Franzobel über Odin Wiesinger: "Blut-und-Boden-Ästhetik".

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Politik Inland
05/16/2019

Franzobel über Wiesinger: "Der zweite mäßig talentierte Maler"

Oberösterreichischer Schriftsteller: "Blut-und-Boden-Maler" im Kulturbeirat ist "eine grausige Realisatire".

von Lukas Kapeller

KURIER: Der Maler Odin Wiesinger, dem SPÖ, Grüne, aber auch Kunsthistoriker NS-Huldigungen in seinen Bildern vorwerfen, wird Mitglied im Kulturbeirat des Landes Oberösterreich. Wie sehen Sie diese Ernennung?

Das ist eine bewusste Provokation der FPÖ, um Grenzen auszuloten. Wiesinger ist ein Blut-und-Boden-Maler, der nationalsozialistisches Gedankengut verehrt und kriegsverherrlichende Bilder malt. Dass er die offizielle Kulturlandschaft vertreten soll, ist eine grausige, nur bedingt lustige Realsatire.

Landeshauptmann Thomas Stelzer hat gesagt, jede Landtagspartei könne Mitglieder im Kulturbeirat frei bestimmen. Hätten Sie sich ein anderes Statement gewünscht?

Als demokratisch gewählte Partei kann die FPÖ, wie alle anderen auch, frei darüber verfügen, wen sie in den Kulturbeirat entsendet. De facto hat der Beirat ja eher symbolische Bedeutung und bloß ein Vorschlagsrecht. Ich hätte mir vom Landeshauptmann aber eine schärfere Entgegnung gewünscht, auch mehr Protest von den oberösterreichischen Kulturorganisationen. Was ist mit der Kunstuni? Der Künstlervereinigung Maerz? Den Theatern? Museen? Dem Brucknerhaus? Das ist jetzt der zweite mäßig talentierte Innviertler Maler, der politisch dilettiert.

Oberösterreich liegt mit 152 rechtsextremen Straftaten im Jahr 2018 im Ländervergleich auf Platz eins. Wenn Identitäre einen Hörsaal stürmen oder eine Demo vor dem Justizministerium organisieren, können Politiker auch in anderen Bundesländern das allerdings schwer verhindern, oder?

Natürlich können sie es nicht verhindern. Wir leben in einer Demokratie mit verschiedenen Ideologien und Anschauungen. Es ist aber schon spürbar in Österreich, und vielleicht speziell in Oberösterreich, dass die rechte Gesinnung wieder viel selbstverständlicher geworden ist. Man traut sich wieder, die eigene Dumpfheit für die Krönung der Schöpfung zu halten, den Alltagsrassismus und Antisemitismus nicht nur zu verharmlosen, sondern gleich mit Haltung zu verwechseln. Es ist erstaunlich und beängstigend, wie schnell das gegangen ist.

In meinem letzten Buch "Rechtswalzer" habe ich eine Dystopie beschrieben, Österreich im Jahr 2024, manches davon ist bereits eingetreten – die Hetze gegen unliebsame Journalisten, die angedachte Aufhebung der Gewaltenteilung, der Umgang mit Verfolgten, Schutzhaft, Anhaltelager. Das Buch hat fast etwas Prophetisches. Leider.

Welche Rolle spielt dabei die FPÖ?

Das ist eine Partei bewusster Grenzüberschreitungen. Nach außen gibt man sich staatstragend, und dahinter wird versucht, das Unmanierliche gesellschaftsfähig zu machen. Manche Funktionäre werden in die Schranken gewiesen oder aus der Partei ausgeschlossen, um kurz darauf in anderer Position wieder da zu sein. Das ist ein kalkuliertes Spiel – das Trampeltier am Gummiband. Die FPÖ hat etwas Janusköpfiges: vorne das blauäugig Staatstragende und hinten die braune Mörtelgrube.

Die FPÖ OÖ hat zum Beispiel Solidarität mit Matteo Salvini bekundet und ist bestens mit der deutschen AfD vernetzt. Sind die Blauen in Oberösterreich am blauesten?

Sie machen den Kärntnern wahrscheinlich schon Konkurrenz. (lacht) Ich kann das schwer beurteilen, aber sie sind sicher nicht die Liberalsten.

Sie haben mal Ihrem Heimatbundesland mit Verweis auf Adolf Eichmann oder Ernst Kaltenbrunner eine historisch starke Verankerung des Nationalsozialismus attestiert. Sehen Sie da eine rote oder braune Linie in der Geschichte?

Als ich dort in den 80er Jahren aufgewachsen bin, habe ich sie nicht gesehen. Die FPÖ-Wähler waren Randfiguren, die sich zur FPÖ nur heimlich bekannt haben, mittlerweile sind sie stolz auf ihre braune Jauche, ihren Nationalismus und menschenverachtenden Ausländerhass. Ob mehr Denkmäler geschändet werden als in anderen Bundesländern, kann ich nicht sagen. Da ist jeder einzelne Fall eine Schande. In Oberösterreich gibt es davon jedenfalls zu viele.

Was gehört für Sie zur oberösterreichischen Identität?

Eine eigenartige Sprachlosigkeit, bei der man das Gefühl hat, den Oberösterreichern bleibt die Sprache im Hals stecken, weil sie sich nicht trauen, etwas laut und klar auszusprechen. Ein Logopäde hat einmal gesagt: Sprechen Sie Oberösterreichisch, weil das ist die kehlkopfschonendste Sprache der Welt. Oberösterreich ist reich, die Menschen dort sind bauernschlau und gfeanzt, also leicht hinterhältig. Auch die Sturköpfigkeit ist eine oberösterreichische Eigenschaft. Nicht nachgeben, sich nichts von außen sagen lassen. Die Bauernhöfe dort, Vierkanthöfe, sind wie Trutzburgen, kleine Wehrfestungen – und so ähnlich sind auch die Menschen. Der Oberösterreicher ist ein sturer, in sich selbst verschanzter, aber liebenswerter Bauernschädel, ein monolithischer Charakter.

Also Ihr Verhältnis zu Ihrem Heimatbundesland ist ambivalent?

Ja, klar. Einerseits danke ich Oberösterreich dafür, dass es so ist, wie es ist. Es hat mich weggetrieben, und so konnte ich der werden, der ich heute bin, und als solcher kann ich auch gerne wieder zurückkommen und das Land genießen. Wunderbares Essen, alleine der Schweinsbraten in der Rein, eine herrliche Landschaft, und die Menschen sind viel freundlicher als in Wien, aber auch verschlagener, heimtückischer und gemeiner. Trotzdem liebe ich sie.

Zur Person:

Franzobel (52, eigentlich Franz Stefan Griebl) lebt als Schriftsteller in Wien. Dass er aus Oberösterreich wegziehen will, habe er schon in der Volksschule in Vöcklabruck gewusst. Vor Kurzem erschien von ihm "Rechtswalzer" (Zsolnay), ein Kriminalroman und zugleich eine Dystopie über die österreichische Politik. Er hat unter anderem den Ingeborg-Bachmann-Preis und den Nestroy-Theaterpreis gewonnen und stand 2017 für "Das Floß der Medusa" auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis.