Zwischen Bezirksvorsteher Nevrivy und dem Minister lief der Schmäh, abseits der Kameras gab es ein Vier-Augen-Gespräch.

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Hans Peter Doskozil
08/02/2016

Charmeoffensive an der Basis

SP-Minister tourt durch Österreich – und erinnert damit an einen Altkanzler.

von Raffaela Lindorfer

Im Sommer 2015 ersticken auf der Ostautobahn bei Parndorf 71 Flüchtlinge in einem Kühl-Lkw. In den Wochen danach strömen täglich Tausende Flüchtlinge über die Grenze in Nickelsdorf. Hans Peter Doskozil steht in Polizeiuniform als Krisenmanager im Fokus – und wird weit über Österreichs Grenzen hinaus bekannt.

Jetzt, fast ein Jahr und eine rund 30-minütige Autofahrt von seinem Ministerbüro an der Wiener Rossauer Lände später, schüttelt der ehemalige burgenländische Landespolizeidirektor im Akkord Hände und posiert für Fotos. Er hört aufmerksam zu, als ihm der Museumsdirektor des "Schüttkastens Essling" von der Schlacht bei Aspern 1809 erzählt, später ein Zahnarzt der "Danubemed Dentalklinik" über innovative Behandlungsmethoden doziert – und Gemüsegroßhändler Andreas Wiegert etwas über das hygienische Verpacken von geschnittenem Salat erklärt.

Dergleichen mehr als zehn Stunden lang am Dienstag beim Bezirkstag des SPÖ-Verteidigungsministers in Wien-Donaustadt. Gastgeber ist der rote Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy, der den Minister zu Mittag für ein Vier-Augen-Gespräch auf ein Boot an der Alten Donau entführt.

"Ich finde es wichtig, immer wieder einmal aus dem Büro raus und zu den Menschen zu kommen. Man bekommt in der Politik sonst auf die Dauer einen Tunnelblick", erklärt Doskozil, der seit 26. Jänner die Agenden Verteidigung und Sport hat. In seiner Amtszeit hat er bereits jedes Bundesland, jeden roten Landeshauptmann bzw. roten Stellvertreter besucht. Im Rahmen seiner Sommertour geht er jetzt in die Grätzeln: Gestern Donaustadt, demnächst Simmering. Warum tut er sich das an? Steckt dahinter eine Polit-Strategie – führt Doskozil eine Art Vor-Wahlkampf? Will er sich die SPÖ-Basis aufbereiten, um eines Tages gar Bundeskanzler zu werden?

"Nein", sagt er kopfschüttelnd. "Da habe ich keine Ambitionen. Meine Zeit in der Politik ist begrenzt, bis zur Pension mache ich das sicher nicht. Und in diesem Zeitfenster möchte ich möglichst oft den Kontakt zu den Menschen suchen."

Die Leute würden es goutieren, wenn man für Gespräche zur Verfügung stehe – so unbequem die Fragen auch manchmal sein mögen, merkt er an. Als Polizeichef habe er auch regelmäßig Wachstuben besucht – da sei ja nichts dabei.

Vorbild Gusenbauer?

Doskozil war nicht immer nur Polizist. Er war auch vier Jahre lang im Büro von SPÖ-Landeshauptmann Hans Niessl tätig, hebt Politologe Peter Filzmaier hervor: "Und Niessl lässt sich bekanntlich auf fast jeder Veranstaltung im Burgenland sehen, und wenn es nur ein Zeltfest ist. Bei ihm dürfte er in die Lehre gegangen sein." Die Kontaktfreudigkeit Doskozils erinnert ihn auch an einen – im Nachhinein betrachtet – weniger ruhmreichen SPÖ-Mann: "Alfred Gusenbauer hat 2005, als er noch Oppositionsführer in der Ära Schwarz-Blau und die SPÖ in einer Krise war, eine Tour durch ganz Österreich gemacht. Bei der Wahl 2006 hat die SPÖ dann einen unerwarteten Sieg eingefahren, Gusenbauer wurde Bundeskanzler. Seine Tour wurde dem Wahlerfolg aber nie offiziell zugerechnet", erzählt Filzmaier. Die Situation sei für die SPÖ heute "auch nicht ganz einfach".

Etwa in der Flüchtlingsfrage ist die Partei gespalten, merkt der Politologe Anton Pelinka an: Doskozil ist auf rigoroser Linie seines burgenländischen Ziehvaters Hans Niessl, die Wiener SPÖ verfolgt einen liberaleren Kurs. "Bei diesen vielen Facetten innerhalb der Partei wäre Doskozil dazu geeignet, Frontbegradigung zu betreiben. Auch wenn seine eigene Haltung nicht überall geliebt wird."