Politik | Inland
22.01.2018

"Deutsch-Klassen": Faßmann präsentierte entschärfte Version

Bildungsminister Heinz Faßmann stellte seine Pläne für die neuen Deutschförderklassen vor: mindestens 15 Wochenstunden separates Sprachtraining, maximal ein Drittel gemeinsamer Unterricht. Experte sieht "tauglichen Kompromiss".

  • Pläne für Deutsch-Klassen fixiert: Volksschüler mit Deutsch-Defiziten sollen ab Herbst 15 Stunden pro Woche in Deutsch-Klassen unterrichtet werden, in Neuen MIttelschulen sind es 20 Stunden pro Woche
  • Parallel dazu besuchen die Kinder den Regel-Unterricht in "weniger sprachintensiven Fächern" wie Turnen oder Werken
  • Nach einem erfolgreichen Sprachtest kann die Rückkehr in Regel-Klasse erfolgen
  • 300 zusätzliche Lehrer notwendig
  • Experte sieht Reform positiv, auch Opposition ortet Vorteile

Kinder mit Deutsch-Defiziten sollen künftig einen Großteil des Unterrichts außerhalb ihrer Stammklassen verbringen. Das ist - kurz zusammengefasst - die Stoßrichtung der am Montagvormittag vorgestellten Pläne von Bildungsminister Heinz Faßmann für die im Regierungsprogramm avisierten "Deutsch-Klassen".

Kommen nun "Ghettoklassen"? Nein, sagt der Minister. Die nun angekündigten " Deutschförderklassen" sollen keine reinen "Ghettoklassen" werden, komplett getrennte Klassen, wie man sie aus dem Regierungsprogramm herauslesen konnte, wird es nicht geben. Geplant sind laut 15 Wochenstunden Sprachtraining nach eigenem Lehrplan in der Volksschule sowie 20 Wochenstunden für ältere Kinder. "Die restliche Zeit", so Faßmann, "sollen die Kinder in weniger sprachintensiven Fächern verbringen". Gemeinsam mit den anderen Schülern werden die Kinder also im Turn-, Musik oder Werkunterricht sein. Die gemeinsame Zeit mit den anderen Schülern wird allerdings höchstens ein Drittel der Schulwoche ausmachen. "Wir brauchen das gemeinsame Lernen, aber wir brauchen auch Differenzierung", fasst Faßmann zusammen. Zugeordnet sind die Kinder künftig der Deutschförderklasse, nicht einer Regel-Klasse. Verlassen die Kinder ihre Förder-Klasse, werden sie auch weiterhin parallel zu ihrem Regel-Unterricht Sprachkurse absolvieren. "Das System", sagt Faßmann, "soll eine schrittweise Zurücknahme der Förder-Maßnahmen vorsehen". Einen Widerspruch zu den im Regierungsprogramm angekündigten eigenen "Deutsch-Klassen" sieht Faßmann "keineswegs".

Wie lange müssen Kinder in diese Klassen? Die Pläne der Regierung sehen vor, dass Kinder mit Sprachdefiziten maximal vier Semester eine Deutschförderklasse besuchen. Kinder können aber auch bereits nach einem Semester in ihre Stammklasse umsteigen, wenn sie einen Sprachtest bestehen. Die Tests für die Kinder mit Sprachdefiziten sollen wohl vom Ministerium durchgeführt werden, nicht von Lehrern oder Direktoren. Faßmann sieht darin einen notwendigen Schritt in Richtung Verbindlichkeit und Qualitätsmessung.

300 zusätzliche Lehrer. Starten soll die neue Regelung laut Faßmann bereits ab dem Schuljahr 2018/19, über die genauen Kosten wollte der Minister allerdings noch nichts sagen. Faßmann kündigte 300 zusätzliche Lehrer für die Maßnahme an - nur so viel: "Es wird etwas kosten." Sorge, dass sich die Umsetzung des Vorhabens bis Herbst nicht ausgeht, hat man im Ministerium keine, sagt Faßmann. Einer der Gründe dafür: Die neue Regelung ist keine Total-Abkehr vom bisherigen System, in dem in sogenannten "Sprachstartklassen" elf Stunden pro Woche Deutsch unterrichtet wird.

Experte: "Das ist nicht dumm"

Bildungsexperte Niki Glattauer sieht im Vorhaben jedenfalls einen "tauglichen Kompromiss". Dass Kinder nicht wie eigentlich von ÖVP und FPÖ angekündigt ausschließlich in Ausländer-Klassen untergebracht werden, sei "eine Lösung, mit der ich ganz gut leben kann", so der Experte zum KURIER. "Ich bin kein Freund der reinen Flüchtlings- oder Ausländerklassen, aber das scheint dieses Modell ja nicht vorzusehen", sagt Glattauer. Kurzum: "Das ist nicht dumm".

Auch aus der Opposition hört man neben obligatorischer Kritik durchaus auch Zustimmung: "Als temporäre Maßnahme und in Verbindung mit gemeinsamen Aktivitäten mit einer inklusiven Regelklasse ist diese Regelung für mich vorstellbar", sagt etwa Neos-Chef Matthias Strolz zum KURIER. Nachsatz: "Es kommt aber darauf an, mit welcher Haltung und wie dieses Vorhaben umgesetzt wird. Wenn Ausschluss der Leitgedanke ist, dann sind wir entschlossen dagegen. Wenn effektive Hilfestellung für rasche Integration gedacht ist und umgesetzt wird – dann ja."Auch SPÖ-Bildungssprecherin und Ex-Ministerin Sonja Hammerschmidbegrüßt, "dass Faßmann die bestehende Sprachförderung in Verbindung mit dem Regelunterricht fortführen will und damit den von Kurz und Strache propagierten 'Ghettoklassen' eine Absage erteilt".

Weniger Freude mit der Ankündigung hat Stephanie Cox, Bildungssprecherin der Liste Pilz: Zwar findet die Abgeordnete Sprachförderung "gut und notwendig", die Faßmann-Pläne sehen ihr zufolge allerdings zu wenig Förderung im Klassenverband vor. Von Förderklassen hält Cox nichts: "Diese fördern soziale Ausgrenzung und verhindern, dass die Kinder voneinander lernen. Kinder lernen am besten Deutsch, wenn sie die Sprache anwenden – ob es fachlich im Unterricht ist oder im Austausch mit den anderen Kindern." Jeglicher Fachunterricht, sagt Cox, sei zugleich also auch Sprachunterricht.