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Politik Inland
09/27/2019

Politische Familienaufstellung: Wer könnte mit wem am besten?

Kathleen und Otmar Höll, beide Politikwissenschafter und Therapeuten, haben für den KURIER politische Beziehungsdynamiken unter die Lupe genommen - ganz abgesehen von rechnerischer Wahrscheinlichkeit.

von Barbara Mader

"Man müsste die ganze Politik therapieren." Die Politikwissenschafterin und Paartherapeutin Kathleen Höll und ihr Mann, der Therapeut und Politikwissenschaftsprofessor Otmar Höll sind der Meinung, dass Politik und Paarleben einiges miteinander zu tun haben. 

KURIER: Warum braucht die österreichische Politik eine Therapie? 

Kathleen Höll: Der Zugewinn einer Therapie ist, tiefer zu schürfen und unbewusste Strukturen zu erkennen. Bei traditionellen Parteien ist es systemimmanent, das abzuwehren. Vielleicht überlegen sich das Jüngere. Im Sinne einer Aufklärung der Bevölkerung. 

Otmar Höll: Dazu kommt, dass sich besonders konservative und rechte Parteien einiger Kommunikationsmethoden wie NLP bedienen. Da kommt es nicht darauf an, was darunterliegt, sondern nur, welche Kommunikationstechnik in welcher Situation nützt. Darin liegt eine Gefahr. Man benutzt die effizientesten Methoden, die zum Teil ja aus der Psychotherapie kommen, für das persönliche Ziel. 

Kathleen Höll: Diese Techniken sind eine Perversion der Psychotherapie

Kommen wir zur Paartherapie und zur großen Koalition. Kann man die ÖVP- und SPÖ-Koalition mit einer langjährigen, zerrütteten Ehe vergleichen?   

Otmar Höll: Ja, durchaus, aber die großen Bruchlinien waren von Anfang da, spätestens seit dem Jahr 1934. 

War diese Koalition also immer nur eine Zweckehe? Nie eine Liebesbeziehung? 

Otmar Höll: Eine Vernunftehe …

Kathleen Höll: … zum gegenseitigen Machterhalt. Ein Prinzip aus der Psychotherapie. Wenn etwas in Gegensätze zerfällt, muss man auf eine Metaebene kommen und eine Win-win-Situation für beide erreichen. So hat die große Koalition lange funktioniert.

Die anschließende Paarbeziehung, die türkis-blaue Koalition, hat funktioniert, weil man nie öffentlich gestritten hat. Aus Therapeutensicht: Soll man Konflikte unter der Tuchent halten? 

Kathleen Höll:  Fair streiten ist okay. Übrigens ist auch bei Türkis-Blau viel durch die Ritzen gequollen. Die Inszenierung war nicht immer perfekt. 

Vielen Österreichern hat sie gefallen. 

Otmar Höll: Demokratie hat ursächlich mit Konflikt zu tun. 

Der wurde aber immer negativ bewertet. Politiker galten als „Streithanseln“. 

Kathleen Höll: In der Bevölkerung ist es verpönt, Konflikte auszutragen. Man schimpft lieber hinter dem Rücken. Aber Message-Control ist auf Dauer nicht glaubwürdig. 

Das andere Extrem sind Worte, die wir zuletzt oft gehört haben: Rache, Mobbing, Betrug. Wie sollen  diese Parteien nach der Wahl zusammenarbeiten? 

Kathleen Höll: Auch da ist viel Inszenierung dabei.

Otmar Höll: Im Parlament befetzt man sich, danach geht man auf ein Bier. Natürlich gibt es auch tatsächliche Aversionen. Aber als Politiker lernt man auch in der Partei, sich zu verbiegen.  

Kathleen Höll: Dazu kommt die kulturelle Tradition. Die Österreicher wurden zum Untertanentum erzogen.

Der Wähler als unmündiges Kind? 

Otmar Höll:Ja. Dabei sind es jetzt ausgerechnet die Kinder, die jetzt ihre Zukunft in die Hand nehmen. 

Junge sind also nicht politikverdrossen, sie sind parteipolitikverdrossen. 

Otmar Höll: Ja. Leider ist die Parteipolitik bei uns auf allen Ebenen dominant. Das ist fast schon neurotisch. 

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