Gernot Blümel: "Hat die KI ein eigenes Ich?"
Seit 2023 ist Gernot Blümel Managing Director des "Mare TechnoPark", einem KI-Zentrum für digitale Gesundheit mit Sitz in Venedig tätig. Im KURIER-Interview spricht der ehemalige ÖVP-Finanzminster anlässlich seines im August erscheinenden Buchs "Die Selbstsetzung des Menschen" über "das Problem der abendländischen Gesellschaft", die Aura von Kunst und die Vernunftbegabung des Menschen.
KURIER: Bereits der Titel Ihres Buches wirft Fragen auf. Was verstehen Sie unter "Selbstsetzung“?
Gernot Blümel: Der Begriff kommt aus dem deutschen Idealismus von Johann Gottlieb Fichte, der sich mit dem Ich und wie es zustandekommt, auseinandergesetzt hat. Es gibt diesen einen Satz in der Wissenschaftsgeschichte, der es auf den Punkt bringt: „Das Ich setzt sich selbst“. Es ist eine frühe Form der Bewusstseinsphilosophie.
Beruf: Der gebürtige Wiener (Jg. 1981) studiert an der Universität Wien und Université de Bourgogne (Frankreich) Philosophie, später an der Executive Academy der Wirtschaftsuniversität Wien. Von 2013 bis 2015 ist er ÖVP-Generalsekretär, von 2015 bis 2021 ÖVP-Landesparteiobmann in Wien. Dem ersten Kabinett von Sebastian Kurz gehört er als Kanzleramtsminister an, in der ersten türkis-grünen Regierung stellt er von 2020 bis 2021 den Finanzminister. Im Zuge der Casinos Affäre wird gegen ihn ermittelt, im November 2021 stellt die WKStA die Ermittlungen ein. Im Dezember 2021 tritt er von allen politischen Ämtern zurück (ÖVP-Wien-Chef, Finanzminister): Seit 2023 ist der heute 44-Jährige für Frank Gotthardts CompuGroup Medical tätig. Im "Mare TechnoPark" in Venedig sollen bis zu 900 Mitarbeiter eine KI im Medizinbereich aufbauen.
Privates: Gernot Blümel ist mit der Journalistin und Moderatorin Clivia Treidl verheiratet, gemeinsam haben sie zwei Kinder
Wie entsteht also das Ich?
Im Idealismus ist es so, dass das Denken und die Ideen das Wahre sind und den Rest der Welt konstituieren. Der Ausgangspunkt von allem ist das eigene Ich, das laut Fichte durch eine Tathandlung entsteht. Das Ich bringt sich also aus sich selbst hervor. In einem Zeitalter, in dem wir mit künstlicher Intelligenz interagieren und mit Chatbots sprechen, entsteht für mich die Analogie: Hat die KI ein eigenes Ich?
Was vielleicht dazu führt, dass es viele gibt, die vor der KI aus diversen Gründen Angst haben und andere, die Hoffnungen in sie setzen?
In der KI-Debatte gibt es genau diese zwei Pole: Die Apokalypten der Terminator II-Fraktion und die Utopisten, die der Meinung von Ray Kurzweil sind, dass wir der Singularität noch näher sind, dass wir alle ewig leben und die KI alles lösen wird. Worum es mir geht, ist eine völlig andere KI-Dimension: Was macht die KI mit dem Selbstbild des Menschen?
Was macht es mit Gernot Blümels Selbstbild?
Wahrscheinlich ist es jedem von uns so gegangen, als wir mit den frühen Formen von ChatGPT interagiert haben und uns gefragt haben: Wie kann das Ding sprechen? Das ist heftig, denn uns als abendländischen Geschöpfen wurde eingetrichtert, das Sprechen ein Zeichen von Intelligenz ist, wir uns damit von den Tieren unterscheiden. Sogar in der Bibel steht: „Am Anfang war das Wort“. Sprechen ist etwas genuin Menschliches und auf einmal kann das eine Maschine mit einer unglaublichen Präzision.
Künstliche Stimmen gehören mittlerweile zum Alltag, KI-Songs führen in den Charts. Was glauben Sie: Werden wir menschliche Kunst und Künstler infrage stellen zugunsten der KI?
Die Zukunft vorherzusagen – daran scheitern die meisten. Ein Blick in die Vergangenheit ist oft hilfreich, um für die Zukunft zu lernen. Es gibt einen Aufsatz von Walter Benjamin, dem österreichisch-deutschen Philosophen der 1930er-Jahre: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Produzierbarkeit“. Benjamin legt darin dar, was die technischen Neuerungen von Grammophon bis zum Massen- und Bilddruck mit der Kunst machen. Auf einmal war eine Symphonie in jedem Wohnzimmer hörbar. Man musste nicht mehr ins Konzert gehen und nicht mehr in den Louvre, um die Mona Lisa zu sehen, sondern man konnte sie sich originalgetreu ins Wohnzimmer hängen. Was macht das mit dem Kunstwerk und mit der Kunstrezeption? Benjamin sagt, dass durch die künstliche Reproduzierbarkeit die Aura des Kunstwerks, die Authentizität und dessen Echtheit verloren geht.
Nach Benjamin verheißt die Jetzt-Zeit für die Kunst also gar nichts Gutes?
Spannenderweise gab es zu Benjamins Zeit schon eine Gegenreaktion auf die Reproduzierbarkeit. Die sogenannte Kontext-Kunst, also das, was Marcel Duchamp mit seiner Ready-made Kunst gemacht hat, indem er ein Urinal ins Museum gehängt und es zur Kunst erklärt hat. Der Kunst wurde durch die Inszenierung die Aura zurückgegeben. Und wenn man diesen Gedanken jetzt fortsetzt, dann wird aus der künstlichen Reproduzierbarkeit die künstliche Produzierbarkeit von Kunst. Um ihr die Aura zurückzugeben, wird das Live-Event an Bedeutung gewinnen.
Dann sind wir bei Marina Abramovich?
Performance-Kunst ist ein Teil, aber schauen wir uns das Neujahrskonzert an. Es geht um ein Jahrhunderte altes Stück, dass sich jeder anhören kann auf LP, CD oder mp3 und trotzdem sehen es sich 50 Millionen Menschen weltweit jedes Jahr am 1. Jänner an.
Kommen wir von der Kunst zu den Kleinsten. Der Umgang mit KI im Lernen und Erlernen von Fähigkeiten und Fertigkeiten könnte kontroverser nicht sein. Wieder gibt es die einen, die ganze Fächer wegen der KI für obsolet halten und die anderen, die bangen, dass der menschliche Geist verkümmert, wir verdummen. Welcher Denkschule gehören Sie an?
Dieser scheinbare Widerspruch ist gar nicht so schwer auflösbar. Denken, lernen, die eigene Urteilsfähigkeit schulen und das Gehirn stärken war immer schon eine mühsame Herausforderung. Das hatte immer schon mit Widerstand zu tun. Wir lernen aber am und durch den Widerstand. Das Lernen per se braucht immer einen Gegenstand, an dem es sich abarbeiten kann. Diese Grundfertigkeiten müssen wir unseren Kindern vermitteln. Was sich vielleicht ändern wird? Dass es ein bisschen egal sein wird, was wir studieren, solange wir nur ein Studium belegen, um unser Denken bis in die Tiefe zu schulen. Bis zur Volksschule und Unterstufe würde ich jedes digitale Gerät aus der Schule verbannen, weil ich der Meinung bin, dass Bildschirme für die neuronale Entwicklung von Kindern totales Gift sind.
Und später?
Man kann Schritt für Schritt den Bildschirm einführen, sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen, aber das darf auf keinen Fall die eigene Auseinandersetzung mit einem Gegenstand ersetzen.
Wie kann Ihrer Meinung nach noch schriftlich Wissen an Schulen oder Fakultäten geprüft werden, wenn nicht mehr die Plagiatsfrage gestellt wird, sondern die gesamte Urheberschaft der KI zuzutrauen ist?
Ganz einfach: Mehrstündige Prüfungen vor Ort, bei denen handschriftlich abgefragt wird. Wissensabfragen anders zu gestalten, das wird kein Problem sein.
Ihr Buch versteht sich als „Gebrauchsanweisung“ für unseren Umgang mit KI. Was kann sich der Leser davon erwarten fürs tägliche Leben?
Das Buch hat zwei Teile. Der erste versucht Orientierung zu geben, in welchen Bereichen die KI unser Leben schon verändert hat. Der Kernteil geht der fundamentalen Frage nach, was KI aus einem metaphysischen Gesichtspunkt heraus überhaupt ist. Was ist Intelligenz? Eine allgemein anerkannte Definition von Intelligenz gibt es nämlich nicht, auch wenn wir Intelligenztests oder die Turing-Maschine haben. Insofern können wir wohl schwerlich sagen, dass die KI nicht intelligent ist, weil wir gar nicht genau wissen, was Intelligenz ist. Ein Kritikpunkt, den ich auch erläutere, ist die Frage, ob die KI versteht und ob sie ein Bewusstsein hat.
Hat die KI ein Bewusstsein?
Wir wissen bis heute nicht, was Bewusstsein überhaupt ist, was es hervorruft und konstituiert. Wir können nicht mal sagen, ob Johanna Hager oder Gernot Blümel ein Bewusstsein haben, also können wir auch nicht sagen, ob die KI eines hat. Nach all den Definitionen, die wir uns selbst gegeben haben, können wir nicht mit Sicherheit sagen, dass die KI nicht vernünftig ist, nicht selbst versteht und jetzt kommt der springende Punkt: Das Problem unserer abendländischen Gesellschaft von Demokratie und Menschenrechten ist, dass sie auf der anthropologischen Differenz der Vernunftbegabung begründet ist. Demokratie ist nur denkbar auf Basis der Würde des Menschen. Diese Würde des Menschen definiert sich über die Vernunftbegabung. Was heißt das jetzt für unsere Gesellschaft und für unser Selbst, wenn wir nach unseren Definitionen eine Maschine erschaffen haben, die dieses Kriterium von Würde genauso erfüllt?
Sind wir an dem Punkt bereits angelangt?
Langsam kommen wir an den Punkt. Die einzige Möglichkeit, die Übergeordnetheit des Menschen über die KI festzuschreiben, ist die Selbstüberhöhung. Das kann entweder auf der Gottesebenbildlichkeit passieren oder auf der eigenen Selbstüberhöhung über alles andere. Dann wären wir beim Buchtitel: der Selbstsetzung.
Da sind viele doch schon längst!
Dann sind wir zumindest erstmals in der Menschheitsgeschichte so ehrlich, das auch offen anzusprechen.
Zu guter Letzt: Die KI kann vieles – aber empathisch sein, das kann sie nicht. Oder nur noch nicht?
Das, was wir unter Empathie verstehen, unter Emotionen, das ist sehr oft biologisch begründet. Diese biologische Komponente fehlt der KI, denn sie basiert, wie wir wissen, nicht auf Kohlenstoffelementen wie der menschliche Körper. Aber: Worauf wir so stolz waren seit 2.500 Jahren das war doch, uns von der biologischen Komponente gelöst und das Besondere in unserem Verstand gesucht zu haben. Genau deshalb ist die KI die Herausforderung unserer Zeit. Die KI kann den Verstand simulieren. Wenn wir Menschen nicht mehr zwischen der Simulation und dem Wahren unterscheiden können: Wie relevant ist es dann, ob wir zwischen der echten und der scheinbaren Emotionalität unterscheiden können?
Die Selbstsetzung des Menschen, Gernot Blümel
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