Politik | Inland
05.05.2018

Grüne: Junge Reformer fordern Alte heraus

In Linz bildete sich eine „Next Generation“-Gruppe, Grünen-Chef Kogler will sie in die Verantwortung nehmen.

Sie wenden sich nach links (kein Zufall), greifen einander an die Schultern, als wollten sie eine Polonaise tanzen, trainieren ihre Stimmbänder für Erfolgsjubel: Dem interessierten Beobachter entgeht nicht, dass man sich unter Grünen befindet – unter „Ökos“ oder „Gutmenschen“, wie gerne geätzt wird. Sie sind am Samstag in der Linzer Tabakfabrik zusammengekommen, um ihre Partei zu reformieren. Und sie tun das mit Elan.

Während rund 500 Grün-Funktionäre, Aktivisten und Interessierte in Workshops diskutieren – da geht es etwa um Empathie für die Umwelt, um Fairness am Arbeitsmarkt oder darüber, ob und wie man den Kapitalismus überwinden soll – füllt sich am Nachmittag ein anderer Raum in der Linzer „Tschickbude“.

„Next Generation Lab“ nennt sich der Verbund junger Grün-Politiker, allesamt jünger als die Partei. „ Zwentendorf“ und „Hainburg“ kennen sie nur aus Erzählungen – und das ist ein klarer Vorteil, meinen viele. „Wir dürfen uns trauen, die Strukturen zu hinterfragen, weil wir sie nicht aufgebaut haben“, sagt etwa der oö. Landtagsabgeordnete Severin Mayr. Hinterfragt wird etwa das Konzept Bundesvorstand. „Wäre es nicht besser, man bildet um den Bundessprecher ein kleines Team, das einfach hackeln will?“, sagt Stefan Kaineder, ebenfalls Mandatar in Oberösterreich.

"Wir nehmen das Heft in die Hand“

Kurz gesagt: Die Jungen wollen tun und nicht nur reden, wie die Anführer des „Labs“, Nina Tomaselli und Peter Kraus, erklären. „Wir warten nicht mehr, bis wir gefragt werden, wir nehmen das Heft in die Hand“, lautet ihre Maxime.

In Gruppen wird dann an Inhalten, Strategie und Kampagnen gewerkt. Inspirieren ließ sich Kraus etwa bei Reisen nach Amsterdam oder Deutschland. Wichtig ist auch: Es muss wenig bis nichts kosten – „low budget politics“, noch so ein moderner Ausdruck. Zum Ideenaustausch brauche es keine Konferenzen, es gibt ja „Slack“, ein Online-Programm zur Kommunikation. Beim Bundeskongress im November will die „Next Generation“ Ergebnisse vorlegen.

„Junge müssen auch liefern“

An den jungen, frischen Kräften hat auch Bundessprecher Werner Kogler Gefallen gefunden. Dass sich die Jungen zu einer eigenen Gruppe zusammentun, ist zwar noch nicht als Revolution zu deuten, aber immerhin als Herausforderung. Und die nehmen die Alten an. So betont Kogler im KURIER-Gespräch, dass die Jungen mit ihren Ideen nicht nur vor den Vorhang, sondern auch in den Vorstand sollen. Derzeit ist die jüngste die 31-jährige Steirerin Lara Köck, zweifache Mutter und Umwelttechnikerin. Junge Talente gäbe es ja zuhauf (siehe Porträts unten). „Ich will die Verjüngung vorantreiben. Es wäre eine Bruchlinie, wenn es da Widerstand gäbe“, sagt Kogler – sich dessen gewahr, dass es in seiner Partei noch immer Bremser gibt. Die Bedingung: „Die Jungen müssen liefern, nicht nur reden.“

David Stögmüller (31): „Alle sollen gutes Leben haben“

Im schlimmsten Fall, und daran will bei den Grünen niemand denken, ist David Stögmüller bald der letzte Grüne auf Bundesebene: Entsandt vom oö. Landtag, läuft seine Amtsperiode 2021 aus. Wien wählt vorher – da könnte der Bundesrat-Sitz von Ewa Dziedzic wegfallen. Zwei Bundesräte haben die Grünen bei den Landtagswahlen heuer verloren, das verbliebene Duo hat sich – nunmehr fraktionslos – seiner Kontrollfunktion voll verschrieben; zuletzt etwa durch parlamentarische Anfragen an Innen- und Justizministerium zum Thema Asyl. Stögmüller brennt für Soziales und Bildung. Sein Antrieb: „Ich will, dass  alle Menschen in Österreich ein gutes Leben haben.“

In die Landespolitik zurückzugehen, schließt der 31-jährige Innviertler für sich aus, sagt er zum KURIER. Als nächsten Karriereschritt käme für ihn ein Mandat im Nationalrat infrage – sofern die Grünen den Wiedereinzug 2022 schaffen. 

Nina Tomaselli (33): „Selbstbestimmt und solidarisch“

„Eine sehr energische junge Frau; eine, die ihre Meinung sehr deutlich zum Ausdruck bringt“, drückt Harald Walser es vorsichtig aus, fragt man ihn nach seiner Landsfrau Nina Tomaselli.
Ihre flammenden Reden im Vorarlberger Landtag sind berüchtigt; Zwischenrufe übertönt die 33-Jährige locker mit ihrer kräftigen Stimme. Bei den Themen Finanzen, Wohnen und Verkehr genießt die Volkswirtin hohes Ansehen. So saß sie bei den Koalitionsverhandlungen in Tirol als Beobachterin und Beraterin mit am Tisch; das Verkehrsressort führt dort die Grüne Ingrid Felipe. Ambitionen, in die Bundespolitik zu wechseln, hat sie vorerst nicht – im Westen gilt sie aber als „eines der größten politischen Talente“.

Ihre Werte fasst sie in einem Wort zusammen: „Selbstbestimmung“. Es sei die Aufgabe der Politik, die Grundlage zu schaffen, erklärt Tomaselli. „Die Grünen unterscheidet von den anderen, dass wir das mit Solidarität verbinden.“

Peter Kraus (31): „Mehr zuhören als g’scheit reden“

Zu sagen, er sei „der grüne Kurz“ wäre wohl zu viel, zu früh. Das Alter, die Eloquenz und den Ehrgeiz, die Partei umzukrempeln, hat der Wiener Gemeinderat Peter Kraus mit ÖVP-Chef und Kanzler Sebastian Kurz gemeinsam – politisch hat der 31-jährige Grüne aber noch zu wenig Profil, heißt es aus dem Parteiumfeld. Kraus engagiert sich für Jugendthemen, die Grüne Wirtschaft und ist Landessprecher der Grünen Andersrum. Sein politisches Rezept: „Mehr zuhören als g’scheit daherreden.“

Der 31-Jährige war Referent bei Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou, ist ihr „politisches Ziehkind“. Sollte Vassilakou nicht mehr kandidieren, gilt er als ihr Favorit für die Nachfolge – neben David Ellensohn. Kraus kommentiert diese Gerüchte nicht. Dass er bei der Neuaufstellung der Bundes-Grünen jetzt aber in die erste Reihe tritt und die junge Reformgruppe anführt, ist wohl ein Zeichen, dass man künftig mehr von ihm hören wird.