Wahlkampf, 1998: Thomas Klestil focht gegen Heide Schmidt und die unabhängige Gertraud Knoll (re.)

© /Leonhard Foeger

Expertenstimmen
12/18/2015

"Griss Kandidatur passt gut in die gesellschaftliche Grundströmung"

Die Ex-Richterin hat als Nicht-Politikerin einen Bonus. – Allerdings würde das auch für Alexander Van der Bellen gelten.

von Christian Böhmer

"In einer Zeit, in der die Politiker- und Parteien-Verdrossenheit ungebremst ansteigen, ist es ein klarer Startvorteil, wenn man sagen kann: ,Ich gehe als Partei-unabhängige Kandidatin ins Rennen.‘ Irmgard Griss kann genau diese Ansage machen." Wolfgang Bachmayer, Politik-Analyst und Chef des Meinungsforschungsinstituts OGM, ist überzeugt, dass die ehemalige Höchstrichterin gute Chancen hat, bei der Wahl zur Hofburg mehr als passabel abzuschneiden. "Griss’ politischer Lebenslauf beginnt mit der Aufarbeitung des Hypo-Skandals und hier hat sie sich als jemand präsentiert, der das Versagen des politischen Systems ganz offen und hart kritisiert hat."

Seit die evangelische Super-Intendentin Getraud Knoll und der Unternehmer Richard Lugner 1998 im Rennen um die Hofburg mitgemischt haben (Knoll schaffte damals 13,6, Lugner 9,9 Prozent), hat es keinen gänzlich partei-unabhängigen Kandidaten gegeben. Wie Bachmayer, hält auch Fritz Plasser das Antreten der Top-Juristin bei der Hofburg-Wahl für erfolgversprechend: "Die Bevölkerung hält derzeit eine kritische Distanz zu den Regierungsparteien. In diese gesellschaftliche Grundströmung passt die Kandidatur von Irmgard Griss sehr gut hinein", sagt der Politik-Beobachter zum KURIER. Laut Plasser wird Griss nicht mit Partei-nahen Kandidaten wie Erwin Pröll oder Rudolf Hundstorfer um Stimmen buhlen. "Entscheidend ist für sie, ob Alexander Van der Bellen antritt – und wie sie es ihm gegenüber anlegt."

Warum, das erklärt Plasser so: "Von den kolportierten Kandidaten ist Van der Bellen jener, der am wenigsten als Parteien-Kandidat wahrgenommen wird. Er ist seit Längerem nicht mehr in der Bundespolitik und wurde aufgrund seines professoralen, reflektierten und teils unkonventionellen Stils auch nie als klassischer Politiker wahrgenommen", sagt Plasser. "Für Griss bedeutet das: Er ist ein direkter Konkurrent." Van der Bellen wäre für Griss als Gegen-Kandidat auch insofern ein Problem, als er – im Unterschied zu ihr selbst – auf die Infrastruktur der Grünen zurückgreifen könnte. Wenn es darum geht, für Verteil-Aktionen, Veranstaltungen oder Ähnliches Personal aufzustellen, dann ist das ein veritables Plus.

Professionell agieren

Eine der größten Gefahren für Griss’ Erfolg sieht Kampagnen-Berater Thomas Hofer freilich nicht bei der Konkurrenz, sondern bei der Kandidatin selbst. "Griss kann den Bonus der Nicht- oder Anti-Politikerin gleichermaßen stilvoll wie populistisch für sich nutzen. Das Problem ist nur: Das allein genügt noch nicht, sie muss auch bei den Inhalten professionell agieren. Und das ist – noch – nicht der Fall." Konkret erinnert Hofer an die jüngsten Aussagen zum Hypo-Untersuchungsausschuss: "Sie hat zunächst die Arbeit des U-Ausschusses kritisiert, um kurz darauf ihre Kritik zu relativieren. Ähnliches ist ihr bei der Frage passiert, wie sie es mit der Neutralität hält." Wenn sich Griss im langen Wahlkampf weiter auf Felder ziehen lasse, auf denen sie "nicht zu Hause ist", so werde sie schnell in ein "politisches Minenfeld" tappen. Fritz Plasser sieht diese Gefahr ebenso – allerdings etwas schwächer. "Griss kann und wird sich in die Sachpolitik schnell einarbeiten. Man sollte sie diesbezüglich nicht unterschätzen."

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