Politik | Inland
10.09.2017

"Mein Mann ist jetzt charmanter zu mir"

Vier Wochen nach dem schweren Radunfall zeigt sich Erwin Pröll wieder. Warum er auch fast fünf Monate nach dem Rückzug keine Sehnsucht nach der Politik hat. Und wie aus dem Macho ein Frauenversteher wurde.

Mit der Politik hat er komplett abgeschlossen: Weder will er ein darüber Wort verlieren, noch hat er Sehnsucht nach seiner alten Machtzentrale in St. Pölten. In den vergangenen Sommerwochen hat der KURIER bei ehemaligen Politikern von Heinz Fischer bis Josef Pühringer nachgefragt, wie ihr neues Leben nach der Politik ausschaut. Erstaunlicherweise hat gerade Pröll am konsequentesten den Schlussstrich gezogen. Wie es ihm nach dem Radunfall geht und warum Ehefrau Sissi sich jetzt rundum glücklich fühlt, erzählt das Ehepaar im Interview.

KURIER: Herr Pröll, wie lange werden Sie noch mit Krücken gehen müssen?

Erwin Pröll: Die große Hoffnung ist, dass ich schon in wenigen Tagen keine Krücken mehr benötige. Ich bin sehr froh, dass es so gut ausgegangen ist. Denn seit 30 Jahren fahre ich Rennrad mit Clip-Pedalen. Beim Unfall haben sich die Clips zum ersten Mal nicht geöffnet und ich bin mit dem Rad wie ein Sack auf den Asphalt gefallen. Beim Becken hat sich zum Glück nichts verschoben. Die Beckenpfanne ist mitten durchgebrochen. Dadurch war keine Operation notwendig. Es wächst alles sehr gut wieder zusammen.

Sie kennen einander seit 48 Jahren. Wahrscheinlich haben Sie noch nie so viel Zeit miteinander verbracht wie momentan. Wie hat sich das Eheleben verändert?

Sissi Pröll: Ich finde es wunderschön, dass man nicht mehr fremdbestimmt ist. Allein, dass wir jetzt jeden Tag selbst entscheiden können, ob wir nur in den Tag hineinleben oder etwas unternehmen, steigert die Lebensqualität unglaublich. Ich habe mir auch nie vorstellen können, dass wir einmal gemeinsam das Mittagessen zubereiten können.

Erwin Pröll: Ehrlich gesagt bin ich selbst überrascht, wie komplikationslos der Übergang verlaufen ist. Natürlich habe ich mir vor dem Rückzug aus der Politik selbst oft die Frage gestellt, ob ich das meistern werde. Es existieren ja auch genügend Beispiele, wo es schief gegangen ist. Bis jetzt gab es keinen einzigen Moment, wo ich mir sehnsüchtig gedacht habe: "Schade, dass das jetzt vorbei ist."

Warum ist das so?

Erwin Pröll: Ich bin zu der Conclusio gekommen, dass nach 40 Jahren, wo du eigentlich unter dem Diktat des Terminkalenders lebst, die Sehnsucht nach einem normalen Leben groß ist. Dazu kommt, dass man in der aktiven Zeit bei den Begegnungen mit Menschen oft hinterfragt, ob das Gesagte nun ehrlich ist, oder ob es da nicht einen konkreten Hintergedanken gibt. Diese Skepsis gibt es jetzt nicht mehr. Ich erlebe viele Begegnungen, die nach wie vor respektvoll und liebenswürdig sind. Außerdem sehe ich, dass es im Land gut weiterläuft. Es hat sich zwar ein Tor geschlossen, aber dafür hat sich ein anderes geöffnet. Das ist aber mindestens so schön wie das Tor, das vorher offen war.

Wenn man einander zwar seit 48 Jahren kennt, aber 40 Jahre die Politik das Eheleben dominiert hat, entdeckt man dann neue Seiten am Partner, die einem in den vergangenen Jahren aus Zeitmangel nicht aufgefallen sind?

Sissi Pröll: Ich habe die Wahrnehmung, dass mein Mann mit dem Alter, aber vielleicht auch durch die Ruhe, die er jetzt genießen kann, unglaublich charmant zu mir geworden ist. Früher gab es eine Arbeitsteilung bei uns, wo alles effizient organisiert sein musste.

Herr Pröll, warum sind Sie heute charmanter?

Erwin Pröll: Unser Leben war von einer großen Hektik begleitet. Da findet man möglicherweise nicht immer den richtigen Ton oder die richtigen Worte. Wir haben erst jetzt Gemeinsamkeiten entdecken können, die früher auf Grund der Hektik nicht spürbar werden konnten. Das ist eine neue Qualität der Partnerschaft.

Heinz Fischer ist zwar auch offiziell im Ruhestand, hat aber jede Menge Aufgaben übernommen. Auch Oberösterreichs Ex-Landeshauptmann Josef Pühringer hat sich nicht ganz aus der Politik zurückgezogen. Wie oft lassen Sie sich in St. Pölten blicken?

Erwin Pröll:In Sankt Pölten sieht man mich kaum mehr. Aber ganz untätig bin ich nicht. Ich bin ja ehrenamtlich in der "Kultur.Region. Niederösterreich" tätig. Außerdem wurde ich vor wenigen Tagen Honorarkonsul von Slowenien. Und erst vor wenigen Tagen habe ich vom bulgarischen Ministerpräsidenten Bojko Borissow einen Brief erhalten, in dem er mich gebeten hat, Mitglied in seinem sechsköpfigen Weisenrat zu werden. Denn Bulgarien übernimmt ab 1. Jänner 2018 den EU-Vorsitz, dafür will er für sechs Monate ein Beratergremium. Hier kann ich meine regionalpolitische Erfahrung einbringen.

Frau Pröll, gab es einen Punkt oder einen Wunsch, den Sie nach 40 Jahren des Zurücksteckens als Ehefrau nachholen wollten?

Sissi Pröll: Wir haben einen Urlaub in der Toskana verbracht. Aber mir geht es gar nicht darum, entfernte Ziele zu entdecken, wozu bisher die Zeit fehlte. Im meinem Fokus steht die neue Zweisamkeit. Mein Mann vollzieht seit Ende April einen Perspektivenwechsel. Plötzlich nimmt er auch Dinge wahr, die er früher gar nicht gesehen hat.

Welche beispielsweise?

Sissi Pröll: Dinge, die ich jahrelang erledigt habe und die einfach selbstverständlich waren. Ich will meinem Mann nicht unterstellen, dass er unaufmerksam war. Aber er hatte einfach nicht den Kopf dafür, meine Arbeit zu registrieren. Es freut mich wahnsinnig, dass er jetzt sieht, was in diesen vier Jahrzehnten mit der Familie zu bewerkstelligen war und welche Leistung ich hier vollbracht habe. Diese Anerkennung, die ich nun von ihm bekomme, tut mir unheimlich gut. Man könnte sagen: Ich bin jetzt einfach glücklich und froh.

Das heißt, Sie bekommen jetzt jene Wertschätzung, die Sie sich immer erwartet haben. Klingt, als wären Sie zu kurz gekommen?

Sissi Pröll: Ich verstehe es, dass Erwin meine Leistung nicht erkennen konnte. Er war so mit sich und seiner Arbeit beschäftigt, dass dafür keine Zeit blieb. Das war auch mein Part, viele kleine Sorgen des Lebens mit vier Kindern, wie schlechte Schulnoten, von ihm fern zu halten. Erst jetzt taucht mein Mann in das Familienleben mit all seinen Facetten ein. Ich habe nicht gelitten darunter, dass er keinen Kopf für die Alltagsprobleme hatte. Aber umso schöner finde ich es, dass er es jetzt entdeckt. Damit war ja nicht unbedingt zu rechnen.

Wie hat sich Ihre Perspektive verändert?

Erwin Pröll: Mein Blick hat sich erweitert. Vor allem in Hinblick darauf, was eine Frau im Haushalt zu leisten hat – und in einem politischen Haushalt ganz besonders. Die Gesamtverantwortung der Erziehung und des Familienmanagements lag in der Verantwortung von Sissi.

Von der Politik wird Halbe/Halbe in der Partnerschaft gefordert. In einer Ehe mit einem Politiker ist dieses Modell offenbar nicht möglich...

Erwin Pröll: Wer Ihnen das erzählt, der lügt, dass sich die Balken biegen. Es heißt nicht zufällig: Diener zweier Herren zu sein, ist eine Illusion. Ich habe mich mit Haut und Haar meiner politischen Arbeit gewidmet. Das ist im Einverständnis mit meiner Frau passiert. Sie wusste, dass sie mir so viel Freiraum wie möglich geben muss, damit ich mich dem Land widmen kann. Es ist ja kein Zufall, dass ich einmal gesagt habe, wenn meine Frau nicht zuhause ist, kann ich mir keinen Kaffee kochen. Das hat auch gestimmt. Mittlerweile kann ich das, auch wenn viel über dieses Defizit gelacht wurde. Jetzt hat sich mein Bewusstsein erweitert, was ein Ehepartner in einer derartigen Arbeitsteilung zu leisten hat.

Was hat der neue Erwin Pröll in den vergangenen Monat im Haushalt gelernt?

Erwin Pröll: Kochen kann ich noch nicht, aber Grillen. Das ist eine neue Leidenschaft von mir. Meine Spezialität ist Lachs. Ich würde das Gericht sogar "Lachs à la Pröll" nennen.

Besteht die Gefahr, dass es Ihnen nach einem Jahr wieder unter den Fingernägeln brennt?

Erwin Pröll: Diese Befürchtung habe ich gar nicht. Ich genieße schon den Beginn des Tages unglaublich. Denn es ist unheimlich erleichternd, die Zeitungen mit einem Schmunzeln, manchmal mit einem Kopfschütteln und auch mit Genugtuung lesen zu können.

Bei unserem letzten Interview meinten Sie über die Stiftung: "Sie ist korrekt und hat Menschen geholfen. Wird sie eines Tages rückblickend erwähnt, dann steht bei den Vorwürfen schon erwiesene Verleumdung." Jetzt wurde die Stiftung aufgelöst und der Rechnungshof hat einige Kritik daran geübt. Bleiben Sie dabei, dass alles korrekt war?

Erwin Pröll: Erstens: Den Rechnungshofbericht muss man genau interpretieren. Er hat kritisiert, dass bei der Vergabe von Förderungen die Richtlinien nicht eindeutig waren. Zweitens: Die Korruptionsstaatsanwaltschaft hat trotz Anzeige keinen Anlass gefunden, Ermittlungen einzuleiten, weil nicht einmal ein Anfangsverdacht vorlag. Und drittens: Selbst die schärfsten Kritiker haben mittlerweile eingestanden, dass kein Cent für private Zwecke verwendet wurde. Andere hätten vielleicht das Geburtsgeld für sich persönlich verwendet, mein Wollen war, es der Allgemeinheit zugutekommen zu lassen. Mit der Auflösung ist nun ein Schlussstrich gezogen.