Politik | Inland
17.11.2018

Bundeskongress: Frischzellenkur für die ergraute Grün-Partei

Beim Bundeskongress machen Alte im Vorstand Platz für Junge. Nur Kogler bleibt als Zugpferd und führt Grüne in EU-Wahl.

Sie haben das Feld widerstandslos geräumt, da gab es keine Diskussion, heißt es. Die alte Riege im Grünen Parteivorstand macht Platz für Junge. Bis auf die formalen Posten und den Vorsitz, für den sich Werner Kogler heute beim Bundeskongress offiziell wählen ließ, bleibt im Bundesparteivorstand kein Stein auf dem anderen.

Uneitel, pragmatisch und zugkräftig soll der Vorstand sein – und jung. Kogler, Gründungsmitglied und seit mehr als 30 Jahren dabei, hat seinen Verbleib als Chef davon abhängig gemacht. Ob der Neustart gelingt, wird sich bei der EU-Wahl im Mai 2019 zeigen – Kogler geht als Spitzenkandidat ins Rennen.

Nach der Wahlniederlage 2017 soll auch ideologisch nachjustiert werden. Ein Symbol nach außen ist, dass Georg Willi, der nach seinem Wahlsieg in Innsbruck als Realo (und Binnen-I-Skeptiker) gefeiert wird, beim Bundeskongress die Eröffnungsrede hält. Kogler drückt es so aus: Die Grünen sollen keine „Nischenpartei“ sein, sondern ein „Vollsortiment mit dem Wichtigsten in der Auslage“.

Motivierend wirkten zuletzt die Wahlerfolge der Grünen in Bayern und Hessen. Wobei Kogler anmerkt, dass die Deutschen sich in besseren Zeiten an Österreich orientiert hätten. „Und da wollen wir wieder hin.“ In zwei Jahren will der 56-jährige Steirer dann an der Parteispitze Platz machen.

Der KURIER stellt drei neue Grüne mit Potenzial für mehr vor.

Nina Tomaselli, die Bodenständige:
„Werden dafür bezahlt, Lösungen zu finden“

Fürs Reden wird man nicht bezahlt, heißt es ja so schön. Nina Tomaselli redet zwar gern – und laut –, aber sie weiß: „Wir Politiker werden dafür bezahlt, dass wir Lösungen finden, und zwar da, wo die Menschen sie verlangen.“

Die 33-jährige Vorarlbergerin hat das „Next Generation Lab“ mit ins Leben gerufen, um der Partei neues Leben einzuhauchen. Die Arbeit der Jungen wird heute beim Bundeskongress präsentiert.
Ihren Platz im neuen Vorstand hat Tomaselli neben der Steirerin Lara Köck und der Wienerin Ewa Dziedzic fix.

Was sie von den beiden unterscheidet? Tomaselli ist das, was man bei den Grünen als „eher bürgerlich“ beschreiben würde, während ihre beiden Mitstreiterinnen eher dem linken Flügel zugerechnet werden. Sie selbst mag solche Kategorien nicht: „Aber wenn das heißt, dass ich mich für die Bürger einsetze, dann bitte.“

Ihre Themen: Leistbares Wohnen und die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt. „Weil das den Menschen die größten Sorgen bereitet“, sagt Tomaselli.

Sie ist  überzeugt, dass die Grünen ihren Grundwerten und dem Thema Klimaschutz treu bleiben sollen: „Wir müssen aufzeigen, dass Wirtschaft und Umwelt zusammen funktionieren. Und wir müssen es schaffen, dass die Leute mitziehen.“

 

Ewa Dziedzic, die Ehrgeizige:
„Überlasse unser Manifest nicht den Männern“

Sie macht keinen Hehl aus ihren Ambitionen: Ewa Dziedzic will die Nummer zwei hinter Werner Kogler werden.

Heute wird der Vorstand gewählt, der später die Stellvertretung festlegt. Die Position mache bei ihr Sinn, sagt Dziedzic: „Ich bin momentan die einzige, die auf Bundesebene über ein Mandat verfügt.“ Als Mitglied des Bundesrats, der zweiten Kammer des Parlaments, kann die 38-jährige Wienerin noch Opposition betreiben – wenn auch in bescheidenem Rahmen.

In der Partei will sie eine Plattform schaffen, an der jene andocken können, „die bisher zu wenig gehört wurden“. Man spürt: Gerechtigkeit und Vielfalt sind ihr ein Anliegen, und dieses vertritt Dziedzic, die auch Vorsitzende der Grünen Frauen ist, mit Nachdruck.

Als etwa Dinge wie das Binnen-I in der eigenen Partei (Stichwort Georg Willi) als weniger relevant abgetan wurden, schrie sie auf: „Das sind keine Orchideenthemen. Sie beschäftigen mehr als die Hälfte der Bevölkerung – und eigentlich uns alle.“

Und während sich Werner Kogler vorgenommen hat, mit dem neuen Vorstand das Grüne Grundsatzprogramm zu überarbeiten, schreibt Dziedzic parallel an einem eigenen „Manifest“, das nächstes Jahr veröffentlicht werden soll. Warum? „Als Frauenpolitikerin kann ich das nicht alleine den Männern überlassen.“

Stefan Kaineder, der Macher:
„So können wir Grüne die Welt retten“

„Ich werde nicht verurteilt, weil ich Katholik oder Moslem, weil ich hell oder dunkel bin“, sagt Stefan Kaineder. „Die Verfassung interessiert, ob ich ein anständiger oder ein unanständiger Mensch bin.“

Feurig im Vortrag, pragmatisch in der Sache – auch beim heiklen Migrationsthema. Dafür wird der 33-jährige studierte Theologe im oö. Landtag geschätzt und bei den Grünen als eine der großen (und wenigen) Zukunftshoffnungen gehandelt. Dem dreifachen Familienvater werden aber kaum Ambitionen im Bund nachgesagt, eher solle er Rudi Anschober in der Landesregierung beerben.

Heute rittert Kaineder neben zwei anderen Kandidaten um zwei Plätze im Parteivorstand. Seine Herzensthemen: Klimaschutz und „die Verteidigung der liberalen Demokratie“.

Vor allem aber, betont er, „müssen wir endlich Politik im eigentlichen Sinne machen. Dieser moralisierende Wahnsinn, wo die ganze Verantwortung beim Einzelnen abgeladen wird, ist keine Politik. Wir müssen zeigen, wo die Reise hingehen soll.“

Ob es die Grünen wieder ins Parlament schaffen? Dazu brauche es einen sympathischen, glaubwürdigen Auftritt. Bei den deutschen Wahlen hätte man gesehen, „welche Kraft Grüne Inhalte dann entwickeln können“. So, glaubt Kaineder, „können wir Grüne die Welt retten“.