Pammesberger fragt: Und jetzt, Dr. Heinz, Fischer?

© KURIER/Michael Pammesberger

Heinz Fischer: Ein Mann des Schabernacks geht

Heinz Fischer: Ein Mann des Schabernacks geht

Wegbegleiter erzählen, was den Bundespräsidenten abseits des Protokollarischen charakterisiert hat.

von Karin Leitner, Ida Metzger

07/10/2016, 06:00 AM

„Heinz, es ist keine g’mahde Wiesn“

Sie hielt eine berührende Abschiedsrede für das Ehepaar Fischer. Die richtigen Worte zu finden, fiel NationalratspräsidentinDoris Bures leicht, denn sie ist mit Margit und Heinz seit Langem befreundet. Im Wahlkampf lernte sie Fischers Gelassenheit kennen und schätzen: „Es war im Jahr 2004: Als SPÖ-Bundesgeschäftsführerin war ich mit Norbert Darabos für den ersten Wahlkampf von Heinz Fischer zuständig. Wir hatten die ersten Umfragedaten – und die waren zu Beginn nicht ganz so, wie wir erwartet und gehofft hätten. Wir machten uns also auf den Weg zu Heinz Fischer in sein Refugium an der Hohen Wand. Es war kein leichter Weg, galt es doch dem wahlkämpfenden und hoch motivierten Heinz Fischer eine nicht ganz einfache Botschaft zu überbringen. Auf gut Wienerisch: ,Heinz, es ist keine g’mahde Wiesn.’ Heinz Fischer hörte sich das unbeeindruckt an, lächelte milde und sagte in allergrößter Gelassenheit: ,Jetzt gehen wir erst mal raus und genießen die herrliche Aussicht!’“

„Eine eigenartige Gesprächsführung“

Der ÖVP-Vizekanzler und Heinz Fischer waren manchmal tagelang miteinander unterwegs. Als Wirtschaftsminister hat Reinhold Mitterlehnerden Bundespräsidenten bei vielen Reisen begleitet. Auch in Argentinien waren sie gemeinsam. Auf der Agenda stand eine Zusammenkunft mit (der damaligen) Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner. Die Frau tauchte aber nicht auf. „Die gesamte Delegation musste eineinhalb Stunden im Stehen auf sie warten, obwohl sie bereits im Gebäude war. Dann plötzlich ihr inszenierter Auftritt, sofort begann das Gespräch“, erzählt Mitterlehner. Und das verlief ungewöhnlich: „Die Präsidentin stellte zwar Fragen über Europa, sie beantwortete sie dann aber gleich selbst. Weder Fischer noch sonst jemand aus der österreichischen Delegation kam wirklich zu Wort.“ Andere wären ungehalten gewesen, Fischer sei auch außer Protokoll „ganz Diplomat“ geblieben. Sein Kommentar: „Das war eine doch recht eigenartige Gesprächsführung durch die Frau Präsidentin.“

„Nach drei Tempi kam er aus dem Teich“

Den meisten Bürgern sei die abwägende, ernsthafte Art von Heinz Fischer geläufig, er sei aber auch ein Mann des „ Schabernacks, des spontanen Scherzes“, sagt die ehemalige Dritte Nationalratspräsidentin und Ex-LIF-ChefinHeide Schmidt. Vor Kurzem saß eine große Runde mit dem Bundespräsidenten in dessen Sommerresidenz in Mürzsteg. Ein kleiner Badeteich ist dort. Zwölf Grad hatte das Wasser. Etliche Gäste bekundeten ihren „Respekt“ vor so kalter Flut. Fischer tat kund, „für viel Geld für eine gute Sache“ in den Teich zu springen. „Wir konnten ihn gerade noch davon abhalten, das in voller Montur zu tun“, berichtet Schmidt. Fischer lief ins Haus, kam in Badehose bekleidet zurück – „und war sofort mittels Kopfsprung im Wasser. Nach drei Tempi kam er wieder heraus.“ Zuerst gab es dafür Applaus, dann ein beträchtliches Sümmchen für ein Sozialprojekt. Fischer sei selig gewesen: „Die Freude über den Sprung und den Geldbetrag dürften sich die Waage gehalten haben.“

„Das ist Breschnew auch einmal passiert“

Zwölf Jahre war Meinhard Rauchensteinerder Berater des Bundespräsidenten für Kunst, Kultur und Wissenschaft. Wie viele Hofburg-Mitarbeiter, war Rauchensteiner beim Abschied den Tränen nahe. Was bleibt, sind die Erinnerungen an 200 Auslandsreisen. Ein besonders lustiges Hoppala passierte in der ersten Amtszeit. „Als der russische Präsident Vladimir Putin in Wien war und das große Staatsbankett am Abend stattgefunden hat, hielt Fischer eine Rede. Er schaute auf sein Manuskript und bemerkte: Es war die falsche Rede! Es kam kein böses Wort, sondern Fischer sagte zu seinen Mitarbeitern nur: ,Kinder, das ist schrecklich, das ist ja das falsche Manuskript!‘“ In dem Moment hatte er vergessen, dass Putin perfekt Deutsch spricht. Russlands Präsident lehnte sich also zu Fischer hinüber und sagte: „Herr Präsident, haben Sie vielleicht die falsche Rede? Machen’s Ihnen nichts draus, das ist dem Breschnew auch einmal passiert, nur hat der es gar nicht gemerkt.“ Damit war die Situation gerettet.

„Unterrichtsbefreiung vom Präsidenten“

Vergangenen Donnerstag verabschiedete das Bundesheer seinen Oberbefehlshaber Heinz Fischer mit dem großen Zapfenstreich. Eines fiel dabei auf: In der ersten Reihe saß die Ex-ÖVP-Staatssekretärin Christine Marek. Fischer begrüßte sie besonders freudig. „Ich habe Heinz Fischer auf vielen Auslandsreisen begleitet. Seit damals verbindet uns ein herzliches Verhältnis.“ Marek rief den Migrantinnen-Award „MiA“ ins Leben – und Fischer kam als Ehrengast zu jeder Preisverleihung. „Einmal lud er alle Gewinnerinnen zu einem Frühstück zu sich in die Hofburg ein. Darunter war auch eine 17-jährige Jungjournalistin, die noch zur Schule ging. Als Fischer das Mädchen fragte, was es denn so mache, antwortete die Gewinnerin: ,Eigentlich sollte ich jetzt in der Schule beim Unterricht sein.’“ Fischer wurde sofort aktiv und half dem Mädchen aus der Patsche: „Er griff nach einem Kugelschreiber und schrieb der 17-Jährigen die Entschuldigung des Bundespräsidenten auf ihren Arm.“

„Terminus technicus: Das Ausfischern“

Oktober 2003. Kongress der Sozialistischen Internationale in Sao Paulo. SPÖ-ChefAlfred Gusenbauer speist mit Heinz Fischer, damals Zweiter Nationalratspräsident, zu Mittag – und redet „Klartext“: „Ich habe ihn gefragt, ob er Bundespräsidentschaftskandidat der SPÖ werden will.“ Warum das, will Fischer wissen: „Weil ich der Meinung bin, dass du der geborene Bundespräsident bist“, antwortet Gusenbauer. Fischers Replik: „Alfred, hast du dir das auch gut überlegt? Wenn wir die Wahl verlieren, ist das vor allem für dich ein Problem. Ich kann in Pension gehen. Du wirst Schwierigkeiten in der Partei haben, wirst Vorwürfe hören.“ Für Gusenbauer ein typisches Verhalten für Fischer: „Er denkt nicht in erster Linie daran, wie es ihm dabei geht, er denkt an die gesamthaften Auswirkungen, an das Gegenüber.“ Das war Fischer oft für Gusenbauer. Und so hat dieser den Bundespräsidenten genau studiert. Für Fischers abwägenden Handhaltung hat der Ex-Kanzler einen Terminus technicus geprägt: „Das Ausfischern.“

„Eine der wenigen Unterscheidungen“

Vor ein paar Wochen stöberte Heinz Fischer erstmals im Keller der Hofburg. Er entdeckte ein Bild von Ex-ÖVP-Kanzler Julius Raab – in legendärer Pose mit einer Virginia im Mundwinkel. Raab hatte anno dazumal die Wirtschaftskammer gegründet. Und so war für Fischer klar, wem er die gerahmte Fotografie zukommen lassen wird: Er lud WirtschaftskammerbossChristoph Leitlin die Hofburg – und überreichte sie ihm. Der war entzückt: „Das Bild hat einen Ehrenplatz im Vorfeld meines Büros bekommen.“ Eine nicht so lange Halbwertszeit wie Raabs Konterfei haben wird ein anderes Geschenk Fischers für Leitl. Bei einer China-Reise bat das Staatsoberhaupt Leitl, der Geburtstag hatte, in seine Hotelräumlichkeiten. Fischer überreichte ihm eine Früchtetorte. Auch Sekt wurde kredenzt. Wurde daraus eine große Sause? Nein, sagt Leitl. „Eine der wenigen Unterscheidungen von Heinz Fischer und mir: Er ist sehr diszipliniert, geht nicht spät schlafen. Bei mir kann es ab und zu bis in die Morgenstunden dauern.“

„Dann waren nur mehr Punkte zu sehen“

Heinz Fischer beherrscht das Morsealphabet, und setzt es bei Bedarf auch ein. Das tat er zur Verwunderung des Generalstabes 2004 bei einem Hubschrauberflug zur Einsatzzentrale nach St. Johann. Der damalige Luftwaffenchef Erich Wolf wollte dem Staatsoberhaupt einige Besonderheiten entlang der Flugstrecke erklären. Wegen des großen Lärms schrieben die beiden Stichworte auf einen Zettel. So erfuhren die mitreisenden Generalstäbler und auch sein Adjutant,Generalmajor Gregor Keller, beispielsweise, dass auf einem der so eben überflogenen Berggipfel Fischer als Reserveoffizieranwärter mit Dienstgrad Zugsführer im Jahr 1958 mit seinem Funktrupp eine kalte Nacht verbringen musste. „Dann waren auf den Zetteln aber nur mehr Punkte und Striche zu sehen“, erzählt Keller. Fischer und Wolf unterhielten sich mit Morsezeichen, die fast kein Mensch mehr intus hat. Wohl deshalb hat Fischer Neujahrsansprachen im Fernsehen nie gemorst.

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