Politik | Inland
01.04.2017

Der Öko-Populismus lässt grüßen

Für den ORF ist Zucker also Gift – ähnlich "verboten" wie für Grüne der SUV und für Veganer das Osterei. Was ist gesellschaftlich akzeptiert? Das ist starken Modetrends unterworfen.

Der Nachkriegsgeneration konnte weder Auto noch Backhenderl fett genug sein: Man genoss die Symbole des Wiederaufbau-Wohlstands. Es ging bergauf. Die folgenden Generationen entledigten sich der moralischen Gebote der katholischen Kirche, der ideologischen Vorgaben von Parteien – und oft wurden sogar Tugenden wie Pünktlichkeit, Höflichkeit, Eigenverantwortung über Bord geworfen. Neuerdings werden die Gebote aber wieder häufiger. Sie sind nur anders geworden.Etwa: Du musst gesund und "natürlich" essen. Oder: "Verzicht ist der neue Luxus". Wir sind technik- und fortschrittsmüde geworden, finden Verschwörungstheorien manchmal glaubwürdiger als "hard news" und Esoterik hilfreicher als die Schulmedizin. Bis zum Jahr 2030 sollen Güter in der Wiener Innenstadt nur noch per Lastenfahrrad oder höchstens E-Auto transportiert werden, befehlen die Grünen allen Ernstes. Ein Wunder, dass sie noch nicht die Segnungen des Pferdefuhrwerks entdeckt haben.

Sackerl-Avantgarde

Natürlich ist es vernünftig, über Ressourcenschonung nachzudenken. Aber die neuen Vorschriften sind ganz oft nur reiner Öko-Populismus. Siehe den Krieg gegen das Plastiksackerl. Weil in Asien katastrophal viel Plastikmüll in Landschaft und Meer landet, wird selbst uns umweltbewussten Mitteleuropäern ein (ökologisch bedenklicheres) Papiersackerl (um teureres Geld) zwangsverordnet.

Dabei sind die Österreicher ohnehin Mülltrennweltmeister. Dem Mist in Verbrennungsanlagen muss sogar ein Teil des säuberlich gesammelten Plastiks beigefügt werden, um ihn besser verheizen zu können. Damit sind wir Umwelt-Avantgarde. Zur Nachahmung empfohlen! Das wird die Welt östlich, südlich und westlich unseres Halbkontinents aber mächtig beeindrucken!

Und wenn das Rathaus Wien-Neubau verkehrsberuhigt, dann auch nur, weil dort zufällig viele grün-wählende Bobo-Anrainer wohnen, die ins nahe Kreativ-Büro radeln. (Dass Autos, die man dort mutwillig im Kreis schickt, mehr Abgase verbrauchen – egal.)

Wir haben sogar Richter, die zwecks Rettung des Weltklimas gegen eine dritte Flughafenpiste entschieden haben (was man ihnen kaum vorwerfen kann, sie haben eben ein seltsames Gesetz ernst genommen). Das eingesparte CO2 dürfte uns aber auch aus Pressburg erreichen, wo man dereinst vielleicht den Flughafen erweitert, wenn jener in Schwechat an seine Grenzen stößt. Die AUA darf heimlich jubeln, hält es doch die Konkurrenz fern, was höhere Ticketpreise erleichtert. Auch für den Wirtschaftsstandort ist die Entscheidung ein schlechtes Signal.Doch dieses Argument zählt wenig. "Die Grenzen des Wachstums sind ohnehin erreicht", finden viele Österreicher beim laktosefreien Caffè Latte. Doch darin irrte schon der "Club of Rome". Den freiwilligen Verzicht auf Wachstum und steigenden Wohlstand kann sich nur eine Minderheit leisten. Wenn der Kuchen nicht für alle größer wird, werden die Verteilungskämpfe härter, die Auseinandersetzungen aggressiver. Da sollten wir uns nicht Zucker, äh, Sand in die Augen streuen lassen.