Derzeit sind rund 127.000 Menschen in der Pflege beschäftigt

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Politik Inland
10/13/2021

Gesundes Altern: Ein "Mutter-Kind-Pass" für Senioren

Während die große Pflegereform weiter auf sich warten lässt, bietet ein neues Buch spannende Reformvorschläge, wie die Betreuung der Älteren gesichert werden kann.

von Christian Böhmer

Wer vom Pflegethema spricht, der kommt an schlechten Nachrichten nicht vorbei: Die Kosten im System steigen rapide, die Zahl der zu Pflegenden ebenso, und gleichzeitig fehlen sehr bald sehr viele helfende Hände – bis 2030 sind laut Studien 75.000 bis 100.000 zusätzliche Pfleger vonnöten, um die ältere Generation würdig zu betreuen.

Wo also sind die guten Nachrichten – zumal die seit Jahren versprochene, große Pflegereform weiterhin nicht auszumachen ist?

Vielleicht lohnt ein Blick auf die Analysen und Ideen von Menschen wie Barbara Fisa, Norbert Bachl und Alexander Biach.

Wie viele vor ihnen haben sich die Gesundheitsberaterin, der Sportmediziner und der frühere Chef des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger für ein Buchprojekt am heimischen Pflegesystem abgearbeitet.

Doch abgesehen von der schonungslosen Analyse des Istzustands (siehe Artikel unten) zeigen die drei Autoren einen konkreten Ausweg aus der Misere – und zwar, indem sie eine unkonventionelle Lösung präsentieren: den „Best-Ager-Bonus“-Pass.

Warum es diesen braucht, das erklärt Fisa mit einem Bild: „Die Pflegeproblematik ist wie ein Loch in einem Boot: Wir setzen immer mehr Menschen ins Boot, damit diese das eindringende Wasser herausschöpfen. Das Leck aber, das stopfen wir nicht.“

Das Leck, also gewissermaßen die Ursache allen Übels, ist in diesem Bild die in Österreich vielfach fehlende Präventionsarbeit im Pflege- und Gesundheitssystem.

„Dänemark und Schweden geben pro Jahr und Staatsbürger etwa gleich viel für das Gesundheitssystem aus wie Österreich, nämlich rund 4.500 Euro. Gleichzeitig sind hierzulande aber mehr als doppelt so viele über 65-Jährige pflegebedürftig wie in den beiden skandinavischen Ländern“, sagt Biach. „Bei so einem Unterschied müssen wir uns fragen: Was können die besser?“

Selbsthilfe

Für Fisa ist erwiesen, dass die nordischen Staaten einen Gedanken stärker beherzigen: die Hilfe zur Selbsthilfe. „Wir pflegen Menschen ins Bett hinein. Wenn in Österreich jemand nicht mehr einkaufen gehen kann, dann geht man für ihn einkaufen. In Skandinavien macht man es anders, man geht gemeinsam mit dem zu Pflegenden einkaufen. So wenig Hilfe wie möglich, so viel Hilfe wie nötig.“

Ein zweiter Aspekt ist für Sportarzt Bachl die Frage der Bewegung: „Die Skandinavier haben ein geradezu intrinsisches Bewegungsverhalten. Wer abends in Oslo in eine Straßenbahn steigt, der ist umgeben von Menschen mit Langlaufskiern.“

Es sei heute eine medizinische Tatsache, so Bachl, dass die Gene physische Aktivität unbedingt brauchen, um überhaupt normal zu funktionieren.

Nun ist es für das Gros der Österreicher eine Binsenweisheit, dass Bewegung gesundes Altern fördert. Das Problem ist nur: Zu wenige wissen, wie genau sie Bewegung in den Alltag bringen oder sich klüger ernähren können.

Und an diesem Punkt setzt das Konzept des „Best-Ager-Bonus“-Passes an.

Im Kern handelt es sich um das Prinzip vom Mutter-Kind-Pass: Gesundheitsvorsorge wird (finanziell) belohnt.

Wie funktioniert das? Spätestens zehn Jahre vor dem Pensionsantrittsalter sollen Versicherte eine erweiterte Gesundenuntersuchung bekommen. Bei dieser werden neben den klassischen Parametern (Blutbild oder EKG etc.) auch motorische Fähigkeiten gemessen, Ernährungs- und Lebensgewohnheiten besprochen, kurzum: Es wird ein umfassendes Bild des Alltags der Person erstellt. Daraus folgen persönliche Ziele, wobei auch der Besuch von Sportkursen ein Ziel sein kann.

Die älteren Menschen werden in Gruppenpraxen und Primärversorgungszentren beraten, mit digitalen Hilfen (z. B. Smartwatches) ausgestattet – und sammeln Bonuspunkte. Werden genug Punkte gesammelt und Ziele erreicht, gibt es Goodies wie Ermäßigungen in Vereinen, einen Erlass der Handy-Gebühren, Gratis-Impfungen etc.

„Studien zeigen, dass selbst kleinste Anreize bemerkenswerte Verhaltensänderungen auslösen können“, sagt Biach. Im konkreten Fall gäbe es viele Gewinner: Das Gesundheitssystem würde profitieren, weil die Kosten für die Pflege viel später oder gar nicht anfallen; und die Betroffenen würden profitieren, weil sie bekommen, was sie sich am meisten wünschen: gesund alt zu werden.

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