Politik | Inland
25.03.2018

Generation Smartphone: „Die Kommunikation hört nie mehr auf“

Smartphone-Folgen. Psychologe Peter Vorderer beobachtet, wie Handys das Sozialverhalten von Kindern ändern – es fehle noch an sozialen Normen

KURIER: Sie erforschen seit 30 Jahren Auswirkungen von Medien auf den Menschen. Die heutige Kinder-Generation ist die erste, die eine Welt ohne Smartphones nicht mehr kennt – wie verändert das die Kindheit?

Peter Vorderer: Welche langfristigen Wirkungen das auf das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen hat, wissen wir noch gar nicht und können es deshalb schlecht beurteilen und bewerten. Im Moment beobachten wir ja erst, was während der Nutzung der Medien passiert – und da gibt es einige sehr deutliche Veränderungen. Früher wurde zum Beispiel vorwiegend morgens zuhause die Zeitung gelesen, im Auto etwa auf dem Weg zur Arbeit Radio gehört, am Abend wurde im Wohnzimmer ferngesehen; es gab also für die Mediennutzung bestimmte Zeiten und spezifische Orte und Anlässe. Dabei wollte man dann auch nicht gestört werden. Jetzt können Medien immer und überall genutzt werden – nicht nur überall auf der Welt, sondern auch in jeder erdenklichen sozialen Situation.

Wie verändert das das Sozialverhalten der Kinder?

Das am häufigsten genannte Problem in Familien ist derzeit die Smartphone-Nutzung beim Abendessen. Meist sagen die Mütter: Können wir nicht einmal am Tag miteinander reden? Die Kinder oder auch der Vater dagegen sagen: Ich muss noch was erledigen, ich hab' gerade eine Nachricht bekommen. Auch in vielen Schulen gibt es Probleme mit der Regulierung der Smartphone-Nutzung im Unterricht, und selbst an der Uni gehen wir fälschlicherweise davon aus, dass die Studierenden uns zuhören – dabei richtet sich der größere Teil ihrer Aufmerksamkeit auf WhatsApp, Internet-Einkäufe oder auf Facebook. Man kann also sagen: Fast alle sozialen Interaktionen sind mittlerweile durchtränkt von der Nutzung digitaler Medien.

Aber Kommunikation im Netz ist ja auch soziale Interaktion – ist das so schlecht?

Zunächst einmal gar nicht. Aber die Kommunikation ist mittlerweile entgrenzt. Nehmen wir ein Beispiel: Wir stehen mit anderen zusammen, reden, jemand bekommt eine Nachricht. Der ist sofort abgelenkt, schaut aufs Handy und antwortet unter Umständen auch – und hat kein Problem damit, dass er die anderen damit vor den Kopf stößt. Warum? Weil wir für neue Medien – im Gegensatz zu traditionellen Medien – überhaupt noch keine sozialen Regeln aufgestellt haben: Wann ist deren Nutzung angemessen, wann ist es unhöflich, wann ist es der Kommunikation unter den Anwesenden abträglich? Dieses Verhalten sieht man bei jüngeren Menschen, zum Beispiel bei bei Studierenden, viel deutlicher als bei älteren Menschen. Für Letztere gelten noch die alten Regeln. Zum Beispiel: Beim Abendessen wird nicht ferngesehen, während des Gesprächs wird das Radio ausgemacht. Heute aber lassen wir stärker die Geräte bestimmen, was aus einer sozialen Interaktion wird.

Machen Smartphones mehr Stress? Gerade für Kinder?

Das ist ganz sicher so. In Studien stellen wir immer wieder fest: Die meisten Befragten sagen einerseits, dass ihr Smartphone für sie eine große Bereicherung darstellt („ich kann damit viel mehr tun als früher, ich kann meine Mitschüler fragen, was haben wir denn in Mathe auf“ etc.). Gleichzeitig wird die erweiterte und jederzeit und überall verfügbaren Kommunikationsmöglichkeit aber auch als Belastung und als Stress empfunden. Man hat so viele verschiedene Dienste zu bearbeiten und bekommt so viele unterschiedlichen Nachrichten, dass man permanent scannen muss, was gerade passiert. Oder man hat zumindest das Gefühl, man müsse das tun. Hinzu kommt: Es ist noch nicht lange her, da gingen die Menschen nach Hause und Schule, Studium, Arbeit waren für den betreffenden Tag zu Ende. Das gibt es nicht mehr – die Anrufung durch andere, allgemein also die Kommunikation, hört nie mehr auf.

Laut einer US-Studie leidet die „Generation Smartphone“ deshalb öfter unter Depressionen. Können Sie das bestätigen?

Depression ist ja auch eine Art des Rückzugs aus sozialen Interaktionen und resultiert nicht selten aus einer Überforderung. Das Smartphone ist da sicher eine weiterer Faktor, und es gibt viele Studien, die zeigen, dass Depressionen in der Tat zugenommen haben. Man muss aber vorsichtig sein, sich das nicht zu einfach zu machen und die Zunahme monokausal auf die Smartphone-Nutzung zurückzuführen kann. Denn in den letzten 20 bis 30 Jahren hat sich gesellschaftlich sehr viel verändert: Die Anforderungen an die Menschen sind massiv angestiegen, diese müssen zunehmend effektiver handeln, mehr Output liefern etc. Und zu sagen: „Lass das Handy halt liegen!“, geht nicht, weil es gleichzeitig diese genannten enormen Vorteile für die Nutzer und Nutzerinnen hat. Denn das Smartphone ist auch so etwas wie ein „perfect tool in the pocket“, man kann sehr viele Probleme damit lösen: Wenn ich zum Beispiel einsam bin, kann ich Kontakt herstellen; wenn ich ein Problem habe, kann ich wen fragen.

Steigt auch der Druck, sich mit anderen zu vergleichen? Früher hatten Kinder das Bravo-Heft, jetzt ein Instagram-Universum voller perfekter Menschen.

Menschen vergleichen sich ständig mit anderen, um Informationen über sich selbst zu bekommen. Problematisch dabei ist, dass der Vergleich mit jenen, denen es tatsächlich oder auch nur vermeintlich besser geht, frustrierend ist. Auf Facebook und Co. ist aber beinahe jeder fast immer bemüht, sich positiv darzustellen. Und wer das liest oder sieht, leidet schnell darunter, dass es bei den anderen einfach besser zu laufen scheint.

Ist das wirklich schlimmer als früher?

Problematisch ist, dass der Vergleich jetzt praktisch permanent stattfindet: Ich sehe nicht nur in der Schule, dass die anderen Kinder die cooleren Klamotten anhaben, sondern es gibt fast keine Lebenssituation mehr, wo ich solche Bilder und solche Vergleichsmöglichkeiten nicht unter die Nase gerieben bekomme. Entsprechend muss ich natürlich auch solche Bilder von mir verschicken und damit sagen: So cool sehe ich aus. Das Alles sorgt natürlich für weiteren Stress.

Welche Folgen hat das denn für die Entwicklung der Sexualität? Auf Youporn sehen Jugendliche ja, wie Geschlechtsverkehr – laut einem gewissen Ideal der Industrie – auszusehen hat.

Absolut. Durch die enorme Verbreitung von Pornografie haben sich die Vorstellungen, die sich auch schon Kinder von Sexualität machen, verändert: Sie halten zum Beispiel gewisse sexuelle Praktiken, die eher ungewöhnlich sind, für häufig oder durchschnittlich – im Internet steht ja nicht, dass diese Praxis ausgefallen ist. Insbesondere dort, wo Eltern wenig mit den Kindern darüber reden, bekommen diese Kinder schnell einen falschen Eindruck – sie glauben etwa, dass sie selbst ungenügend sind, nicht schön genug, nicht ausreichend stark oder potent etc.

Gibt es auch positive Folgen?

Ganz sicher, die werden in der öffentlichen Debatte allerdings gerne vergessen. So haben zum Beispiel Personen, die früher keine Chance hatten, sich selbst durch einen Vergleich mit anderen ausreichend einzuschätzen („Ist es normal, was ich mag und bin, wie ich aussehe?“) heute ganz andere Möglichkeiten. Sie können anonym fragen: Gibt es da noch jemanden, der so ist wie ich? Das kann auch befreiend wirken.

Wie geht es Eltern dabei? Sie stecken ja im Dilemma, das Kind vom Smartphone fernzuhalten – und müssen es aber zeitgleich internetfit machen.

Dieses Dilemma lässt sich in der Tat kaum auflösen. Die Ausgrenzung und Stigmatisierung von digitalen Technologien ist meines Erachtens völlig falsch – ich kann nur davor warnen, deren Nutzung generell zu verteufeln, wie das etwa Manfred Spitzer in seinen Büchern macht. Andererseits gibt es – gerade, was die Medieninhalte betrifft – einen zu frühen Zeitpunkt, um Kinder mit entsprechenden Inhalten zu konfrontieren. Wichtig ist vor allem, dass Eltern den Zugang zu ihren Kindern nicht verlieren, dass sie mit ihnen in Verbindung bleiben und dass sie sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sind und auch entsprechend handeln. Situationen, in denen Kinder ihr Handy nicht benutzen dürfen, während der daneben sitzende Vater seine Aufmerksamkeit dem Smartphone widmet, sind sicher nicht hilfreich.

Blicken Sie für uns in die Zukunft: Wie wird die Digitalisierung die Gesellschaft – und da speziell die Kinder – in zehn, zwanzig Jahren verändern?

Mit dem Smartphone wurde wohl ein Nerv getroffen, denn kein anderes Medium hat sich zuvor so schnell und so umfassend verbreitet und unser Leben damit so stark beeinflusst. Aber ich bin mir sicher, dass wir das Gerät selbst in recht kurzer Zeit bereits ersetzen werden: Im Moment bewegen wir uns ja beinahe zombiehaft, weil wir immerzu aufs Smartphone schauen. Man sieht kaum noch jemanden in der U-Bahn sitzen, der nicht aufs Smartphone glotzt. Das schränkt aber auch in vielerlei Hinsicht ein. Darum wird die Industrie wohl für Alternativen sorgen, mit Brillen, Implantaten oder Netzhaut-Projektionen vielleicht. Dass wir darauf gänzlich verzichten werden, kann ich mir kaum vorstellen. Wenn ich spekulieren soll: Ich glaube dennoch, dass es zu einer situativen Differenzierung kommen wird, bei der wir die Verbindung mit dem Internet (unabhängig vom Endgerät, das wir dabei benutzen) je nach sozialer Situation an- oder ausschalten. Es gibt ja auch ein Bedürfnis nach einsamen Momenten, in denen man gerade nicht „connected“ ist, sondern genug an sich oder auch an einem oder wenigen anderen Menschen hat - und dabei nicht abgelenkt werden möchte.