© Walter Schweinöster

Interview
11/21/2020

Ex-Weltmeister & Hotelier Walchhofer: "Corona ist wie ein Ritt über die Streif"

Michael Walchhofer. Der Ex-Ski-Weltmeister und Hotelier verlor beim ersten Lockdown 25 Prozent des Umsatzes. Von der Politik wünscht er sich mehr Planbarkeit

Eigentlich würde Michael Walchhofer (45) dieser Tage die ersten Gäste in seinen drei Hotels in Zauchensee begrüßen. In den Mails würden zahlreiche Reservierungen für die Wintersaison eintrudeln. Stattdessen tut sich da wie dort nichts. Keine Gäste, keine Ski-Openings, kaum Anfragen für einen Skiurlaub. Alle sind in Warteposition. Trotzdem wirft der Ex-Skiweltmeister die Flinte nicht ins Korn.

KURIER: Herr Walchhofer, wenn man auf Ihre Homepage blickt, dann findet man dort Ihre Leitsätze wie „Talent hat der, der durchhält“ oder, dass Sie Herausforderungen lieben. Stellt die Corona-Pandemie Ihre Lebenseinstellung auf die Probe?

Michael Walchhofer: Diese Attribute sind jetzt absolut notwendig, um durch die Krise zu kommen. Es ist für alle Beteiligten frustrierend, aber Corona wegzaubern geht leider nicht. Wir sitzen alle in einem Boot. Deswegen muss man die Herausforderung annehmen und das Beste daraus machen. Es werden sehr spannende Winterwochen werden. Gerade der Tourismus wird sicher unglaublich flexibel agieren müssen, weil es zahlreiche unkalkulierbare Faktoren gibt.

Spannend, flexibel, unkalkulierbar – so beschreiben Abfahrer auch die Streif. Ist die Pandemie mit einem Ritt über die Streif vergleichbar?

Für die Streif analysiert und plant man viele Tage vor der Abfahrt, was die beste Linie sein könnte. Trotzdem braucht man während der Fahrt eine hohe Flexibilität, weil die Strecke immer neue Unwägbarkeiten parat hat. Die Streif wirft einen immer wieder aus der Spur, und dann muss man entsprechend schnell korrigierend reagieren. Insofern ist Corona mit einem Ritt über die Streif vergleichbar. Im Sport gilt: Die Besseren werden es besser meistern.

 

Gerade gegenüber der Tourismus-Branche gibt es den Vorwurf, dass sie übervorteilt wird. Da gibt es 80 Prozent Umsatzersatz, dazu kommen die Kurzarbeit und der Fixkostenzuschuss. Wird so mancher Gastronom im November 2020 ein besseres Einkommen haben, als er es 2019 hatte?

Da kann ich jetzt nur für mich und unsere Region sprechen. Die Umsatzentschädigung hätte ich beim ersten Lockdown im März und April gebraucht. Hier sträubt sich der Bund noch massiv, den Unternehmern nach dem Epidemiegesetz einen Schadenersatz zu gewähren. In diesen fünf Wochen machen wir 25 Prozent des gesamten Umsatzes in der Wintersaison. Dieser erhebliche Teil des Umsatzes war mit einem Schlag weg. Jetzt zum Saisonbeginn hilft mir der Umsatzersatz wenig. In der Stadthotellerie oder im Wellness-Sektor schaut die Situation sicher anders aus. Ich habe es mir aber schon in meiner aktiven Zeit als Spitzensportler abgewöhnt, mich darauf zu konzentrieren, was andere haben. Es ist immer besser, auf die eigene Situation zu schauen, ohne sich von den Mitbewerbern ablenken zu lassen. Da vergeudet man nur wertvolle Zeit und Energie.

Was erhoffen Sie sich vom zweiten Lockdown? Kann er einen dritten verhindern?

Wenn wir es schaffen, dass die Zahlen sinken und dadurch die Saison – mit vielen Einschränkungen natürlich – rund um Weihnachten starten kann, dann hat sich der zweite Lockdown ausgezahlt. Den Ausfall der Ski-Openings kann man verkraften. Aber ein dritter Lockdown darf auf keinen Fall passieren. Dann wäre das Wintergeschäft 2020/2021 endgültig vorbei.

 

 

Kam der zweite Lockdown zu spät?

Wir haben schon länger gehofft, dass endlich Maßnahmen gesetzt werden, als die Infektionen explodierten. Vielleicht war es gesellschaftspolitisch schwierig, einen Lockdown früher durchzusetzen, weil die Bevölkerung die Dramatik der Lage nicht erkannt hatte.

Am 5. Dezember sollen nun die ersten Massentests kommen. Schon in der Sommersaison waren Tests für die Tourismusbranche angekündigt. Werden Sie Ihr Personal testen lassen?

Wir planen, drei Mal pro Woche auf freiwilliger Basis Tests durchführen zu lassen. Die Kosten werden teilweise vom Tourismusministerium übernommen. Ich hoffe aber, dass ich mit 20.000 Euro an Kosten dafür durchkommen werde.

Sind Sie mit der Politik in dieser Krise zufrieden?

Mein Wunsch ist es, dass dieses Hickhack, das in den vergangenen Wochen dominiert hat, schnell beendet wird. Mein Appell Richtung Wien ist, dass wieder alle einem Strang ziehen sollten. Dass man in dieser schwierigen Zeit auch noch streiten muss, das versteht der normale Bürger nicht. Es geht um viel, es geht um die Zukunft unseres Landes. Da ist es einfach überflüssig, dass man politisches Kleingeld mit der Krise machen will. Jetzt gilt es, den dritten Lockdown zu verhindern. Ich kann jedem Politiker nur raten, sich das auf die Agenda zu schreiben. Denn so denken viele Bürger.

Sie haben bei den Nationalratswahl 2019 Sebastian Kurz unterstützt. Jetzt hört man doch einige Kritik heraus ...

Nur weil man einen Politiker unterstützt hat, heißt das nicht, dass man keine Kritikpunkte sieht und diese nicht artikuliert. Ich habe mir von jedem meiner Trainer in meiner aktiven Sportlerzeit erwartet, dass er mir meine Fehler aufzeigt, aber noch wichtiger: Dass er Verbesserungsvorschläge liefert. Nur so gibt es eine Weiterentwicklung. So sehe ich das auch in dieser Situation auch.

 

Kanzler Kurz plant eine Massentestung

Ist der Projekt Eigenverantwortung gescheitert?

Das ist schwierig. Ich muss mich ja selbst immer an der Nase nehmen (lacht). Auf Bussi-Bussi kann ich gut verzichten, aber wir sind eben gerne in Gesellschaft.

Après-Ski ist dieses Jahr abgesagt. Vielen Gästen ist das Après-Ski-Erlebnis aber fast wichtiger als Skifahren selbst. Wird dieses Faktum, neben den Einreiseverboten, nicht zahlreiche Touristen davon abhalten, einen Skiurlaub zu buchen. Wie hoch schätzen Sie die Verluste ein?

Daran will man als Hotelier noch gar nicht denken. Wir wissen noch gar nicht, wann wir mit der Saison starten können. Hoffentlich kommt kein dritter Lockdown. Es gibt keine Planbarkeit. Denn Vorreservierungen in der hohen Anzahl, wie sie in den vergangenen Saisonen üblich waren, gibt es heuer bedeutend weniger. Wir sind absolut darauf angewiesen, dass sich die Grenzen wieder öffnen, auch wenn 35 Prozent unserer Gäste aus Österreich sind. Ein Glück ist, dass Zauchensee nicht sonderlich auf Après-Ski ausgerichtet ist, wir sind eher ein romantisches Skidorf. In unserer eigenen Aprés-Ski-Bar haben wir das Konzept schon umgestellt.

In fünf Jahren ist Saalbach der Austragungsort für die Ski-WM. Kann sich Salzburg so ein kostenintensives Event nach einer Pandemie leisten?

2025 ist ein passender Zeitpunkt. Auch wenn wir nach Corona möglicherweise mit Virenmutationen konfrontiert sind, hoffe ich doch, dass wir 2025 wieder ein normales Leben führen können. Da kann eine Ski-WM ein wichtiger Impuls für ganz Salzburg sein. Das hat man auch bei WM in Schladming gesehen. Davon hat die gesamte Steiermark profitiert.

2021 wird die Hahnenkamm-Abfahrt ohne Publikum stattfinden. Raubt man dem Kitzbühel-Rennen damit seine Seele?

Es ist zach, aber es funktioniert auch ohne Publikum. Der Hahnenkamm-Sieger 2021 wird seine Glücksemotionen trotzdem haben. Doch das Gefühl, wenn 40.000 Fans jubeln, fehlt einfach.

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