Politik | Inland
31.10.2015

Gratis-Zahnspange entpuppt sich als Wahlkampf-Schmäh

Weniger Geld für Eltern, seit es Gratis-Zahnspange gibt: Kassen streichen Zuschüsse.

"Ich möchte nicht, dass man am Gebiss des Kindes das Einkommen der Eltern ablesen kann." So begründete im September 2013 der damalige Gesundheitsminister Alois Stöger seinen Vorstoß für Gratis-Zahnspangen für Kinder und Jugendliche. Es war Wahlkampf.

Tatsächlich sind seit 1. Juli 2015 Zahnspangen teilweise kostenlos. Allerdings gibt es für jene, die nicht gratis sind, oft kein Geld mehr: "Seit 20 Jahren haben meine Patienten einen Zuschuss für eine abnehmbare Zahnspange bekommen. Seit Juli wird er nicht mehr bewilligt. Es stapeln sich auch bei uns in der Kammer die abgelehnten Anträge", berichtet Zahnarzt Thomas Horejs, der auch Vizepräsident der Wiener Zahnärztekammer ist.

Gratis nur bei schweren Fällen

Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für Zahnregulierungen zur Gänze nur, wenn erhebliche Fehlstellungen vorliegen (Stufen 4 und 5 auf der fünfteiligen "IOTN"-Klassifizierung). So steht es im Gesetz. Bei leichteren Fehlstellungen gibt es laut Zahnärzten aber vielfach keine Unterstützung mehr – obwohl im Zuge der Verhandlungen versprochen worden war, dass sich an dieser Praxis nichts ändern werde. Bisher haben Eltern im Schnitt zwischen 200 und 430 Euro im Jahr bekommen – je nachdem, wo der Patient versichert war und ob es sich um eine festsitzende oder eine herausnehmbare Spange gehandelt hat.Nun würden Anträge, die nicht den Stufen 4 oder 5 entsprächen, "von der Wiener, der niederösterreichischen und der steirischen Gebietskrankenkasse sowie von der Sozialversicherungsanstalt der Bauern und der Beamtenversicherung großflächig abgelehnt", schildert Horejs. "Im Burgenland wird hingegen weiterhin bewilligt". Der Zahnarzt vermutet, "dass die defizitären Kassen aus wirtschaftlichen Überlegungen am Patienten sparen". Der Verdacht ist nicht abwegig. Die Kassen bekommen für die Gratis-Zahnspangen 80 Millionen Euro pro Jahr vom Bund. Die übrigen Kosten für Zahnspangen müssen sie selbst tragen.

Im Hauptverband der Sozialversicherungsträger, der den Vertrag mit der Zahnärztekammer ausverhandelt hat, hat man "bisher keine Beschwerden bekommen", sagt Vize-Generaldirektor Bernhard Wurzer. So lautet auch die Auskunft im Gesundheitsministerium.

Bei der Wiener Gebietskrankenkasse gesteht man aber ein, dass es "im Bereich der Antragstellung viele Probleme gibt". Primarius Michael Angerer nennt mehrere Ursachen dafür: Viele Zahnärzte seien über die neuen Regelungen "schlecht informiert" und würden "falsche Einstufungen" vornehmen. Und es würden "zu viele Frühbehandlungen gemacht". Zahnspangen würden also oft zu früh verordnet. Heißt das, vor dem 1. Juli wurden Zahnspangen gefördert, die unnötig waren? Angerer ausweichend: "Bisher hat der Kassenvertrag große Unschärfen zugelassen." Und wie erklärt er, dass manche Kassen unverändert zahlen? "Ich kann mir das nur so erklären, dass dort nicht in dem Ausmaß wie bei uns Prüfungen stattfinden."