Politik | Inland
24.01.2018

Deutsch-Klassen: "Da können Parallelgesellschaften entstehen"

Bildungsminister Heinz Faßmann will Kinder mit schlechtem Deutsch weitgehend von anderen Schülern trennen. Prominente Migranten beobachten das skeptisch und teilweise mit Bedrückung. Dem KURIER erzählten sie ihre Erfahrungen.

Wenn man Abgeordnete wie Alma Zadić zu den geplanten Deutschklassen der Regierung befragt, kriegt man keine geschliffenen Politikerantworten. Es sind emotionale Worte aus einer persönlichen Betroffenheit. Zadić, heute 33, floh als 10-Jährige mit ihren Eltern vom Bosnien-Krieg und landete an einer Volksschule in Wien. Wie auch andere prominente Migranten, die der KURIER kontaktierte, will Zadić die Pläne, Kinder mit wenig Deutschkenntnissen stärker getrennt zu unterrichten, nicht pauschal kritisieren. Dennoch: Es gibt große Zweifel an wöchentlich bis zu 20 Stunden Sonderunterricht.

"Ich habe die Befürchtung, dass durch diese Förderklassen bereits im Kindesalter Parallelgesellschaften entstehen. Diesen Stempel 'Förderklassler' kriegen die Kinder nicht so leicht weg", sagt Zadić, heute Rechtsanwältin und Abgeordnete der Liste Pilz. In den 1990er Jahren war dieser Berufsweg nicht abzusehen. "Ich habe mich schon sehr allein gelassen gefühlt. Auch wenn ich selbst versucht habe, mir Sachen zu erklären, war das natürlich schwierig", erinnert sich Zadić. Ihre erste Volksschule im Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus habe sie als Flüchtlingskind zuerst nicht einmal aufnehmen wollen. Erst nach einem Schulwechsel sei es besser geworden. Dort waren auch andere Migranten, hinzu kam ein engagierter Direktor, und es gab Sprachförderung. "Die dritte Klasse Volksschule konnte ich sogar mit Auszeichnung abschließen", sagt Zadić, da sei sie erst wenige Monate in Wien gewesen.

Zadić: Sorge vor Zwei-Klassen-Gesellschaft

An den Plänen der ÖVP-FPÖ-Koalition lobt die Abgeordnete den Fokus auf das Deutschlernen durch Förderunterricht und das Versprechen, zusätzliche Lehrer anzustellen. Aber: "Ich hatte mit ein paar Migranten eigene Deutschkurse, während die anderen ihren Deutschunterricht hatten. Aber trotzdem war ich den Großteil der Zeit im Klassenverband integriert, und das war etwas Schönes und Wichtiges. Man lernt so viel von den Klassenkollegen - auch die Sprache", sagt Zadić. Sprich: Die Teilnahme am Regelunterricht beschleunigte ihr Deutschlernen.

Genau dies will die Regierung aber künftig bis zu vier Semester lang weitgehend aussetzen. Geplant sind 15 Wochenstunden Deutschtraining nach eigenem Lehrplan in der Volksschule und 20 Stunden in der Neuen Mittelschule. Nach jedem Semester dürfen die Kinder zu einem Test antreten und bei Bestehen in die Stammklasse wechseln. Zugeordnet werden die Kinder der Förderklasse, nicht der Regelklasse. Faßmann beruhigte am Montag, das behindere nicht die Integration, etwa weil Turnen und Zeichnen gemeinsam unterrichtet werden. "Ich glaube, die Änderungen des Ministers sind reine Kosmektik", sagt Zadić. "Das Konzept vermittelt weiterhin eine Differenzierung. Bei den regulären Schülern könnte der Eindruck entstehen, dass sie besser sind als die 'Förderklassler'. Wie bereit werden sie sein, mit ihnen abzuhängen?"

Yildirim: "Das macht mich betroffen"

Auch Nationalratsabgeordnete Selma Yildirim musste mit acht Jahren an einer Volksschule in Tirol mühsam Deutsch lernen. 1978 kam sie mit ihren türkischen Eltern nach Jenbach im Unterinntal. "Die Absonderung der Kinder in einem Ausmaß, wie es jetzt geplant ist, finde ich nicht gut. Das hat mich betroffen gemacht", sagt die SPÖ-Abgeordnete heute. Auch ihr Weg war nicht vorgezeichnet. "Ich habe meine Entwicklungsschritte gemacht, aber sehr viele Kinder von Zuwanderern sind damals in der Sonderschule gelandet", sagt Yildirim.

Wobei die 48-Jährige, die seit November im Parlament ist, kritisch anmerkt, sie sei damals nicht sehr gefördert worden. "Mein Volksschullehrer hat mich leben lassen", drückt sie es aus. "Ich erinnere mich an die Mutter einer Freundin, die mir an fünf oder sechs Nachmittagen den letzten Feinschliff gegeben hat", sagt Yildirim. Sprachförderung aus einer rein privaten Initiative also.

Yildirim lobt daher Faßmanns Ankündigung, mehr Angebote für Deutsch als Fremdsprache zu schaffen, sieht den Haken aber in bis zu vier Semestern getrennten Unterrichts. "Maximal ein Semester fände ich besser. Die Kinder lernen am besten, wenn sie bei ihren Klassenkollegen sitzen. Da gibt es so einen gewissen Wettbewerb, man will schnell dazugehören. So habe ich's halt erlebt", sagt sie.

Aslan: "Sonderunterricht war für uns unangenehm"

Berivan Aslan, in den 1980er-Jahren mit ihren kurdischen Eltern nach Tirol gekommen und bis Herbst Abgeordnete für die Grünen, erlebte den getrennten Deutschunterricht sogar als "soziale Isolation". "Das war für uns Migrantenkinder sehr unangenehm", erinnert sich die 36-jährige Juristin. Zumal sie damals als Hauptschülerin in Telfs ohnehin schon sehr gut Deutsch gesprochen habe. "Dieser Versuch mit den Deutschkursen ist an der Schule dann nach einem Semester abgebrochen worden", sagt Aslan.

Daher sieht die Ex-Abgeordente die separaten Sprachklassen der Regierung auch als "kontraproduktiv" an. "Diese Angst der Kinder, nicht gleich zu sein, kann in eine andere Richtung gehen", warnt Aslan. Für sie sind mit dem geplanten Ausmaß getrennten Unterrichts neue Integrationsprobleme programmiert. "Man nimmt den Kindern das Gefühl zugehörig zu sein, auch wenn es nur drei Stunden wären. Das ist nicht wie beim Religionsunterricht, Deutsch ist etwas ganz anderes", sagt Aslan. Besonders im Volksschulalter seien die Folgen dieser Trennung "sehr bedenklich".

Kilic: "Die Pausen reichen nicht"

Auch der – politisch unbelastete – Unternehmer Eren Kilic hegt Zweifel am integrativen Erfolg der Regierungspläne. "Kinder, die Probleme mit der Sprache haben, zu separieren hat sicher psychologische Effekte", sagt Kilic. "Wie soll das gehen, sich einer Klasse zugehörig zu fühlen?"

Kilic kam erst mit 18 Jahren nach Wien, studierte Wirtschaftsinformatik an der Uni Wien. "Je schneller ich Deutsch lerne, desto erfolgreicher werde ich", habe er sich damals gedacht. An der Uni habe er Bücher zweimal oder dreimal gelesen, um Prüfungen zu bestehen. Geholfen habe ihm neben Sprachkursen der Uni Wien auch seine kontaktfreudige Einstellung. Er habe mit Österreichern immer das Gespräch gesucht, sagt der 42-jährige Kurde, der heute das Weiterbildungsinstitut Bilcom für Sprach-, EDV- und Wirtschaftskurse leitet.

Für die Schulen in Wien würde sich nicht mehr Trennung, sondern mehr Durchmischung wünschen. "Im Bezirk Favoriten haben wir sehr wenige einheimische Kinder in vielen Klassen. Die Kinder würden viel schneller lernen, wenn es in der Stadt eine bessere Verteilung gäbe." Faßmanns Argumentation, dass die Förderklassen-Schüler durch Turn- oder Werkunterricht und auch Pausengespräche mit den anderen in Kontakt kommen würden, teilt Kilic nicht: "Die Pausen sind zu wenig, das sind fünf bis zehn Minuten. Was sollen die Kinder da von den anderen lernen?"