Wiederkehrs Pläne: Wie realistisch ist die sechsjährige Volksschule?
Viele der Punkte sind gar nicht so neu, manche stehen sogar im Regierungsprogramm. Dennoch sorgt der am Dienstag von Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) präsentierte „Plan Z“ zur Reform des Bildungswesens für breite Diskussionen. Nicht zuletzt ein Vorhaben: die Verlängerung der Volksschule auf sechs Jahre.
Warum will Wiederkehr die Volksschule um zwei Jahre verlängern?
Im Bildungsministerium verweist man auf internationale Erfahrungen und Expertenempfehlungen. Demnach sei es für den weiteren Lernerfolg ungünstig, wenn sich die Kinder bereits mit zehn Jahren nach der vierten Klasse Volksschule zwischen unterschiedlichen Bildungswegen entscheiden müssen. Diese frühe Trennung würde für alle Beteiligten eine enorme Stresssituation bedeuten und Bildungsungleichheiten verstärken.
Wie soll die sechsjährige Volksschule aussehen?
Ein detailliertes Konzept kann das Ministerium noch nicht vorlegen. Die Leistungsdifferenzierung zwischen den Schülern soll jedenfalls innerhalb der Schule durch starke individuelle Förderung stattfinden. Etwa in Form von temporären Leistungsgruppen mit hoher Durchlässigkeit, wie es in Wiederkehrs „Plan Z“ erläutert wird. Insgesamt soll die Förderung individueller und zielgerichteter werden.
Was bedeutet das Konzept für Gymnasium und Mittelschule?
Wiederkehrs Vorhaben würde bedeuten, dass die AHS-Langform statt acht nur mehr sechs Jahre dauern würde. Die Mittelschule nur zwei statt bisher vier Jahre. Was die Konsequenz hätte, dass viele Schüler innerhalb von zwei Jahren gleich zwei Mal die Schule wechseln müssten. Im Ministerium verweist man darauf, dass noch Detailplanung nötig sei, um Probleme wie dieses zu lösen.
Warum nicht gleich eine Gesamtschule bis 14?
Weil man keine Chance sieht, dieses Modell umsetzen zu können, wie man im Ministerium einräumt. Tatsächlich werden um die Gesamtschule seit Jahrzehnten stark ideologisch geprägte Grabenkämpfe geführt. Auf der einen Seite traditionell vor allem die SPÖ als Befürworterin, auf der anderen Seite die ÖVP, die diese strikt ablehnt. Die abgespeckte Variante mit einer sechsjährigen Volksschule ließe sich leichter durchsetzen, so das Kalkül Wiederkehrs.
Liegt er damit richtig?
Das kann man nicht behaupten. Für die ÖVP kommt eine sechsjährige Volksschule nicht in Frage. „Das Gymnasium steht für die ÖVP nicht zur Disposition“, hatte Bildungssprecher Nico Marchetti schon im Februar klargemacht. An dieser Tonart hat sich bis heute nichts geändert: „Zwei zusätzliche Jahre ohne ein klares pädagogisches Konzept bedeuten keinen Fortschritt, sondern ein ideologisches Gesamtschulexperiment mit ungewissem Ausgang. Es ist völlig offen, was abseits von Marketingsprüchen die konkrete Verbesserung für die Schüler sein soll“, so Marchetti. Pikantes Detail am Rande: Es war einst ÖVP-Grande Erwin Pröll, mächtiger Landeshauptmann von NÖ, der im Streit um die Gesamtschule die sechsjährige Volksschule als Kompromiss ins Spiel gebracht hatte.
Bei der SPÖ stößt Wiederkehr hingegen auf größere Zustimmung: „Schon seit Jahrzehnten setzen wir uns für eine spätere Trennung der Schüler und eine gemeinsame Schule ein“, sagt Bildungssprecher Heinrich Himmer zum KURIER. Er befürchtet aber, dass eine sechsjährige Volksschule das bestehende System deutlich verkomplizieren würde. Denn noch sei offen, wie die nachfolgenden Bildungsanbote AHS, BHS und Lehre in diesem Modell organisiert wären. Insofern würde Himmer tendenziell eher eine gemeinsame Schule der zehn- bis 14-Jährigen bevorzugen, zumal es dafür schon Vorarbeiten im Rahmen der geplanten Modellregionen gegeben hat.
Was hält die Gewerkschaft von den Plänen?
Wenig bis nichts. Der oberste Lehrer-Gewerkschafter Paul Kimberger vermisst Konzepte zur Realisierung. Offen sei etwa, wie das Modell abseits von größeren Städten organisatorisch und räumlich umgesetzt werden soll.
Wie bewerten Experten Wiederkehrs Vorhaben?
Die Bildungswissenschaftlerin Barbara Schulte ist grundsätzlich für eine Verlängerung der Volksschule. Es nehme viel Druck von den Schülern, wenn sie erst mit zwölf Jahren die Entscheidung über die weiterführende Schule treffen müssten. Eine reine Verlängerung reiche aber nicht aus. Nötig sei ein ganzheitliches Konzept mit einer systematischen Unterstützung der Kinder mit Förderbedarf. Dabei müsse man auch die beiden letzten Kindergartenjahre mitdenken.
Wie lange dauert in anderen Ländern die Volksschule bzw. Primarstufe?
Eine sechsjährige Primarstufe gibt es bereits in 14 der 27 EU-Staaten. Wobei der Schuleintritt zwischen dem fünften, sechsten und siebenten Lebensjahr variiert (siehe Grafik).
In fünf Ländern gibt es eine fünfjährige Volksschule, die vierjährige Variante findet man neben Österreich in sechs weiteren EU-Staaten.
Kindergarten
Bundesweit einheitliche Standards für Gruppengrößen, Öffnungszeiten, Arbeitsbedingungen und Sprachstandserhebung.
Neue Fächer
Ab der Unterstufe bzw. der Mittelschule soll es Fächer wie „Demokratie, Kommunikation und Konfliktlösung“ geben, zusätzlich soll die Wirtschaftsbildung forciert werden.
Bildungspflicht, Mittlere Reife
An bestimmten Punkten wird überprüft, ob die Schüler über zentrale Fertigkeiten, die fürs Berufsleben nötig sind, verfügen. Allen voran Lesen, Schreiben und Rechnen. Ist dies nicht der Fall, werden die Jugendlichen unterstützend weiter begleitet, etwa im Rahmen der Lehre.
Transparenz
Bestimmte schulische Kennzahlen bzw. schulbezogene Indikatoren sollen künftig öffentlich einsehbar sein. Auf Basis dieser Daten sollen Schulen bei Bedarf gezielter als bisher gefördert werden.
Ausbildung
Pädagogische Hochschulen und universitäre Lehramtsangebote sollen zu einer „School of Education“ verschmelzen.
Wie sieht der weitere Fahrplan aus?
Bis Beginn des neuen Schuljahrs will man das Detailkonzept erarbeitet haben, heißt es im Ministerium. Danach will man die sechsjährige Volksschule im Rahmen eines Pilotprojekts testen. Wien, wo ebenfalls die Neos das Bildungsressort innehaben, möchte Modellregion werden.
Doch auch Schulen aus anderen Bundesländern hätten bereits ihr Interesse angemeldet, heißt es. Nach einer Evaluierung soll über eine Ausweitung entschieden werden. Ob sie kommt, ist angesichts der politischen Kräfteverhältnisse aber fraglich.
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