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Politik Inland
08/19/2019

Der blaue Baron: Wer ist der FPÖ-Quereinsteiger?

Norbert van Handel ist ein väterlicher Freund des FPÖ-Chefs und bald Abgeordneter. Wie tickt er?

von Christian Böhmer, Jeff Mangione

„Wollen S’ an Whiskey?“ Es ist kurz vor 12, und der Baron kommt in seinem Arbeitszimmer gleich zur Sache.

Er meint es gut. Der Weg aus der Hauptstadt war weit und nicht ohne Mühen. Bei Sattledt runter von der Autobahn, dann quer durch Steinerkirchen. Bald ist das Schloss angeschrieben. Ein Halt am schmiedeeisernen Tor, das Schild warnt vor „scharfen Hunden“. Nach der Einweisung durch den Gartenarbeiter über den Kiesweg zum Gästeparkplatz. Hinüber zum Turm, links durch den Innenhof mit dem Brunnen, die knarrenden Holzstufen hinauf, vorbei an Hellebarden und Armbrüsten, das Übliche in alten Gemäuern.

 

Dann durch die Bibliothek, wo wie zufällig ein Buch von Norbert Hofer auf dem Tisch liegt. Und endlich steht man vor ihm: Baron Doktor Norbert van Handel. Schlossbesitzer, Unternehmer, Prokurator des St. Georgs-Ordens – und jetzt auch Quereinsteiger der FPÖ auf der Bundesliste. Wählbar an achter Stelle. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn er nicht dem nächsten Nationalrat angehört.

Sauerkraut

„Wollen S’ an Whiskey?“, fragt er also, und die Gäste aus Wien entpuppen sich gleich als Spielverderber – man winkt dankend ab, die lange Fahrt zurück, er müsse verstehen.

Also weiter ins Kaminzimmer, wo Kaffee und Grissini warten.

 

Historikerbericht? "Interessiert mich nicht. Historiker bin ich selbst."

Anwesen von van Handel in Oberösterreich

Baron Norbert van Handel

„Christlichkeit, Wertkonservatismus, Landesverteidigung und eine EU, die sich reformieren muss.“

Schlossbesitzer, Unternehmer, Prokurator des St. Georgs-Ordens – und jetzt auch Quereinsteiger der FPÖ auf der Bundesliste.

"Ich werde einen Bauernwahlkampf machen."

FPÖ-Nähe zu Russland? "Geht in Ordnung"

"Kickl ist ein politischer Philosoph, der gefällt mir."

Baron Norbert van Handel

Um der Geschichte nicht gleich den falschen Dreh zu geben: Der Whiskey beim Entree zeigt nur eines: van Handels untrüglichen Sinn für Gastlichkeit. Später gibt es Geselchtes mit Sauerkraut und Erdäpfeln, auf Schloss Almegg kocht die Baronin noch selbst, Details würden jetzt aber wirklich zu weit führen.

Norbert van Handel weiß genau, wie das alles aussehen muss: der Whiskey, die qualmende Pfeife, dazu der Kamin und das Bild von Urban III. (das war der, der angeblich vor Schreck an einem Ei erstickt ist, als er vom Fall Jerusalems gehört hat). Also sagt er: „Tun S’ mich bitte nicht als blöden Kasperl hinstellen!“

Er wolle sich nicht verbiegen oder verstellen. Ein spannender Zugang für die Innenpolitik. Ob das gut geht?

„Ich hab’ keine Angst davor, in meiner Art vor mich hin zu dilettieren. Die Leute schätzen Natürlichkeit und Ehrlichkeit. Neue Typen sind in der Politik gefragt – auch wenn sie alte Typen sind.“

 

Politik, das Stichwort! Was will er erreichen im Parlament? Und warum ist ausgerechnet er, der ein halbes Jahrhundert in der Volkspartei verbracht und sogar für ÖVP-Minister gearbeitet hat, mit 77 Jahren noch den Freiheitlichen beigetreten?

„Der endgültige Bruch ist passiert, als die ÖVP Van der Bellen und nicht meinen Freund Norbert Hofer bei der Bundespräsidentenwahl unterstützt hat.“

Van Handel stopft seine Pfeife. Er sitzt, lehnt – nein: er fläzt in einem cremefarbenen Ohrensessel. Bald ziehen Rauchwolken durchs Zimmer. „Christlichkeit, Wertkonservatismus, Landesverteidigung und eine EU, die sich reformieren muss.“ Das seien Werte, die er hochhalte, die er in die Politik einbringen wolle. Und dafür stehe heute vor allem die Hofer-FPÖ. Man kennt einander aus dem St. Georgs-Orden. Norbert Hofer ist Mitglied, van Handel war der Prokurator.

Es gibt da dieses Interview, in dem sich van Handel recht wohlwollend über die Monarchie äußert. Billiger und besser sei sie. So soll er zumindest gesagt haben. „Das war reines Theoretisieren. Mir ist es kein Anliegen, die Monarchie zu etablieren. Überhaupt keines.“

Es folgt: der Auftritt der Hunde. Nelli und Aldo tapsen ins Zimmer. Hechelnd, wedelnd. Scharf? Nein, das sind sie beide nicht. Soviel zum Schild am Eingang.

Nicht-Einmischung

Die Stimmung ist jetzt gelöster, der Schlosseigner findet Reporter und Fotograf nicht einmal so unsympathisch. Für das, was gleich kommt, ein leichter Vorteil. Denn jetzt geht es um die Manöverkritik, also um all die Dinge, die van Handel an seiner neuen Partei missfallen. Es wird, soviel vorweg, ein kurzer Ausflug, die Liste ist überschaubar. Denn der eine Norbert (van Handel) findet ziemlich alles gut, was der andere Norbert (Hofer) so sagt und tut.

 

Die Nähe der FPÖ zu Russland und der Partei Wladimir Putins?

„Die geht in Ordnung“, sagt van Handel. „Wir brauchen Äquidistanz zu Russland und den USA, und ich verstehe, dass Putin die Krim gezogen hat. Die Krim ist de facto seit Katharina der Zweiten russisches Gebiet. Sie ist nur dank eines Verwaltungstricks von Chruschtschow an die Ukraine gegangen.“

Die EU und die UNO? „Zwei total linke Organisationen.“

Der Historikerbericht der FPÖ? „Der interessiert mich nicht, Historiker bin ich selbst.“

Moment: War das jetzt ein Anflug von Kritik an der FPÖ?

Eher nicht. Über die „braunen Flecken“ und alles, was das Anstreifen der FPÖ an den Rechtsrechten angeht, sieht sich der Vater zweier Söhne allein kraft seiner Familiengeschichte erhaben. „Ich komme aus einer total anti-nationalsozialistischen Familie. Ein Großonkel von mir ist nach dem Anschluss mit dem ersten Prominententransport ins KZ gekommen, ein anderer Onkel wurde im KZ ermordet.“

 

Sein eigener Vater, ein Offizier, habe immer gesagt, dass das mit Hitler niemals gut gehe. Und weil er, van Handel, eine jüdische Urgroßmutter habe, sei ihm auch Antisemitismus völlig fremd.

An dieser Stelle nimmt der Reporter einen Schluck vom zwölf Jahre alten Whiskey. Das erwähnte Geselchte, man erinnert sich. Außerdem stehen noch drei heikle Punkte aus.

Erstens: die Identitären. „Eine Sekte“, sagt van Handel. „Und mit Sekten beschäftige ich mich nicht. Weder in der katholischen Kirche, noch in der Politik.“

Zweitens: die Ausritte des FPÖ-Innenministers. „Kickl ist ein politischer Philosoph, der gefällt mir!“

Drittens: Viktor Orbán. Kann es dem Mitglied einer Partei, die „Freiheit“ selbst im Namen trägt, ernsthaft gefallen, wenn sich Ungarn von Presse- und Meinungsfreiheit entfernt? Van Handel antwortet so: „Ich will, dass es in Österreich Pressefreiheit gibt.“ Solange die Ungarn frei wählen dürften, wen sie wollten, solle man sich nicht einmischen. „Ich pflege das Prinzip der Nicht-Einmischung.“ Damit ist nicht alles, aber schon verdammt viel gesagt.

 

Werden Sie wahlkämpfen, Herr van Handel? „Ich werde einen Bauernwahlkampf machen.“ Soll heißen: Mit den FPÖ-nahen freien Bauern gibt’s Veranstaltungen. Außerdem will sich der Schlossherr um die Anliegen der Roma kümmern. „Ich liebe die Roma, der Norbert Hofer hat sie mir vermittelt.“

Und schließlich hat er gehört, dass bei der Sexualerziehung der Volksschüler einiges im Argen liegt.

Was genau es da politisch zu verändern gibt? Man wird sehen.

Im Wesentlichen geht es dem Neo-Freiheitlichen ohnehin um die großen, die internationalen Linien. „Österreich muss mit den Nachfolgestaaten der Monarchie wieder besser vernetzt werden.“

Zwei Stunden sind vergangen, es fehlen noch ein paar Fotos. Van Handel hat nur begrenzt Lust darauf, der Baron posiert nicht gerne. Beim Verabschieden sagt er: „Der Norbert hat gemeint, er ist schon sehr gespannt auf meine erste Rede im Parlament.“

Und in der Sekunde will man ihm antworten: „Nicht nur er, Herr van Handel. Nicht nur er.“

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