Alois Schwarz

© Kurier / Jeff Mangione

Politik Inland
04/02/2021

Diözesanbischof Alois Schwarz : "Beten ist Atmen der Seele“

Der St. Pöltner Diözesanbischof über die Rolle der Kirche in der Corona-Krise und die Segnung von homosexuellen Paaren.

von Martin Gebhart, Rudolf Mitlöhner

KURIER: Wie verändert die Corona-Krise unseren Blick auf Ostern?

Bischof Alois Schwarz: Diese Pandemie greift in die Gesundheit der Menschheit ein. Und Ostern bedeutet Neuschöpfung der Menschheit. Ostern ist ein lebensveränderndes Programm: Es gibt eine Spur der Hoffnung für jeden, auch über den Tod hinaus. Das aber gibt in diese Kränkung hinein eine Perspektive des Trostes.

Lehrt die Not der Pandemie Beten?

Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen in dieser Zeit nach den Energiequellen ihrer Seele suchen, nach innerem Halt. Für manche ist auch das Beten so etwas wie ein innerer Halt. Ich glaube also schon, dass diese Pandemie etlichen Menschen wieder bewusst gemacht hat: Du hast eine Lebensquelle in dir, die dich trägt. Manche sprechen das aus, andere nicht. Aber Beten ist Atmen der Seele – und das geht auch mit FFP2-Maske.

Viele Menschen sind in den Lockdown-Zeiten den Sonntagsmessen ferngeblieben. Ist da nicht die Sorge, dass das in Zukunft auch so bleiben wird?

Die Menschen lieben die Kirchen in unserem Land mit ihrer „himmlischen Ausstrahlungskraft“ – auch jetzt gehen viele in die leeren Kirchen. Ich bin zuversichtlich, dass die Menschen wieder den heiligen Ort für sich erspüren werden.

Geboren wurde Alois Schwarz am 14. Juni 1952 in Hollenthon (NÖ). Er  wurde am 29. Juni 1976 zum Priester geweiht.  Danach war er Pfarrer in Krumbach. 1987 übernahm er die Leitung des Pastoralamtes,  am 26. Dezember 1996 wurde er vom Papst zum Weihbischof der Erzdiözese Wien ernannt. Von 2001 bis 2018 war er Bischof in Gurk-Klagenfurt. Dem Abschied folgte ein heftiger Konflikt mit seinen interimistischen Nachfolgern. Seit 2018 ist er Diözesanbischof von St. Pölten.

Wie „systemrelevant“ ist die Kirche noch?

Die Kirche ist lebensrelevant – in den verschiedenen Formen, in denen sie sich zeigt. Kirche, das sind die Menschen, die gottverbunden sind, die getauft sind, und die in ihren je spezifischen Lebensorten sich für ihren Glauben einsetzen. Es gibt so vieles, wo Kirche gefragt ist, wo die Leute den Segen der Kirche suchen; man ist da selber manchmal überrascht, wie viel das den Menschen bedeutet. Ein ganz wichtiger Bereich sind auch die Alten- und Pflegeheime, die Krankenhäuser. Ich bin sehr dankbar für die große Wertschätzung der Krankenhausseelsorge. Da geschieht sehr viel an Zuwendung, Vertrauen und an Kirchlichkeit.

War die Kirche nicht trotzdem zu still in diesem Jahr der Pandemie?

Die Frage ist, ob wir wahrgenommen werden unter den vielen Stimmen. Natürlich interessiert beispielsweise die Leute mehr, wenn die Regierung verkündet, wie es weitergeht. Aber wir waren jedenfalls präsent in vielfältiger Form. Vielleicht aber hat sich auch gezeigt, dass die Kirche nicht eine Gemeinschaft der Besserwisser ist, und vielleicht war manchmal auch eine gewisse Ratlosigkeit in dieser großen Bedrängnis spürbar. Es könnte aber auch sein, dass Kirche gelegentlich auf eine Weise wirkt, die man nicht unbedingt mit Kirche in Verbindung bringen würde.

Alois Schwarz

Derzeit sorgt ein Papier der Glaubenskongregation, welches erklärt, dass die Kirche homosexuelle Paare nicht segnen könne, für heftige Debatten. Wo stehen Sie in dieser Kontroverse?

Grundsätzlich verstehe ich den Papst so, dass er damit die Beziehung als solche meint. Es geht nicht darum, den Menschen einen Segen nicht zu gönnen, sondern darum, das Sakrament der Ehe nicht mit anderen Lebensformen gleichzustellen. Ich halte aber die Frage für entscheidend: Kirche, bist du ein Segen? Mir ist wichtig, dass Menschen, die mit der Kirche zu tun haben, sagen können: Die Kirche ist ein Segen! Es gibt Fragen, auf die ich nicht mit Ja oder Nein antworten kann, sondern mit einer Geschichte. So ist es auch oft in der Bibel: Da werden Geschichten erzählt als Antwort auf bestimmte Fragen. Wir sollen mit den Menschen sein, die das Miteinander unter dem Segen Gottes leben, Ehepaare mit einer für Kinder offenen Zukunft; aber auch Menschen, die eine andere Lebensform haben, sagen: wir begleiten euch.

Um es ganz konkret zu machen: Wenn ein Priester aus Ihrer Diözese ein homosexuelles Paar segnet, würde er dann von Ihnen einen Verweis bekommen, oder würden Sie das dulden?

Er hat bisher keinen Verweis bekommen – und wird auch künftig keinen bekommen. Ich würde ihn aber fragen: Hast du dich gut eingelassen auf ein Gespräch mit den beiden Menschen? Hast du ausgeleuchtet, was lebensrelevant ist?

Gehören Sie also eher zu jenen, die mit dem Papier „unglücklich“ sind, wie etwa Kardinal Schönborn – oder sagen Sie, es wird letztlich nur die Lehre der Kirche über Ehe und Familie bekräftigt?

Wenn ich nach der Lehre frage, bekomme ich die Lehre zur Antwort. Wenn ich nach dem Menschen und seiner Lebenswirklichkeit frage, gibt es nur differenzierte Antworten. Das heißt, ich bin eingeladen, Wegbegleiter zu sein. Es geht nicht um meine Profilierung als Bischof für oder gegen ein römisches Papier.

Gibt es Kriterien, was die Kirche segnen kann und was nicht?

Segnen bedeutet gutheißen. Die Kirche kann Verschiedenes gutheißen und einzelne Menschen, die auf dem Weg sind, begleiten. Da geht es um etwas anderes als bei der sakramentalen Ehe von Mann und Frau, die auf eine Zukunft mit Kindern ausgerichtet ist. Hier müssen wir differenzieren. Das ist etwas anderes als diffamieren. Ich maße mir nie an, eine Lebenssituation von außen generell zu beurteilen.

Der Papst hat erstmals einer Frau Stimmrecht in der Bischofssynode gegeben. Zeigt das ein Umdenken der Kirche in der Frauenfrage?

Ich finde das sehr gut und bin sehr froh über diesen Schritt. Papst Franziskus hat ja schon mehrfach Frauen in bestimmte Gremien berufen. Das ist das, worum auch ich mich in der Diözese bemühe: dass Frauen in Leitungsverantwortung kommen.

Gibt es da noch mehr Potenzial? Könnte am Ende eine Neubewertung der Rolle der Frau in der Kirche stehen?

Natürlich gibt es mehr Potenzial. Und es öffnet Perspektiven aus und auf Lebenswelten.

Es wurde nicht die Tür zur Frauenweihe aufgemacht?

Das sehe ich nicht.

Interessant ist ja, dass die Kirche bei der Weihe der Frauen ebenso wie bei der Segnung von Homosexuellen nicht einfach sagt, wir wollen das nicht – sondern, wir haben nicht die Vollmacht dazu. Heißt das, dass diese Fragen damit definitiv und abschließend geklärt sind?

Das ist das Lehramt der Kirche, das ich als Bischof akzeptiere.

Und das entwickelt sich weiter – oder nicht?

Es gibt immer eine Lehrentwicklung in der Kirche.

In Deutschland hat sich die Kirche auf einen „Synodalen Weg“ begeben – ein Forum, in dem Fragen einer Kirchenreform erörtert werden sollen. Da gibt es ganz große Erwartungshaltungen, andererseits warnen viele vor enttäuschten Hoffnungen.

Ich glaube, dass es nicht sinnvoll ist, wenn man Erwartungen weckt, die man dann nicht erfüllen kann. Aber ich will nicht die deutsche Kirche beurteilen. Dass dieser „Synodale Weg“ einer in Richtung einer größeren Einmütigkeit wäre, sehe ich noch nicht.

Sie haben sich also noch nicht gedacht, das wäre auch etwas für Österreich?

Wir haben ja in Österreich auch diverse Initiativen gehabt: den „Dialog für Österreich“, die Katholikentage – diese Katholikentage waren schon starke Zeichen der Hoffnung.

Die sind halt schon lange her, 1983 war der letzte österreichische Katholikentag.

Stimmt. Wahrscheinlich bräuchte es neuere Formate.

Rund um die Chats von ÖBAG-Chef Thomas Schmid ist ein Konflikt der Kirche mit der türkisen Bundesregierung aufgetaucht. Hängt nun der Haussegen mit der ÖVP schief?

Mir fehlen dazu Detailinformationen und ich möchte das nicht von außen beurteilen. Diesbezüglich müssen Sie mit dem Herrn Generalsekretär der Bischofskonferenz Kontakt aufnehmen.

Was wird eigentlich der Kern Ihrer Botschaft zu Ostern heuer sein?

In der Osternacht ziehen wir mit der Osterkerze in die dunkle Kirche ein und bieten das Licht den Menschen, die Kerzen in den Händen halten, an: Dieses unaufdringliche Dasein mit dem Licht der Hoffnung, das angeboten wird und an dem sich jeder entzünden kann in seiner Leidenschaft für Zukunft – das ist meine Botschaft.

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