Politik | Inland
19.01.2014

Eugen Freund ganz privat

Es war der Coup der Woche: Ex-ORF-Anchorman Eugen Freund tritt als SPÖ-Kandidat zur EU-Wahl an. Mit dem KURIER besuchte Freund seine Kärntner Heimat.

KURIER: Herr Freund, Anfang November wehrten Sie sich lautstark gegen Ihre Pensionierung als ORF-Moderator, meinten, Sie können von der ASVG-Pension nicht leben. Wie wollen Sie das einem kleinen SPÖ-Pensionisten erklären, der Sie am 25. Mai wählen soll?

Eugen Freund: Das war eine ungeschickte Formulierung. Das ist mein Problem, dass ich frei nach dem Mund spreche. Aber es ist natürlich auch so, wenn jemand sein Leben lang in einem relativ hochverdienenden Segment tätig ist, dann hat man einen Lebensstil, der in der Pension schwer zu halten ist, und ich wollte ja noch nicht in Pension gehen. Ich finde es furchtbar, dass es sehr viele Menschen gibt, die mit noch weniger Geld leben müssen. Ich frage mich oft, wie das schaffbar ist.

Welche Rolle spielt die Eitelkeit, wenn man sich entschließt, als Quereinsteiger in die Politik zu gehen und dann gleich als Spitzenkandidat?

Meine Angst war nicht: Um Gottes Willen, ich bin jetzt weg vom Bildschirm und die Menschen werden mich nicht mehr erkennen. Noch im Vorjahr wurde ich auf der Straße angesprochen, ob ich Heimaturlaub von Washington mache, obwohl ich schon seit 2001 nicht mehr US-Korrespondent bin. Dieser Wiedererkennungswert hält so lange an, das hätte mir für die nächsten Jahre gereicht.

Wie lange haben Sie überlegt, ob Sie annehmen?

Es war für mich wirklich eine böse Überraschung, als ich am 3. Oktober den Pensionierungsbrief mit den Schlussworten „Vielen Dank. Und vergessen Sie nicht, den Ausweis abzugeben“ vom ORF bekam. Ich wollte mit 62 nicht in Pension gehen. Oft genug habe ich im ZiB-Studio präsentiert, dass das reale Pensionsantrittsalter in Österreich zu niedrig ist. Ich hatte das Gefühl, dass ich noch nicht in die Pension gehöre. Dafür fühle ich mich zu agil. Schon im Oktober habe ich zu meiner Frau gesagt: „Weißt du, was ich wirklich gerne machen würde? Ich wäre gerne Abgeordneter im EU-Parlament.“ Knapp vor Weihnachten bekam ich einen Anruf von Josef Ostermayer (Kanzleramtsminister). Über Weihnachten wurde dann in der Familie die Entscheidung gefällt.

Haben Sie bewusst Signale gesendet, dass Sie gerne nach Brüssel gehen wollen, oder war der Anruf von Josef Ostermayer eine kosmische Fügung?

Es war eine kosmische Fügung. Aber vielleicht hängt es mit der Sternwarte zusammen, die mein Großvater in St. Kanzian gebaut hat, und meine EU-Kandidatur stand schon in den Sternen (lacht).

Als Journalist kann man Kritik austeilen, jetzt müssen Sie als Politiker Kritik einstecken. Können Sie das?

Durchaus. Ich glaube, dass ich sowohl kritikfähig als auch lernfähig bin. Ich weiß, dass ich kein perfekter Mensch und schon gar nicht ein perfekter Mann bin.

Von der ZiB zur SPÖ

Von der ZIB zur SPÖ

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Eugen Freund moderiert ab 5. Oktober mit Hannelore Veit das ORF-Informationsflaggschiff "Zeit im Bild".

ARCHIVBILD: "ZIB"-MODERATOR EUGEN FREUND

Hannelore Veith, Eugen Freund, ORF, ZIB…

Hannelore Veith, Eugen Freund, ORF, ZIB…

Hannelore Veith, Eugen Freund, ORF, ZIB…

US-WAHL 96

NADJA BERNHARD UND EUGEN FREUD MODERIEREN "ZEIT IM

Weltjournal

Licht ins Dunkel - Aktionstag

Welche Fehler hat der Mann Eugen Freund? Sind Sie ein engagierter Familienmensch?

Das ist ein schwieriges Kapitel. Ich versuchte, mich so gut es geht zu engagieren. Es gab eine Zeit während meines Engagements als US-Korrespondent, da passierte eine Entfremdung zwischen meiner zweijährigen Tochter Carla und mir, weil ich durch die Zeitverschiebung zu familienfeindlichen Zeiten arbeiten musste. Sie hat mich einfach nicht mehr an sich herangelassen, weil ich als Vater nicht präsent war. Das war ein schwieriger Prozess, und es dauerte ein Jahr lang, bis Carla mich wieder akzeptiert hat. Aber jetzt lieben wir einander ganz innig. Heute ist sie 20 und studiert in den USA Umweltwissenschaften, und auch zu meinem 25-jährigen Sohn habe ich ein sehr gutes Verhältnis.

Wir sitzen hier in Ihrem Heimatort St. Kanzian am Klopeiner See. Welches Verhältnis hatten Sie zu Ihrer Heimat, als Jörg Haider an der Macht war?

Eines der Verhältnisse zu Jörg Haider bestand darin, dass ich keines zu ihm hatte. Aber eines hat sich in diesen Jahren schon geändert. Vor Haiders Zeit als Landeshauptmann hupte ich immer als Begrüßungsritual im letzten Packtunnel vor der Kärntner Grenze. Das habe ich als Protest gegen Haider eingestellt.

Warum schreibt man einen Krimi über Jörg Haiders Tod, wenn man kein Verhältnis zu ihm hat?

„Der Tod des Landeshauptmanns“ ist eine fiktive Geschichte, und Jörg Haider ist eine Randerscheinung in meinem Roman. 90 Prozent sind total erfunden.

Doch durch den Titel und die erste Seite im Buch, wo der Autounfall beschrieben wird, wird sehr wohl das Gefühl erzeugt, es geht um Jörg Haider. Vielleicht eine Marketingstrategie, um mit dem Namen Haider mehr Bücher zu verkaufen?

Ich habe nicht kapitalistische Motive dahinter gehabt, man sieht Jörg Haider auch nicht am Cover. Ich wollte einmal versuchen, einen Roman zu schreiben, und die Verkaufszahlen geben mir Recht.

Fühlen Sie sich noch als Kärntner?

Trotz meiner langen Zeit im Ausland bin ich in meiner Heimat noch sehr gut sozial integriert. Mein Vater war in St. Kanzian Arzt, und ich habe alle Hausbesuche mit ihm als Kind mitgemacht. Ich kenne hier jedes Haus und seine Bewohner. Hier habe ich meine fünf Bücher geschrieben. Dazu brauche ich Ruhe und Konzentration, die ich in St. Kanzian finde.

Sie halten sich mit Ihrem Wahlziel noch sehr vage. Im Interview in der ZiB2 wollten Sie nicht einmal den ersten Platz für die SPÖ bei der EU-Wahl beanspruchen, sondern ein besseres Ergebnis erreichen als bei den letzten EU-Wahlen. Warum sind Sie so vorsichtig?

Ich habe nur gesagt, dass ich mich noch nicht festlegen will. Aber ich habe nicht gesagt, dass ich es mir nicht vorstellen kann, den ersten Platz zu holen. Um die Stimmung einschätzen zu können, bin ich noch zu kurz in dieser Position. Vielleicht fragt man mich in fünf Wochen nochmals, dann kann es sein, dass ich den ersten Platz bei der EU-Wahl für mich beanspruche.

Wenn Sie Ihr Wahlziel verfehlten, würden Sie Ihr Mandat als EU-Abgeordneter nicht annehmen?

Das ist eine sehr theoretische Diskussion. Denn da müsste ich mir schon einen Patzer nach dem anderen leisten. Ich habe mir nicht überlegt, was passiert, wenn die Wahl schlecht ausgeht.

Wie groß ist die Angst vor Fettnäpfchen?

Ich neige leider dazu, nicht alle Fettnäpfchen zu umschiffen. Bis jetzt habe ich als Moderator in einem sehr engen Korsett gelebt. Eine Anmoderation dauert manchmal nur 20 Sekunden, aber wenn man so frei spricht, sind Fettnäpfchen nicht ganz ausgeschlossen. Aber ich werde jeden Tag disziplinierter und werde meine Botschaften präzisieren.

Kann Eugen Freund die EU-Skepsis der Österreicher verbessern?

Ich glaube nicht, dass nur die Österreicher Europa-kritisch sind, sondern diese Stimmung gibt es auch in vielen anderen Ländern. Durch meinen Vorteil, als glaubwürdiger Vertreter der internationalen Politik dazustehen, glaube ich schon, dass mir die Menschen Vertrauen schenken. Das möchte ich nutzen, um die Österreicher mehr für die EU zu interessieren. Ich will den Diskurs über Europa aber nicht destruktiv führen, sondern ich will mit den positiven Elementen argumentieren. Aber ich behaupte auch nicht, dass in der EU alles problemlos läuft.

Eugen Freund: Der Quereinsteiger
ORF-Karriere: Der 62-Jährige wurde als Sohn eines Landarztes und einer Galeristin geboren. Er wuchs in St. Kanzian am Klopeiner See auf, wo sein Großvater eine Sternwarte baute. „Er hat alle Teile selbst zusammengebaut“, erzählt Freund. 1974 startete er sein Karriere in der innenpolitischen Redaktion des ORF-Hörfunks, 1978 engagierte ihn der damalige parteilose Außenminister Willibald Pahr als Pressesprecher. Danach war Freund fünf Jahre beim Österreichischen Presse- und Informationsdienst in New York tätig. 1986 kam Freund wieder zum ORF zurück. Von 1995 bis 2001 war er ORF-Korrespondent in Washington, ab 1997 auch als Büroleiter. Von Mai 2011 bis Ende 2013 war Eugen Freund Moderator der ZiB-1.

Privat: Der Kosmopolit schrieb fünf Bücher. Am Montag wurde via KURIER bekannt, dass er als SPÖ-Spitzenkandidat in die EU-Wahl geht. Freund hat eine Tochter (20) und einen Sohn (25) und ist seit 25 Jahren verheiratet.

Eugen Freund und Othmar Karas als „Retter“ ihrer Parteien

Mit der Nominierung von Eugen Freund zum SPÖ-Spitzenkandidaten nimmt der EU-Wahlkampf Konturen an. Für die ÖVP wird ihr EU-Star Othmar Karas in die Wahl ziehen, für die FPÖ das Duo Andreas Mölzer/ Harald Vilimsky, und bei den Grünen bewirbt sich erneut Ulrike Lunacek. Weiters fix im Rennen ist Ewald Stadler mit einer rechts-katholischen Unterstützer-Gruppe.

Hans Peter Martin hat noch nicht bekannt gegeben, ob er wieder antritt, und bei den Neos ist der mehrstufige Vorwahlprozess für den Spitzenkandidaten erst am 15. Februar abgeschlossen. Derzeit läuft die allgemeine Wahl, 52 Kandidaten sind noch im Rennen, 800 Bürger haben ihre Stimme gegen ein Entgelt von 10 Euro bereits abgegeben.

Obwohl noch nicht alle Kandidaturen feststehen, hat sich die Ausgangslage für den Wahlkampf vor allem durch den SPÖ-Spitzenkandidaten Eugen Freund geändert. Hatte die SPÖ zuvor ein Desaster befürchtet, ist mit Eugen Freund die Zuversicht gestiegen. Die SPÖ fürchtet nun nicht mehr, hinter die Blauen oder unter 20 Prozent abzustürzen. Im Gegenteil, sie hofft nun sogar, den ersten Platz zurückzuerobern.

Negativer Bundestrend

Zwar hat die ÖVP einen Respektabstand von sechs Prozentpunkten vor der SPÖ, doch gehen viele Experten davon aus, dass die ÖVP dieses gute Ergebnis nicht wird halten können. Der Hauptgrund: 2009 befand sich die ÖVP mit Josef Pröllals Parteichef im Hoch. Sie lag damals bei der Nationalratswahlfrage bei 32 Prozent. Derzeit rutscht sie aufgrund verpfuschter Regierungsverhandlungen und innerparteilicher Turbulenzen in Richtung 20 Prozent ab. Noch deutlicher hat ihr Obmann Michael Spindeleggeran Vertrauen eingebüßt.

Es ist davon auszugehen, dass sich dieser negative Bundestrend bei der EU-Wahl bemerkbar machen wird. Schadensbegrenzung kann die ÖVP mit ihrem profilierten Spitzenkandidaten versuchen. Othmar Karas kann, so Meinungsforscher, die ÖVP vor einem Debakel bewahren und mit Glück vielleicht sogar Platz 1 retten.

Demzufolge plant Karas auch einen Persönlichkeitswahlkampf mit einem breit gefächerten Personenkomitee.

Eugen Freunds Aufgabe wird es sein, die SPÖ-Anhängerschaft – vor allem jene, die die EU für nicht besonders wichtig erachten – zum Wählen zu animieren.

Aussagekräftige Umfragen gibt es noch nicht, weil sich erst ein Viertel bis ein Drittel der Wähler gedanklich mit dem Thema beschäftigt hat.

Zu Hause und daheim

In Österreich ist man „Österreicher“. Zumindest im Reisepass. Im Herzen ist man Burgenländer, Vorarlberger, Kärntner... Und das wird man nicht los. Auch wenn man Jahrzehnte in Wien lebt. Oder im Ausland.

Eugen Freund ist so einer, der in der Welt zu Hause, aber stets in Kärnten daheim war. „Ich kenne jedes Haus“, sagt er beim Interview in der Heimatgemeinde. Dennoch ist sein Patriotismus abgekühlt. So wie der vieler überzeugter Kärntner. „Vor Haiders Zeit als Landeshauptmann hupte ich immer als Begrüßungsritual im letzten Tunnel vor der Kärntner Grenze. Das habe ich als Protest eingestellt“, sagt Freund.

Da hat also ein Mann, der sich selbst als größter Patriot inszenierte (obwohl er ein Zuagraster war), seinem Land nicht nur einen Polit-Sumpf und Milliarden Schulden hinterlassen, sondern auch einen Knacks im kollektiven Selbstwert.

Zu Unrecht. Kärnten ist so viel mehr als die Summe seiner Skandale. Daher schreiben wir Eugen Freund, der bald nach Straßburg geht, ins Stammbuch: „Patriot sein heißt, die Heimat trotz der Patrioten zu lieben.“