Handy-Experiment: Drei Wochen kein Handy, 729 neue Nachrichten

Im GRG 23 in Wien-Liesing haben Schüler 21 Tage lang auf ihr Smartphone verzichtet. Der KURIER war dabei, als sie ihr Handy wieder aktiviert haben.
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Der Code. Wie ging der? Wie lautet der PIN? Laura will die Zahlenfolge einfach nicht einfallen. Viermal hat sie in der vergangenen Minute eine Ziffernfolge ins Smartphone getippt. Viermal war sie falsch – und das Handy ist kurz gesperrt. Nach drei Wochen Pause! GRG 23, Wien-Liesing, erster Stock, 4C: Gemeinsam mit ihren Klassenkollegen hat Laura am „Handy-Experiment“ teilgenommen.

Basierend auf einer Idee des ORF verzichteten in den vergangenen drei Wochen in ganz Österreich insgesamt mehr als 72.000 Schülerinnen und Schüler auf ihr Smartphone. Kein Snapchat oder Whatsapp, kein Googeln von Begriffen, Videos oder Hausaufgaben, keine Online-Navigation. Und jetzt ist er da, der Moment, in dem die Schüler die Smartphones zurückbekommen und hochfahren. Es ist ein Moment der kleinen bis mittelgroßen Dramen.

Da gibt es diejenigen, wie Laura, denen der PIN nach drei Wochen nicht einfallen will. Andere fragen sich, was sie mit 729 (!) ungelesenen Whatsapp-Nachrichten tun sollen, die plötzlich am Display aufpoppen. Alle löschen? Nur ein paar lesen? Alle lesen? Und gar nicht wenige Schüler der 4C haben Respekt vor dem Danach, also den kommenden Tagen. Lara zum Beispiel fürchtet sich „ein bisschen, dass ich alles nachholen will und meine Bildschirmzeit wieder massiv ansteigt“.

Verschiedene Reaktionen

Tatsächlich reagieren die Schüler höchst unterschiedlich auf das Handy-Fasten. Von Kopfschmerzen oder anderen, physischen Entzugserscheinungen blieb die 4C weitgehend verschont. Doch die Euphorie, die zu Beginn des Feldversuchs durchgehend zu spüren war, hat sich bei einigen verflüchtigt.

Momo zum Beispiel war anfangs noch voll Tatendrang. Die erzwungene Auszeit könne der Anlass sein, die Bildschirmzeit zu reduzieren. 60 Stunden pro Woche am Handy? Momo wusste, dass das nicht besonders gut für ihn ist. Außerdem wollte er viel Sport machen und mehr lesen. Doch 21 Tage später wirkt der junge Mann ein wenig ernüchtert. „Ur-langweilig“ sei ihm gewesen. Wird er etwas ändern? Will er Apps deinstallieren oder zumindest seine Bildschirmzeit reduzieren? Momo schüttelt den Kopf. Also eher nicht.

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Die große Wirkmacht der Smartphones ist nicht nur durch Studien belegt, sie ist auch in der 4C spürbar. So erzählen Schülerinnen, dass sie durch den Verzicht auf das Smartphone viel besser geschlafen haben. Warum? Die unterbewusste Angst, Push-Meldungen oder Nachrichten zu versäumen – die Medizin kennt sie längst als FOMO (fear of missing out) – fiel weg.

Spannend ist, was Schüler wie Nicolai erzählen. Zur Erklärung: Nicolai ist der Teenager mit den 729 ungelesenen Nachrichten. „Das Experiment“, sagt er, „hat mir gutgetan.“ Wie die meisten anderen in der 4C hat Nicolai mehr Zeit im Freien, mit Freunden und Eltern verbracht. „Andere haben an mir bemerkt, dass ich länger zuhöre und aufmerksamer bin.“ Was die Schulnoten angeht, war der Verzicht auf das kleine Wunderding jedenfalls nicht zum Nachteil des Schülers. „Ich habe besser lernen können und mich in Deutsch und Englisch bei den Schularbeiten jeweils um eine Note verbessert.“

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Natürlich sind das alles anekdotische Schlaglichter und keine allgemeingültigen Fakten. Aber die gesammelten Erfahrungen passen ins Bild von alldem, was die Wissenschaft über Smartphones und die negativen Auswirkungen auf die menschliche Psyche weiß. Dass exzessiver Konsum von Internet und Sozialen Medien das mentale Wohlbefinden verschlechtert, ist medizinisch erwiesen.

Der österreichische Suchtexperte Oliver Scheibenbogen (Sigmund-Freud-Uni, Anton-Proksch-Institut) begleitet das Handy-Experiment auch diesmal. Wie schon beim ersten Feldversuch in einer Schule in Gänserndorf haben die Schüler laufend Fragebögen ausgefüllt. Und in Gänserndorf hat der Handy-Verzicht signifikant positive Ergebnisse gebracht: Bei jenen, die bewusst auf das Smartphone verzichtet haben, stieg das psychische Wohlbefinden um 30 Prozent. Ähnlich stark sanken depressive Symptome.

Dass die nun gesammelten Fragebögen – insgesamt sind es mehr als 72.000 – ein völlig anderes Bild ergeben, ist unwahrscheinlich. Endgültig wird man das aber erst im Mai wissen, wenn die Auswertung abgeschlossen ist.

Die Konsequenzen

Am GRG 23 soll das Handy-Experiment jedenfalls zu Konsequenzen führen. „Ich möchte dem Schulgemeinschaftsausschuss vorschlagen, die gesamte Schule zur Smartphone-freien Zone zu machen“, sagt Markus Michelitsch. Michelitsch ist hier der Direktor. Und weil er selbst am Experiment teilgenommen hat, sind für ihn die beschriebenen positiven Effekte unübersehbar.

Eine Schule ohne Smartphones? Geht das? Michelitsch ist überzeugt davon. Und die Eltern? Wie viele haben sich beschwert, dass die Kinder kein Handy hatten? Darauf antwortet der Direktor auffallend knapp. „Niemand. Bisher haben sich bei mir alle nur für das Experiment bedankt.“

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