeld von Jörg Haider und wurde dessen Reden-Schreiber. Bei der Abspaltung des BZÖ 2005 blieb er in der FPÖ und wurde Generalsekretär. Kickl ist Triathlet ( Iron Man unter elf Stunden) und Vater eines 17-jährigen Sohnes.