Politik | Inland
20.06.2016

Interview: Der neue IGGiÖ-Präsident und der Einfluss des türkischen Vereins Atib

Der neue Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich ist Mitglied des türkischen Moscheevereins Atib. Der Politologe und Islamexperte Thomas Schmidinger erklärt den Einfluss der türkischen Regierung auf den Verein.

Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) hat mit Ibrahim Olgun einen neuen Präsidenten gewählt. Der 28-jährige ist in Österreich geboren und studierte in Ankara Theologie. Olgun ist Mitglied des türkischen islamisch-religiösen Kulturvereins Atib (Avrupa Türk-İslam Birliği). Der Verein wurde 1990 gegründet und ist Dachverband für rund 60 Moscheevereine in Österreich und betreibt zusätzlich zahlreiche soziale Einrichtungen und Zentren. Atib steht seit Jahren wegen seiner Nähe zur türkischen Regierungspartei AKP in der Kritik. Olgun war bei Atib in Wien als Integrationsbeauftragter für den interreligiösen Dialog und ab 2014 auch als Fachinspektor für den islamischen Religionsunterricht für verschiedene Wiener Bezirke und deren Pflichtschulen zuständig. Im Interview erklärt der Politikwissenschaftler und Islamexperte Thomas Schmidinger von der Universität Wien welche Auswirkungen die Wahl Olguns auf die Islamische Glaubensgemeinschaft haben wird und wie groß der Einfluss der türkischen Regierung auf Atib wirklich ist.

KURIER.at: Der neue Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft ( IGGiÖ). Der 28-jährige Ibrahim Olgun ist Mitglied des türkischen Moscheevereins Atib. Der Verein steht seit Jahren in der Kritik, welche Ziele verfolgt er?

Thomas Schmidinger: Die Atib ist im Wesentlichen der österreichische Arm des „Amtes für Religiöse Angelegenheiten“ der türkischen Regierung. Die Atib vertritt heute genau jenen Islam, der von der aktuellen türkischen Regierung, also von der AKP, propagiert wird.

Was heißt das für die Glaubensgemeinschaft in Österreich?

Die Anbindung der IGGiÖ an die türkische Regierung wird noch enger werden. Die Atib steht allerdings ideologisch nicht so weit vom bisherigen Präsidenten Fuat Sanac weg, der ja aus der konservativen Milli-Görüş-Bewegung kommt. Organisatorisch ist die Atib aber sehr viel enger mit der türkischen Regierung verbunden.

Entspricht das dem Geist des neuen Islamgesetzes?

Nein, denn damit ist zumindest ein Ziel von Integrationsminister Sebastian Kurz, mit dem neuen Islamgesetz den Einfluss ausländischer Regierungen auf den organisierten Islam in Österreich zu minimieren, gescheitert. Und der Einfluss wird unter dem neuen Präsidenten nicht geringer.

Der neue Präsident ist mit 28 Jahren noch relativ jung, ist in Österreich geboren und aufgewachsen und hat in Ankara Theologie studiert. Was kann man von ihm erwarten?

Olgun ist in der AKP groß geworden. Er ist schon die „Generation Erdoğan“. Er ist bislang nicht wirklich aufgefallen, er war zuständig für den interreligiösen Dialog der Atib. Es ist also zu erwarten, dass er offensiver auf die österreichische Öffentlichkeit zugehen wird, als es sein Vorgänger es getan hat.

Innerhalb der Glaubensgemeinschaft gibt es ob der Wahl freilich große Unruhe. Hassan Mousa, Vorsitzender der Arabischen Kultusgemeinde in Österreich, will die Wahl anfechten, weil Olgun zu jung sei und die Wahl nicht den Regeln entsprochen habe.

Es gab in der Glaubensgemeinschaft immer schon Konflikte zwischen den verschiedenen Strömungen, nach außen hin wurde das oft versteckt. Die politischen Auseinandersetzungen waren aber immer vorhanden. Dass die arabischen Moscheevereine keine große Freude damit haben, dass der Einfluss der türkischen Vereine immer größer wird, liegt auf der Hand.

Zurück zur Atib, nimmt deren politischer Einfluss auf die türkische Community zu?

Die Atib ist mit rund 60 Moscheevereinen sicherlich der größte Dachverband in Österreich. Ob der Einfluss größer geworden ist, lässt sich schwer sagen. Atib war finanziell aber immer gut dotiert, weil es große Zuwendungen aus der Türkei gegeben hat.

Gibt es die Finanzspritzen aus der Türkei noch immer?

Nach dem neuen Islamgesetz ist das eigentlich verboten. Ich weiß nicht, wie das in Zukunft geregelt werden wird. Ich vermute, dass man sich irgendwelche legalen Wege einfallen lassen wird müssen, um dieses Gesetz zu umgehen.

Ist Atib unter Einfluss der AKP von Erdogan noch konservativer geworden?

Die Atib war früher ein kemalistisches Projekt, eine Art Gegenbewegung zu Milli-Görüş und anderen konservativen politischen Islamverbänden in der Türkei. Das hat sich mit der Machtübernahme der AKP geändert. Innerhalb des „Amtes für Religiöse Angelegenheiten“ in der Türkei sind immer mehr wichtige AKP-Gefolgsleute in hohe Positionen gebracht worden, und das hat natürlich die Ausrichtung der Atib verändert. Die AKP hatte auch keinen eigenen Moscheenverband und konnte so ihre eigene Anhängerschaft in die Atib hineinbringen.

Wie ist die heutige politische Ausrichtung von Atib?

Die ist de facto so wie die der AKP. Das sieht man auch, dass es früher ein striktes Verbot gab mit anderen Moscheeverbänden wie Milli-Görüş zusammenzuarbeiten, heute gibt es diese Kooperationen. Die Atib war ja bis 2011 nicht einmal Mitglied der Islamischen Glaubensgemeinschaft und hat sie auch nicht anerkannt, jetzt haben sie die Gemeinschaft übernommen. Aber auch der bisherige Präsident wurde von der Atib unterstützt.

Was heißt das für die Integrationsbestrebungen, wird das mit dem neuen Präsidenten einfacher oder schwieriger?

Es ändert sich dahingehend relativ wenig, da die politische Ausrichtung von Fuat Sanic und der Atib sich nicht so sehr unterscheidet. Was stärker passieren wird, ist der unmittelbare Einfluss der türkischen Regierung und wie sich das auswirkt, hängt natürlich von den Entwicklungen in der Türkei selbst ab. Wenn die weiterhin Richtung autoritärer Staat und Richtung Nationalismus gehen, dann ist zu befürchten, dass das auch auf die Atib und die Islamischen Glaubensgemeinschaftin Einfluss haben wird und das könnte auch die Konflikte innerhalb der Gemeinschaft noch verstärken.