Politik | Inland
03.08.2018

Faßmann: "Schulen nicht überfordern"

Der Bildungsminister spricht über die Herausforderungen und die Pflicht der Eltern für ihre Kinder.

KURIER: Sie sind eigentlich Professor für angewandte Geografie und Raumordnung – wurden mit der Leitung des Expertenrates für Integration betraut und sind nun seit sieben Monaten Minister für Bildung und Forschung. Das ist eine ungewöhnliche Entwicklung, wie ist es dazu gekommen?

Heinz Faßmann: Aus einer Verkettung von Umständen, von glücklichen, hoffe ich. Raumordnung befasst sich mit der planerischen Gestaltung des Raumes. Raumordnung dient und verändert Gesellschaft und hat daher immer einen politischen Konnex. Bei meiner Spezialisierung auf Migrations- und Integrationsfragen war der politische Konnex besonders deutlich, denn Migration und Integration sind politisch relevante Themen.

Es gibt ganz aktuell einen Brandbrief der Wissenschaft, die mehr Mittel für die Grundlagenforschung einfordert. Die jungen, von uns teuer ausgebildeten Forscher drohen ins Ausland abzuwandern, weil die Forschungsmittel fehlen. Wie sehen Sie das Problem?

Ja, mehr ist immer gut. Aber objektiv ist, dass wir bei der Forschungs- und Entwicklungsquote in Europa auf Platz zwei liegen, nur Schweden ist vor uns. Weltweit sind wir da auf Platz sieben. Also sind wir gut platziert, Österreich ist ein Forschungsland geworden, auch wenn wir das selbst nicht immer zur Kenntnis nehmen.

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Aber nicht bei der Grundlagenforschung. Bezogen auf die Einwohnerzahl verfügt der FW-Fonds über deutlich weniger Mittel pro Kopf als in Deutschland oder in der Schweiz.

Ja, bei der Grundlagenforschung können wir zulegen, das ist gar keine Frage. Aber ich bleibe dabei, es ist viel Geld im System vorhanden.

Weil wir gerade beim Geld sind: Sind die Budgetverhandlungen ihres Ressorts mit dem Finanzressort die schwierigste und unangenehmste Aufgabe?

Ich habe da keine Vergleichsmöglichkeit, ich kenne nur diesen Finanzminister.

Was ich meinte: Sind für Sie als Bundesminister die Budgetverhandlungen die schwierigste Arbeit?

Nein, alles ist schwierig, auch die Gespräche mit den vielen Stakeholdern. Aber natürlich ist es mit einem Finanzminister immer schwierig, weil er ein klares Interesse hat, wenig auszugeben. Ein Fachminister hat ein klares Interesse, möglichst viel für seine Sache auszugeben. Durch diesen Interessenskonflikt muss man durch.

Aber das sagen Sie immer relativ klar: Wir haben im internationalen Vergleich genug Geld im Bildungssystem.

Ja, das stimmt schon. Wir geben relativ viel für Forschung aus. Wir geben aber auch im Bildungssystem pro Kopf relativ viel aus. Das hat alles seine rationalen Gründe, aber wir sind finanziell nicht Not leidend.

Wir sind vielleicht nicht Not leidend, aber auch nicht effektiv.

Wir könnten im Bereich des Outputs, sowohl im Bereich der Bildung und Schule, als auch im Bereich der Forschung vielleicht besser sein. Da liegt noch ein gewisses Effizienzpotenzial im System.

Sie sind jetzt seit über einem halben Jahr im Amt. Was ist heute für Sie die größte Baustelle im Bildungssystem? Ist es das Thema Integration?

Integration durch Bildung ist ein zentrales Thema. Die Zuwanderung nach Österreich in den letzten Jahren war quantitativ sehr beachtlich und sie brachte viele mäßig oder gar nicht qualifizierte Menschen in das Land. Österreich ist nicht Kanada. Wir haben daher durch das Bildungssystem einen ordentlichen Aufholbedarf zu leisten. Das ist eine Herausforderung.

Jetzt kommen die Deutschförderklassen für jene, die dem Unterricht nicht folgen können. Was ist mit all jenen, die nur rudimentär Deutsch können?

Da haben wir das System der Deutschförderkurse. Wir haben auch weitere Fördermaßnahmen, wo die Zivilgesellschaft zum Tragen kommt. Die Caritas, das Rote Kreuz, da gibt’s viele Initiativen die zusätzliche Deutsch-Fördermaßnahmen bei den Schülern setzen.

Aber wenn Sie sagen, es ist gut, dass die Zivilgesellschaft hier einspringt – das kann doch nicht die Idee sein. Was ist mit all jenen, die nicht von Eltern angetrieben werden? Die bleiben übrig?

Ich habe die Zivilgesellschaft hier nur erwähnt, weil es manchmal notwendig ist, ihr beeindruckendes Engagement bei dieser großen Aufgabe der Integration hervorzuheben. Wir brauchen auch die Elternarbeit, das gemeinsame Bestreben, Schülerinnen und Schüler weiterzubringen. Das kann die Schule letztlich nur gemeinsam mit den Eltern leisten. Eltern hereinholen in die Schule, mit ihnen die Schulleistungen zu besprechen und gemeinsame Lehraktivitäten zu entwickeln. Da gibt es unzweifelhaft noch Einiges zu tun.

Wie sehen Sie die Verantwortung der Eltern bei der Bildungskarriere der Kinder?

Die ist vorhanden, überhaupt keine Frage. Die Vorstellung, dass man einen Sohn oder eine Tochter abgibt und sagt: „Bringt uns den perfekt qualifizierten Absolventen zurück“, das ist eine ganz naive Vorstellung.

Was ist mit den Kindern, bei denen sich die Eltern nicht für Bildung verantwortlich fühlen?

Da muss die Schule motivieren, Eltern in die Schule einladen, manchmal auch vorladen und mit ihnen sprechen. Da darf man nicht aufgeben. Das ist natürlich Sisyphusarbeit, aber in dem Bereich gibt’s nicht die große Lösung.

Das heißt, der Staat kann das nicht übernehmen, wenn die Eltern versagen?

Wir dürfen die Schule auch nicht überfordern, mit all den Themen, die in der Gesellschaft vielleicht nicht ganz so funktionieren. Die Verantwortung der Eltern bleibt erhalten. Die kann man nicht an eine Institution abgeben.

Das ist die große Frage der Chancengerechtigkeit. Wir kennen das aus zahlreichen Bildungsstudien – wenn die Eltern motiviert sind und eine höhere Bildung haben, werden das die Kinder auch erreichen. Wenn das nicht so ist, dann haben die Kinder ein hohes Risiko, dass sie im System überbleiben.

Aber die Alternative kann nicht sein, der Staat nimmt gleichsam die Kinder in seine Obhut, sorgt für Ausbildung und Sozialisation und gibt sie dann wieder zurück. Es kann nur ein Miteinander sein.

Sie sind jetzt seit knapp sieben Monaten im Amt. Was soll von ihrer Amtszeit übrig bleiben? Was ist eigentlich Ihr Bildungsbegriff?

Ich habe einen liberalen und emanzipatorischen Bildungsbegriff. Ich möchte, dass Bildung für jeden einzelnen, zu einer Befreiung von bisherigen Denkweisen und Traditionen führen kann. Sich selbst infrage stellen, die Welt infrage stellen, das schafft neue Weltsichten. Da hat Bildung einen unglaublichen, aufklärerischen Wert für jeden Einzelnen. Mit Bildung hängt aber natürlich auch Ausbildung zusammen. Für einen Arbeitsmarkt qualifizieren, im Leben auf eigenen Beinen stehen und sich eine nicht alimentierte Existenz aufbauen, sind auch Ziele unseres Bildungssystems. Befreiung von dem bisher Gedachten ist die eine Komponente und selbstständig werden, auch in einem ökonomischen Sinn, ist die andere. Beides ist wichtig.