"Alle waren irgendwie Flüchtlinge"

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Robert Hofferer, Produzent und Drehbuchautor, über die Dreharbeiten zu "Die letzte Barriere", der im Frühjahr in die Kinos kommt.

KURIER: Wann fiel für Sie der Entschluss, sich dem Flüchtlingsthema filmisch zu widmen – und dies als Spielfilm und nicht als reine Dokumentation?

Robert Hofferer: Die Idee entstand unter dem Eindruck, dass ein Stacheldrahtzaun errichtet wurde, im 21. Jahrhundert, mitten in Europa, eine absurd-moderne Form der Chinesischen Mauer um Quasi-Invasoren, die aber keine sind, sondern bloß Hilfesuchende, abzuwehren. Solche Zäune sind völlig sinnlos. Sie bewirken letztlich gar nichts am Boden, aber viel in den Köpfen der Menschen. Ein Spielfilm kann so ein gewichtiges Thema direkt angehen, auch abstrakt, wobei hingegen eine Dokumentation immer konkret und allgemein bleibt.

In "Die letzte Barriere" sind Filmteam und Flüchtlinge die Protagonisten. Zudem wird auf dokumentarisches Material zurückgegriffen. Ist dies ein bewusster Entscheid, die Geschichte aus mehreren Perspektiven zu erzählen?

Es ist wichtig, der fiktionalen Ebene eine reale beizustellen. Der Spielfilm bedient ein dem Zuschauer vertrautes Rezeptionsverhalten, baut emotionale Verbindungen zu einzelnen Figuren auf, zeigt das Detail im Bild. Das eingearbeitete Dokumentarmaterial demgegenüber, ist sozusagen das ganze Bild, die Massenszenen, das Chaos, die kollektive Angst, aber auch die Hoffnung der Flüchtlinge. Wir montieren das Dokumentarmaterial so in die Spielfilmhandlung ein, dass für den Zuschauer der Eindruck entsteht, dass es live vor Ort während der Spielszenen entstanden ist. Tatsächliche wurde es aber kurz vor Drehbeginn und während des Drehs an anderen Orten von einem zweiten Kamerateam aufgenommen.

"Alle Figuren sind fiktiv, aber wir haben schon während der Drehbuchentwicklung intensiv recherchiert."

Haben Sie beim Drehbuch Anleihe an real existierenden Personen genommen? Auf welche Recherche-Quellen griffen Sie als Drehbuchautor zurück?

Alle Figuren sind fiktiv, aber wir haben schon während der Drehbuchentwicklung intensiv recherchiert. Erst vor der Haustüre in Traiskirchen, dann in Lagern in Ungarn und Serbien, sowie am Budapester Bahnhof. Wir haben mit Flüchtlingen gesprochen, freiwilligen Helfer, Ärzten, Polizisten. Die Erzählungen und Tatsachenberichte dieser Personen sind teilweise in in das Drehbuch eingearbeitet worden. Manchmal wortwörtlich, manchmal filmgerecht umformuliert. Faktum ist aber, egal, wo man mit den Menschen redet, die Berichte und Geschichten wiederholen sich permanent.

Welche Kriterien spielten bei der Besetzung für Sie eine maßgebliche Rolle? Ich habe aus London und Los Angeles Schauspieler mit orientalischen Wurzeln geholt, die Arabisch in unterschiedlichen Dialekten sprechen können, neben Englisch natürlich, mit amerikanischen und englischen Pässen, damit es keine Visa-Probleme in Serbien und Bosnien gibt, wo hauptsächlich gedreht wurde. Sie spielen die Flüchtlinge. Ich wollte erst Schauspieler aus den Krisengebieten engagieren, aber man hat uns gleich gesagt, für die wird es keine Visa geben, aus Besorgnis, sie würden nach Drehschluss nicht wieder ausreisen. Irgendwie grotesk. Die freiwilligen Helfer im Film werden von Schauspielern aus Sarajevo, Belgrad und Zagreb dargestellt.

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Eine Bedingung war, dass sie als Kind oder junge Leute selber Flüchtlinge waren, im Zuge des Bosnienkrieges in den 1990er-Jahren. Das haben wird dann im Film auch thematisiert, in einer sehr intensiven Szene, als plötzlich klar wird, dass alle irgendwie Flüchtlinge waren oder jetzt gerade sind. Auch der Hauptdarsteller, der grandiose Michael Kristof, hat außerösterreichische Wurzeln. Seine Eltern sind seinerzeit aus Ex-Jugoslawien, aus Slowenien, nach Österreich geflohen.

Auf welchen Schauplätzen wurde der Film hauptsächlich gedreht? Mit welchen Herausforderungen, Hürden hatten Sie vor Ort zu tun?

Wir drehten zuerst in Belgrad, im Park neben dem Busbahnhof, der von Flüchtlingen bevölkert war, in der Stadt in einem Sammelzentrum und danach in einem eigens in Bosnien aufgebauten Kulissen-Lager, das uns die bosnische Armee hingestellt hat. Die haben auch noch einen Kilometer Stacheldrahtzaun für uns verlegt, mitten durch einen Wald. Der wurde natürlich gleich wieder abgebaut, nachdem die Szenen dort im Kasten waren. Der Film spielt hauptsächlich an der serbisch-ungarischen Grenze, gedreht wurde das alles aber an der bosnisch-kroatischen Grenze. Eine Herausforderung war das Wetter, fast durchgehend Regen, Kälte und Schlamm, 4 Wochen lang. Wenn man nach einem 12 Stunden Drehtag dann in ein warmes Hotelzimmer gehen kann, wird einem so richtig das Elend von Menschen auf der Flucht bewusst, die monatelang, Tag und Nacht dem Wetter ausgeliefert sind und diese Möglichkeit nicht haben.

Wie schwierig oder leicht war es, die Finanzierung für den Film zu bewerkstelligen? Mit welchen Meinungen waren Sie bei der Suche nach Finanziers konfrontiert?

Es war schwierig und leicht zugleich. Filmförderung habe ich keine beantragt, das ganze Projekt war so spontan, dass es fertig wurde, ehe so ein Förderantrag überhaupt begutachtet wird. Anfangs bin ich bei Sponsoren nur auf Ablehnung gestoßen, aber auch beim normalen Kaffeehaus-tratsch. Wer braucht so einen Film, habe ich immer wieder zu hören bekommen, auch das eine oder andere Schimpfwort. Das seien ja eh alles nur Terroristen, war der Grundtenor. Mein Koproduzent Georg Redlhammer und ich haben aber nicht aufgegeben und die Finanzierung doch noch zustande gebracht. Oberösterreichische Unternehmer, eine Privatstiftung, sowie private Investoren aus Kärnten, Kroatien und Deutschland, gebildete und gute Seelen kann ich sagen, haben das Geld bereitgestellt, unkonventionell, rasch und voller Sympathie für das Projekt.

Von der Planung bis zur Fertigstellung – auf welche Höhe belaufen sich die Kosten?

Ein Ganzes besteht ja aus Teilen. Die Finanziers, also die Teilhaber, erwarten sich verständlicherweise über ihr Engagement Diskretion. Allerdings, es ist ein aufwendiger Film. 12 Sprechrollen, Schauspieler aus 7 Ländern, 420 Statisten, eine 1A-Crew, Nachproduktion in London bei den international Besten der Besten für Sound und Musik, die modernsten Kameras und Licht- ausstattung, Drehorte in 3 Länder, der Film endet ja in Wien, am Wiener Riesenrad als zeitloses Symbol für Unvergänglichkeit, das Rad der Zeit, das sich weiterdreht. Kurz gesagt, der Film hat schon was gekostet, aber – keinen Cent Steuergeld!

"Wir begegnen Befürwortern und Gegnern, Flüchtlingen und Schleppern, Enthusiasten und Skeptikern."

Worauf führen Sie das internationale Medieninteresse an "Die letzte Barriere" zurück?

Ein Grund ist, dass wir keine Herz-Schmerz-Geschichte erzählen, sondern einen Tatsachenbericht über Menschen auf deren zeitgenössischer Odyssee. Wir erfahren manches über sie, aber nicht alles. Wir begegnen Befürwortern und Gegnern, Flüchtlingen und Schleppern, Enthusiasten und Skeptikern.

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Der Film ist eine Parabel auf unsere Gesellschaft, die mit der Flüchtlingskrise, die nicht in ein paar Monaten vorbei sein wird, sondern Jahre anhalten wird, umgehen muss. Und es gibt sicher auch einen pragmatischen Grund. Der Film ist bis auf wenige Passagen durchgehend in Englisch gedreht, jeder im Film spricht das Englisch, das er bzw. sie beherrscht, mit Akzent, besser oder schlechter, je nachdem, welche Person verkörpert wird. Dieses Englisch versteht aber jeder.

Damit ist klar, dass der internationale Markt für den Film offen ist. Für den deutschsprachigen Markt wird es eine Synchronfassung geben.

Regisseure wie Jacques Audiard oder Jakob Brossmann widmen sich dem Flüchtlingsthema als Spiel- respektive Dokumentarfilm für das Kino. Sehen Sie, was den Zugang betrifft, Gemeinsamkeiten zu Ihrem Film?

Es gibt durchaus unterschiedliche Ansätze. Unser Film ist ein lupenreines Sozial-Drama, das anfangs einigermaßen beiläufig beginnt, mit vielen losen Enden und unerklärten Puzzlesteinen, das peu à peu immer bitterer und rätselhafter wird, um am Schluss eine völlig unerwartete Wendung zu nehmen. Plötzlich fügt sich alles ineinander und es wird klar, die Tage sind zwar oft schwarz-weiß, aber auch immer wieder bunt. Und das wird immer so sein.

Der Film soll im März 2016 in die Kinos kommen. Was befürchten, was hoffen Sie, wird betreffend der Flüchtlinge, der europäischen Flüchtlingspolitik bis dahin geschehen?

Ich hoffe, dass die Europäische Union durch die Bewältigung dieser Aufgabe gestärkt und nicht geschwächt wird. Ein starkes Europa kann das schaffen. Es gibt doch Platz und Geld für "neue" Europäer. Eine Voraussetzung ist allerdings, dass diese die westlichen Werte und Lebensformen akzeptieren und keine Parallelgesellschaften entstehen.

"Es gibt doch Platz und Geld für "neue" Europäer."

Wir müssen uns alle klar positionieren indem wir helfen, aber gleichzeitig unsere gesellschaftlichen Errungenschaften, die schwer und demokratisch errungen wurden, bewahren. Ich wünsche mir, dass die hochgezüchteten Angstszenarien verschwinden. Wir brauchen weder vor Flüchtlingen noch vor Terroristen irgendwelche Angst haben. Das ist übrigens auch eine der zentralen Botschaften von "The Final Barrier", also "Die letzte Barriere". Gemeint ist mit dem Filmtitel ja nicht ein Zaun oder ein Grenzfluss oder eine Grenzbefestigung, sondern die Barriere in den Köpfen von Menschen, die zumeist aus Unverständnis und Angst errichtet wurde. Die brauchen wir sicher nicht.

(kurier) Erstellt am
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