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Politik Inland
03/08/2019

Frau im Bürgermeisteramt: "Schafft die das?"

Nur wenige Frauen trauen sich an die vorderste Front. Irene Gölles ist eine davon - in Gloggnitz wurde Pionierarbeit geleistet.

von Raffaela Lindorfer

Es ist nicht so, als wären sie nicht da, als wären sie nicht aktiv oder gar uninteressiert. Frauen sind politisch auf allen Ebenen vertreten – ob in kleinen Vereinen, in den Gemeinderäten oder sogar im Nationalratspräsidium.

Nur: Damit sich eine Frau an die vorderste Front wagt, bedarf es Mut – sogar ganz besonders viel Mut, wie Irene Gölles, Bürgermeisterin der niederösterreichischen Stadt Gloggnitz, weiß.

Gloggnitz ist zu weit weg von Wien, um zum Speckgürtel zu zählen und zu nahe, um als Tourismusgebiet reüssieren zu können. Politisch ist die von Bergen und Hügeln umgebene Stadt im Bezirk Neunkirchen aber spannender Boden: Hier wirkte die erste regulär gewählte Bürgermeisterin Österreichs.

Zenzi Hölzl war Inhaberin einer Trafik, die in der NS-Zeit ein Treffpunkt für Sozialdemokraten war. Nach Kriegsende kam Hölzl in den Landtag und wurde 1948 Bürgermeisterin ihrer Heimatgemeinde.

Hölzl ist nicht nur eine politische Vorreiterin, für viele Kommunalpolitikerinnen ist sie auch Vorbild, erzählt ihre Nachfolgerin Gölles: "Sie ist in der sehr schwierigen Nachkriegszeit in eine Männerdomäne eingedrungen und es gab viel Widerstand, bis die Leute sie als ’Mutter der Stadt’ anerkannt haben." Da wollte Gölles auch hin.

Große Verantwortung

"Eine Frau? Na, hoffentlich schafft die das" – ein Satz, mit dem sich die 65-Jährige regelmäßig konfrontiert sah. Obwohl sie in ihrem politischen Leben schon so einiges geschafft hat: 20 Jahre lang war sie im Gemeindeamt tätig, dann war sie neun Jahre lang Vizebürgermeisterin.

Nach einem Zerwürfnis mit dem damaligen Stadtchef trat sie 2010 mit einer eigenen Liste an. Aus dem Stand schaffte "Wir für Gloggnitz" acht Mandate, 2015 gewann die Liste fünf dazu. Gölles kennt jeden Winkel, jede Straßenlaterne und bekommt jedes Wehwehchen der rund 6000 Einwohner von Gloggnitz im Kaffeehaus, via Telefonanruf oder Facebook-Posting übermittelt.

Als der KURIER mit ihr in ein Kaffeehaus geht, muss sie viele Hände schütteln. Eine ältere Dame springt vom Sessel hoch und drückt ihr Bilder vom Faschingsumzug am Dienstag in die Hand. Der war "besonders gelungen", sagt auch die 81-jährige Philomena Buchhas - gleich mehrmals.

Buchhas wurde in Gloggnitz geboren, er- und überlebte schon einige Bürgermeister. "Die waren halt männlich", sagt sie schulterzuckend. Gölles sei eine besonders zugängliche Politikerin - "eine Seltenheit", lobt die pensionierte Lehrerin.

Und dennoch haderte Gölles zunächst mit dem Karriereschritt. "Als Vize hast du immer jemanden über dir, der die Entscheidung trifft. Den Schritt zu machen, diese große Verantwortung zu übernehmen – da waren schon Ängste dabei", sagt Gölles heute, neun Jahre später. "Aber mit der Zeit", sagt sie, "erlebst du, dass deine Entscheidungen eine große Tragweite haben, aber im Großen und Ganzen passen und dich die Bevölkerung akzeptiert. Man gewöhnt sich daran."

Überall mit dabei

In den knapp 2100 Gemeinden Österreichs sitzen mehr als 9000 Gemeinderätinnen – das ist ein Frauenanteil von rund 23 Prozent. An der Spitze der Kommunen gibt es 359 Vizebürgermeisterinnen und 168 Bürgermeisterinnen.

Der Bürgermeister-Job ist keiner, bei dem 38,5 Stunden reichen, weiß Gölles, die stolz über sich selbst sagt, bei jedem Fest, bei jedem runden Geburtstag im Pensionisten-Heim und bei jeder Ehrung in Gloggnitz dabei zu sein. Davon zeugen Ehrungen wie eine kupferne Eisenbahnlokomotive, der Wimpel des lokalen Fußballvereins, Fotos von Faschingsumzügen, Blumensträuße und Dankeskarten in ihrem Büro.

Als Frau sei dieses Arbeitspensum, diese Präsenz im öffentlichen Leben, schwierig mit dem Privatleben zu vereinbaren. Viele bemühen sich erst um politische Funktionen, wenn die Familienplanung abgeschlossen ist. Laut Erhebung des Gemeindebundes sind nur vier Prozent der weiblichen Ortschefs jünger als 40 Jahre, mehr als jede zweite Bürgermeisterin ist 50 plus.

Es ist wohl kein Klischee, wenn Gölles zu den Gründen erklärt: "Als Mann hast du meistens eine Frau hinter dir, die sich um Haus und Kinder kümmert. Als Frau bist du aber selber diese Person und musst meistens an zwei oder drei Fronten schauen, dass alles passt."

Anerkennung, Akzeptanz – bei Frauen in höheren Positionen sei das ein täglicher Kampf: "Du hast immer das Gefühl, du musst noch mehr tun, damit du akzeptiert wirst. Damit die Leute sehen: Sie schafft es."

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