Politik | Inland
28.11.2017

So könnte die AHS-Aufnahme neu geregelt werden

Direktorensprecherin Isabella Zins spricht sich für standardisierte Tests und Beratung durch AHS- und NMS-Lehrer aus.

Das Gymnasium ist bei Eltern beliebt wie nie zuvor. Dennoch kommt es in bildungspolitischen Debatten kaum vor. Dabei braucht auch diese Schulform Reformen. Welche das sind, sagt Isabella Zins, neue Sprecherin der AHS-Direktoren Österreichs, im KURIER. Sie selbst leitet das Oberstufenrealgymnasium Mistelbach.

KURIER: Viele beklagen, dass das Niveau selbst an Gymnasien sinkt. Wie könnte man gegensteuern? Wünschen Sie sich Formen einer Aufnahmeprüfung?

Isabella Zins:Wir produzieren mit dem Aufblähen der gymnasialen Unterstufe in großen Städten und ihrem "Speckgürtel" zwangsläufig einerseits Fachkräftemangel, andererseits steigende Arbeitslosigkeit bei jungen Akademikern. Ehrlicher und volkswirtschaftlich zielführender wären Diagnoseinstrumente als Hilfe für Eltern und Kinder bei der Schulwahl.

Wie sollen diese Instrumente aussehen?

Wir hätten ja die Bildungsstandards – die man auf die 3. Klasse vorverlegen könnte – und das Salzburger Lesescreening als aussagekräftige Testergebnisse. Zusätzlich könnte ein Beratungsteam aus Kollegen von AHS und Neuer Mittelschule die Kinder in der Volksschule beobachten und eventuell Tests ausarbeiten. Daraus erstellen sie ein Gutachten, das dem Zeugnis beigelegt und den Eltern in einem Gespräch vorgestellt wird. Dabei ginge es nicht nur um die Kenntnisse in Deutsch und Mathematik, sondern auch um die Lernmotivation des Kindes, seine geistige Reife, seine Stärken und Schwächen sowie Neigungen und Interessen. Dann wäre für die Aufnahme in die AHS nicht mehr das Volksschulzeugnis das alleinige Entscheidungskriterium für die Wahl der am besten passenden Schule, sondern auch das Ergebnis dieser Laufbahnberatung.

Ist so ein Modell umsetzbar?

Ein derartiges Modell wurde in Niederösterreich vor ein paar Jahren entworfen, durfte aber nie umgesetzt werden. Die Folgen dieses neuen Prozederes wären glücklichere Kinder, die nicht schon in der Unterstufe Nachhilfe bekommen müssen und die später jede Möglichkeit haben, auf dem Weg über Oberstufenrealgymnasium (BORG) und berufsbildende höhere Schulen wie HTL oder HAK Matura zu machen, wenn sie dies anstreben. Ständige Überforderung kann nämlich auch zur Schulverweigerung führen, womit niemandem geholfen wäre.

Die Wirtschaftskammer moniert, dass die AHS keine Talentechecks für ihre Schüler zulassen würde. Diese könnten jungen Menschen motivieren, eine Lehre zu machen. Haben Gymnasien Angst, Schüler zu verlieren?

Kinder sollten spätestens in der Volksschule ihre handwerklichen Talente kennen lernen. Gegen Talentechecks in der 4. Klasse AHS habe ich nichts, aber grundsätzlich ist das Gymnasium auf acht Jahre ausgelegt. Vorrangiges Ziel ist es, leistungsfähige und – willige junge Menschen zur Matura zu führen und studierfähig zu machen. Jedenfalls sollten alle Ausbildungswege gleich viel wert sein. Mein Sohn hat eine Lehre nach der Matura begonnen, darauf bin ich genau so stolz wie auf das Studium meiner Töchter. Es ist schade, dass unser funktionierendes Bildungssystem ins Wanken gebracht wurde – von der OECD mit der kontraproduktiven Forderung nach höheren Akademikerquoten.

Sie leiten ein Oberstufenrealgymnasium (BORG): Braucht es dafür spezielle Reformen, z. B. mehr Stunden in Deutsch, Mathematik und Englisch?

Ich bin stolz auf die bisher sehr guten (Matura-)Ergebnisse meiner Schule. An vielen ORGs werden großteils NMS-Schüler in vier Jahren zur Reifeprüfung geführt. Für mehr Chancengerechtigkeit wünsche ich mir für das ORG keine Gießkannen-Reform, sondern echte schulautonome Maßnahmen. Direktoren müssen finanzielle und gestalterische Möglichkeiten bekommen, sei es für Zusatzstunden in Mathe oder eine höhere Stundenanzahl in den Schularbeitsgegenständen, sei es für Teamteaching oder eine Klassenteilung. Schulautonome Gestaltungsmöglichkeiten wie diese hielte ich auch für die NMS für sinnvoller als die zwangsweise Abschaffung der Leistungsgruppen.

Direktorinnen und Direktoren stöhnen über die Bürokratie.

Direktoren ärgert besonders, wenn funktionierende schulautonome Lösungen durch neue Vorschriften konterkariert werden. Unsinniger Mehraufwand entsteht z.B., wenn Kopiergeld auf die Einzelkopie pro Schüler abgerechnet werden muss, statt einen moderaten Pauschalbetrag einzusammeln. Oder wenn wir Daten melden müssen, die im Ministerium aus den Programmen ohnehin herauslesbar sein müssten. Zeitfresser sind auch Computerprogramme, die vor der Einführung nicht ausreichend getestet wurden.

Sie fordern ein mittleres Management an Schulen. Warum?

Schulleiter sind meist für 50 bis 100 Akademiker ohne Zwischenebene zuständig, unterstützt von nur einer Verwaltungskraft und maximal einem Administrator. Sie sind allein verantwortlich für Schulmanagement, Personalentwicklung, Qualitätsmanagement, Öffentlichkeitsarbeit, Schul- und Unterrichtsentwicklung etc. Wichtigste Aufgabe ist die tägliche Kommunikation mit Lehrkräften, Schülern und Eltern. Um all das leisten zu können, brauchen sie echte Schulautonomie und zusätzlichen Ressourcen.

Würde es Ihre Arbeit erleichtern, wenn es für Schulleiter einfacher wäre, ungeeignete Lehrer loszuwerden?

Meine persönliche Erfahrung zeigt, dass das ein überschätztes Problem ist. Die meisten Lehrkräfte sind fachlich, pädagogisch und menschlich voll in Ordnung, manche brauchen mehr Anleitung und Unterstützung. Nur in Einzelfällen ist jemand wirklich untragbar dann muss man als Direktor gemeinsam mit Landes- bzw. Stadtschulrat aktiv werden.

Welche drei Baustellen sollte die neue Regierung in der Schulpolitik aus Ihrer Sicht vor allem angehen?

Erstens: Reformen, die auf wissenschaftlichen Fakten basieren und Praktiker einbeziehen. Wenn Experten vom angeblich teuersten Schulsystem mit mäßigen Ergebnissen reden, haben sie sich in meinen Augen schon disqualifiziert. Zweitens müssen wir die Kooperation zwischen Eltern und Lehrern verbessern, damit Kinder sich bestmöglich entfalten können. Ich schließe mich Experten wie Martina Leibovici-Mühlberger oder Michael Winterhoff an: Wir haben eine Erziehungskrise und müssen einen Weg aus dieser Krise finden. Eltern sind Erziehungs-Verpflichtete mit großer Verantwortung, die nicht auf Kindergarten und Schule abgewälzt werden darf. Wenn Eltern ihre Kinder wirklich lieben, räumen sie ihnen nicht jedes Hindernis aus dem Weg, sondern fördern ihr Durchhaltevermögen und bieten ihnen viele Anreize, Neues zu lernen. Das ist die beste Basis für eine gelingende Schullaufbahn.

Ihr dritter Wunsch?

Damit Kinder weder unter- noch überfordert werden, muss das differenzierte Schulwesen beibehalten und laufend verbessert werden. Das muss dem Staat, der weniger Geld für Bildung ausgibt als der EU-Schnitt, etwas wert sein.