Energieagentur-Chef: "Man kann nur mit hohen Preisen reagieren“
Dass der Ölpreis wieder unter die 100-Dollar-Marke fällt, hält Franz Angerer für möglich. Die Diskussion über ein Wiedererstarken der Atomkraft hält der Geschäftsführer der Energieagentur für eine "Nebelgranate", wie er im Podcast-Interview sagt.
Die Österreichische Energieagentur: (Austrian Energy Agency/AEA) ist ein gemeinnütziger Verein mit über 40 Mitgliedern. Zu diesen gehören überwiegend öffentliche Träger wie alle Bundesländer, die gesamte Energiewirtschaft und alle großen Interessensvertretungen. Der Verein arbeitet, wie Angerer sagt, „wissenschaftlich und faktenbasiert“.
Franz Angerer: (Jg. 1964) ist seit 2021 Geschäftsführer der AEA. Der studierte Elektrotechniker leitete 2021 bis 2021 das Sachgebiet Energie und Klima in der Abteilung Umwelt und Energiewirtschaft des Amtes der niederösterreichischen Landesregierung.
KURIER: Die Regierung greift in die Spritpreise ein. Was halten Sie als Geschäftsführer der Österreichischen Energieagentur von der Maßnahme?
Franz Angerer: Ich halte die Maßnahme für gut und notwendig. Aus politischer Sicht ist es notwendig, etwas zu tun. Ein Markt kann nur auf zwei Varianten reagieren: mit hohen Preisen, damit weniger gekauft wird, oder mit klaren Einschnitten und Versorgungsreduktionen. Was die Regierung vorgelegt hat, das ist der Versuch, die Preise etwas zu drosseln, um nicht in ein schuldhaftes Verhalten zu kommen, ein Krisengewinnler zu sein. Wenn der Krisenmechanismus eintritt, dann werden die Einnahmen für den Staat gleichbleiben. Das halte ich für gescheit. Wie die Regierung die Margen der Ölindustrie in den Griff bekommen will, wissen wir alle nicht.
Haben Sie eine andere Idee?
Meiner Meinung nach muss man den Markt arbeiten lassen, auch wenn die Preise noch deutlich weiter steigen werden. Wenn die Straße von Hormus weitere Monate blockiert bleibt, dann hat die Welt um 20 Prozent zu wenig Erdöl. Man muss den Endkunden sagen, dass man darauf nur mit hohen Preisen reagieren kann.
Selbst wenn wir keinen Krieg haben: Gibt es Projektionen, dass der Ölpreis, der jetzt bei über 100 Dollar liegt, in fünf oder zehn Jahren wieder auf 70 Dollar gehen könnte?
Absolut! Wenn man sich den Ausbau der Erneuerbaren und die Geschwindigkeit dieses Ausbaus anschaut, dann sieht man: Der Ausbau der Erneuerbaren geht auf Kosten der Fossil-Produktion, auf Kosten von Öl und Gas.
Je mehr Erneuerbare wir verwenden, desto weniger Öl werden wir brauchen und desto wahrscheinlicher ist, dass der Ölpreis wieder sinkt?
Ganz genau. Vor 15 Jahren haben wir über „Peak Oil“ diskutiert. Es war immer die Hoffnung, dass der Preis irgendwann so hoch ist, dass der Verbrauch deutlich gedämpft wird. Wir kennen diese Geschichte seit den 1970er-Jahren, doch dieser Peak ist nie eingetreten. Wir sehen aufgrund des weltweiten Ausbaus der Erneuerbaren, dass der Ölverbrauch sinkt. Die Chinesen beweisen das.
OMV-Chef Alfred Stern hat in einem Ö1-Interview aufhorchen lassen, sprach angesichts der gestiegenen Spritpreise von „Körberlgeld“ für den Finanzminister und meinte, wer die Preise nicht bereit sei zu zahlen, der werde eben zu Fuß gehen.
Ich habe das Interview mit Stern gehört und war sehr überrascht, dass ausgerechnet er angesprochen hat, vielleicht weniger oder langsamer Auto zu fahren. Ich habe es als sehr positiv empfunden, dass das gerade aus seinem Mund gekommen ist. Ich vermisse diese Botschaften von vielen Seiten. Für viele Menschen wäre es einfach, weniger zu fahren, aber diese Botschaften sind politisch nicht opportun. Kein Politiker wird sich hinstellen und sagen: „Ihr müsst weniger fahren.“ Das passt nicht in unser gesellschaftliches Denken hinein.
Passt es auch nicht in unsere Mentalität? Ex-Kanzler Karl Nehammer sprach von Österreich als Autoland.
Ich weiß nicht, ob es ein Österreich-Spezifikum ist, aber ich habe den Eindruck, dass das Auto ein Heiligtum ist. Wir haben ein verbrieftes Recht auf billigen Sprit und ein Menschenrecht auf einen billigen Parkplatz, habe ich den Eindruck. Es gibt genug Beispiele, wie es geht.
Geben Sie uns ein Beispiel!
Schauen Sie sich moderne Stadtplanungen an. Ich war neulich im zweiten Bezirk, da gibt es ganze Stadtteile, in denen es kein Auto mehr auf der Straße gibt. Das ist ein wesentliches Argument, wie die Mobilität der Zukunft aussehen kann. Wir haben in unserem Bürogebäude eine Tiefgarage mit zwei Stockwerken. Von den 105 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gibt es keinen einzigen, der mit dem Auto ins Büro kommt, weil die Öffi-Anbindung so gut ist.
Aber schauen wir aufs Land: Es gibt in Österreich Landstriche, die sind nur mit dem Auto zu erreichen. Da braucht ein Pendler ein Auto, weil er sonst nicht in die Arbeit kommt.
Sie haben recht. Rund um Wien, Niederösterreich oder das nördliche Weinviertel gibt es Dörfer, die nicht öffentlich erreichbar sind. Es ist überhaupt keine Frage, dass man dort das Auto braucht. Ich wohne fünf Minuten von einer Westbahn-Haltestelle entfernt. In unserer Straße gibt es 13 Häuser, und über die Jahre sind jeden Tag innerhalb einer halben Stunde 25 Autos weggefahren, obwohl jeder mit dem Zug fahren hätte können. Aber es ist kaum jemand gefahren, weil es offensichtlich zu unbequem ist.
Hat sich an dem Bild etwas geändert?
Es ist in den letzten Jahren deutlich besser geworden. Allein auf der Weststrecke hat das Fahrgastaufkommen für ÖBB und Westbahn derart zugenommen, wie ich als Nutzer selbst spüre.
Werden die Erneuerbaren weltweit ausreichend ausgebaut?
Mit China lässt sich die Frage am besten erklären. China baut die Erneuerbaren in einem Tempo aus, das atemberaubend ist. Warum dem so ist, darüber können wir nur mutmaßen. Der Hauptgrund ist: unabhängig von Öl und Gas zu werden. China hat eine Strategie, regelmäßige Fünf-Jahres-Pläne. Wenn man sich die Gesamtbilanzen ansieht, erkennt man, wie positiv es sich entwickelt. China ist strategische Allianzen eingegangen, hat strategische Investments mit anderen Industrien und die weltweite Photovoltaik-Industrie an den Rand des Kollapses gebracht. Das ist durchaus negativ – aber im Endeffekt profitieren wir weltweit vom PV-Ausbau, weil China derart hohe Produktionskapazitäten hat. Wir sprechen von jährlichen Zubauraten, die deutlich über dem liegen, was Deutschland jährlich verbraucht. Mittlerweile drängt China auch mit Windrädern auf den Markt.
Durch die hohe Skalierung der Chinesen sind die Preise für PV-Paneele in den letzten 20 Jahren um 90 Prozent gefallen.
Es gibt ein wunderbares Beispiel für die Durchdringung von Elektromobilität. Norwegen hat Zulassungsquoten von 90 bis 95 Prozent, und das seit Jahren. Norwegen ist ein großer Exporteur von Öl und Gas und setzt daheim auf Elektromobilität. Die meisten Neuzulassungen passieren rund um China und eine ganze Reihe anderer südostasiatischer Länder. Ein verrücktes Land darf ich noch erwähnen: Äthiopien. Äthiopien hat eine klare Elektrifizierungsstrategie – stark von China beeinflusst. Diese Volkswirtschaften sind extrem abhängig von Öl- und Gasimporten, und deshalb ist es ganz logisch, dass sie auf E-Mobilität setzen. Und es funktioniert dort auch!
Wenn wir in Österreich über Windkraft sprechen, dann ist immer von Anrainer-Protesten die Rede, die Windräder seien hässlich, laut …
Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit Windkraft, war bei unzähligen Bürgerveranstaltungen. Die Emotionalität, die dabei immer wieder aufpoppt, ist mir völlig unverständlich. Frühestens zwei Stunden, nachdem man mit Menschen ausführlich diskutiert hat, kommt das Argument, dass die Windräder einfach nicht gefallen. Es werden irgendwelche Argumente vorgeschoben: Naturschutz, Umweltschutz. Bei Windkraft haben Sie schlagartig 30 bis 40 Prozent, die Ornithologen sind und sich um Vögel sorgen.
Was spricht für Windkraft?
Die nackten Zahlen sprechen dafür. Der österreichische Strommarkt in wenigen Zahlen: Unser Strom-Endverbrauch beträgt ungefähr 60 Terrawattstunden. Wenn man alle Pumpspeicher dazu nimmt, dann sind es 70. 40 TWh dieser 60 TWh kommen normalerweise aus Wasserkraft, 10 TWh aus Windkraft und 10 TWh aus Photovoltaik. Wenn wir ein gutes Jahr haben, dann erzeugen die Erneuerbaren in Österreich so viel Strom, wie verbraucht wird. Wir nähern uns den 100 Prozent. Wenn die alten Windparks in Österreich – Stichwort Repowering – durch neue ersetzt werden, dann haben wir nicht mehr 10, sondern 30 TWh – also plus 20 TWh. Mit 20 TWh können Sie theoretisch 100 Prozent des österreichischen Verkehrs elektrifizieren.
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