© Tobias Pehböck

Interview
11/01/2020

Psychiater Haller: "Viele empfinden Corona-Maßnahmen als Fußfessel"

Reinhard Haller über fehlende Durchhalte-Parolen und wachsende Gewalt.

von Ida Metzger

Der Psychiater Reinhard Haller analysiert, wie die Österreicher auf den bevorstehenden zweiten Lockdown im Vergleich zum ersten im März reagieren könnten.

KURIER: Herr Haller, innerhalb von acht Monaten kommt nun der zweite Lockdown. Wie wird die Gesellschaft die neuerlichen strengen Maßnahmen im Unterschied zum ersten Lockdown aufnehmen?

Reinhard Haller: Der erste Lockdown war etwas Neues. Man reagierte noch mit Neugierdeverhalten darauf. Viele freuten sich, dass sie endlich einige Dinge erledigen konnten, die sie schon ewig aufgeschoben hatten. Oder eben endlich mehr Zeit für die Familie hatten. Nur wenige empfanden die Maßnahmen als Fußfessel – denn in Wahrheit sind die Maßnahmen vergleichbar mit dieser Art von Strafvollzug. Jetzt aber werden die Maßnahmen von vielen Bürgern mehr als eine Fußfessel empfunden. Auch weil die Gruppe jener, die die Maßnahmen aus demokratiepolitischen Gründen hinterfragen, im Vergleich zum Frühjahr größer geworden ist.

Schon im Frühjahr verwendete die Regierung das Wort Ausgangssperre nicht – auch wenn es de facto eine war. Jetzt wird das Wort Ausgangsbeschränkung eingesetzt. Erweckt man nicht trotzdem die Assoziation, dass die Bevölkerung ab 20 Uhr eingesperrt wird?

Die gesamte Kommunikation war in den vergangenen Wochen nicht sehr glücklich. Ende des Sommers hat der Kanzler noch vom Licht am Ende des Tunnels gesprochen. Das war zum falschen Zeitpunkt. Denn tatsächlich sind wir erst jetzt in die Tiefe des Tunnels hineingefahren. In Wahrheit hätte es damals Durchhalteparolen gebraucht, nach dem Motto: „Jetzt kommt es noch einmal ganz dick, daher müssen wir die Ärmel hochkrempeln.“

In der Gesellschaft herrscht eine enorme Müdigkeit, was die Maßnahmen betrifft. Warum kann die Gesellschaft nicht mehr Energie aufbringen, um noch ein paar weitere Monate durchzuhalten?

Das Hauptproblem ist die große Verunsicherung. Ein Virus ist immer unkalkulierbar. Beim ersten Lockdown dachte sich die Gesellschaft, dass das Virus im Laufe des Sommers verschwinden wird. Das traf nicht ein. Dazu kommt, dass uns die Wissenschaft nicht helfen kann. Sie kann keine gesicherte Diagnose geben, ob es jetzt nur eine bessere Grippe ist oder tatsächlich eine Seuche. Kommt noch eine dritte Welle oder nicht? Nicht einmal die Todesrate bei den Infizierten ist gesichert, sie schwankt zwischen 0,3 und acht Prozent. All diese Dinge sind sehr unsicher. Die Menschen spüren diese Stimmung und sind nun viel pessimistischer. Es herrscht eine enorme Ernüchterung und Resignation, und deswegen ist der Energielevel zum Durchhalten gesunken. Das Virus ist für mich ein Anti-Narzissmus-Virus. Er zeigt uns, dass unsere Möglichkeiten begrenzt sind, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Beim zweiten Lockdown werden zumindest nicht alle Schulen geschlossen. Wird das den Druck aus den Familien nehmen?

In diesem und in anderen Punkten, wie etwa, dass man die Industrie nicht schließen muss, hat man dazugelernt. Trotzdem bin ich als Psychiater besorgt, denn psychischen Leiden werden zunehmen. Denn dieses Gefühl der Überwachung ist auch für die psychische Gesundheit nicht gut. Die Depressivität, das Suchtverhalten auf Alkohol, aber auch die häusliche Gewalt werden wachsen. Und vor allem die Vereinsamung wird ein Problem. Das wäre in den kommenden Jahren ohnehin ein großes gesellschaftliches Thema geworden. Das, was wir jetzt erleben, ist quasi ein Trockentraining, was künftig relevant wird.

In Wien haben Corona-Skeptiker gegen die Maßnahmen auch am Samstag wieder demonstriert. Warum lässt sich eine gewisse Menschengruppe trotz steigender Infektionszahlen nicht vom Ernst der Lage überzeugen?

Ich als Psychiater nenne diese Gruppe die paranoiden Menschen. Die werden sich nie und nimmer damit abfinden. Diese Menschen werden weiterhin gegen die Maßnahmen ankämpfen und haben es schon während des ersten Lockdowns gemacht.

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