Politik | Inland
25.04.2017

Strache kopiert fremden Text: Autorin ist verärgert

Der FPÖ-Chef hat am Montag einen "offenen Brief" auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Nur er stammt nicht von ihm, sondern von einer deutschen Autorin, die "kein Herz für Populisten" hat

Wer abschreibt und nicht korrekt zitiert, stiehlt geistiges Eigentum. Kurz: Er oder sie plagiiert. Bei wissenschaftlichen Arbeiten sind Plagiate besonders brisant. Wegen ihnen werden akademische Titel aberkannt, Politiker zum Rücktritt "gezwungen" und Karrieren ruiniert. Ein heikles Thema, das über kurz oder lang auch in die Sphären der Sozialen Medien eindringen wird. Denn "copy-paste" kann jeder, aber zitieren offenbar nicht.

Aktuelles Beispiel Heinz-Christian Strache: Wie berichtet, hat der FPÖ-Chef am Montag auf seiner Facebook-Seite einen offenen Brief veröffentlicht, der an die in Österreich lebenden "Erdogan-Anhänger" adressiert ist. Er empfiehlt ihnen, Österreich zu verlassen, weil sie mit der Demokratie und der Freiheit hierzulande nichts anfangen können. Sie sollen zurück in die Türkei, wo sie Erdogan unterstützen können. "Vergessen Sie bitte nicht bei der Ausreise Ihren österreichischen oder deutschen Pass, der sicherlich wie ein Dokument der Hölle in Ihren Taschen brennt, beim Zoll zurückzugeben", heißt es im Text abschließend. Teilweise zynisch, teilweise humoristisch übt sich Strache in falscher Empathie.

Auf seiner Facebook-Seite wird Strache für seine Formulierungen gelobt, "herrlich", großartig" ist bei den Postings zu lesen.

Es gibt aber einen Haken: der Text stammt weder von Strache noch von seinem Kommunikationsteam. Die deutsche Autorin Gabriele Brinkmann hat ihn geschrieben und sucht - wie Straches 600.000 FB-Fans - vergeblich nach einer korrekten Quellenangabe.

Der KURIER hat die kopierten Stellen farblich markiert (Brinkmann links; Strache rechts; hier in Originalgröße):

Brinkmann: Text wurde missbraucht

"Ich habe nichts dagegen, wenn einer meiner Texte auf Facebook geteilt wird", sagt Brinkmann zum KURIER, "man darf sich fremde Zeilen aber nicht unter die Nägel reißen. Das macht nicht schön, vor allem nicht im Gesicht." Die Autorin stößt sich daran, dass Strache einen fremden Text für seine politischen Zwecke missbraucht. "Ich stehe in keiner Verbindung zu diesem Politiker, meine politischen Überzeugungen decken sich in keiner Weise mit den seinen", erklärt Brinkmann, die den offenen Brief unter dem Künstler-Pseudonym Paula Bengtzon auf dem rechtspopulistischen Blog Journalistenwatch veröffentlichte.

Mehr oder weniger. Denn auch dort habe man "Liebe Erdogan-Anhänger in Deutschland" ohne nachzufragen publiziert - freilich ohne Quellenangabe. Erst nach einer Intervention sei ihr Pseudonym hinzugefügt worden. Der Chefredakteur von Journalistenwatch, Thomas Böhm, ist Bundesgeschäftsführer des rechtspopulistischen "Bürgerbewegung" Pax Europa. Der Verein beschreibt sich selbst als "Menschenrechtsorganisation" und veröffentlicht Artikel, die gegen den Islam gerichtet sind.

Brinkmann ärgert sich über diese Vorgehensweise, weil ihre Texte für politische Propaganda nicht verfasst worden seien - Straches Posting wurde bereits über 1000 Mal geteilt. "Ich bin ein wacher Mensch und versuche, Dinge humoristisch und satirisch zu beschreiben. Ich bin nicht der Typ, der am Platz steht und die deutsche Fahne schwenkt", sagt sie und fügt hinzu: "Ich weiß, dass es oft schwierig ist, den richtigen Autor zu finden. Aber so viel Hausverstand sollte man doch haben, dass man das Fundstück zumindest mit 'ungeklärter Autorenschaft' kennzeichnet."

Ohnehin sollten Politiker in der Lage sein, eigene Gedanken zu formulieren. "Ich habe kein Herz für Populisten, erst recht nicht, wenn sie geistiges Eigentum stehlen."


Hinweis: Die FPÖ wurde bereits am Montagnachmittag kontaktiert - allerdings konnte niemand für eine Stellungnahme erreicht werden.

Erinnerung an Sommergespräche 2005

Bei Strache kein Einzelfall. Der FPÖ-Chef hatte vor Jahren eine Rezension von "Der Waldgang" als seinen eigenen Text dargestellt. Das Buch wurde vom deutschen Schriftsteller Ernst Jünger verfasst, der vor allem durch seine "Kriegserlebnisbücher" bekannt wurde und als intellektueller Wegbereiter des Nationalsozialismus bezeichnet wird. Bei den Sommergesprächen im August 2005 wies Armin Wolf nach, dass ebenjene Zusammenfassung des Buchs auf Straches Website, nicht von Strache selbst, sondern von Jürgen Hatzenbichler stammt.

Hier dazu das Video: