Politiker beim Bundesheer: Zwischen Granatwerfer und Zapfenstreich

Jörg Leichtfried
Die anstehende Heeresreform sorgt für Debatten. Wie aber haben die führenden Politiker des Landes ihren Präsenzdienst erlebt?

Österreich muss in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen. Über die Frage, wie das Bundesheer reformiert werden soll, damit sich dieser politische Wunsch erfüllt, will ÖVP-Kanzler Christian Stocker jetzt die Bevölkerung befragen – und das sorgt für Diskussionen, auch innerhalb der türkis-rot-pinken Koalition. 

Aber wissen die Politiker überhaupt aus eigener Erfahrung, wovon sie sprechen? Wie „wehrhaft“ sind sie selbst? Von elf männlichen Mitgliedern der Koalition haben sieben im Bundesheer gedient (der Bundeskanzler übrigens nicht, er war untauglich).

Der KURIER bat sie, ihre Eindrücke aus dieser Zeit zu schildern.

Nahkampfabzeichen beim Jagdkommando

Einer der Wehrhaftesten ist ohne Zweifel der rote Staatssekretär im türkisen Innenministerium: Jörg Leichtfried hat „unter anderem“, wie er sagt, das Nahkampfabzeichen in Bronze beim Jagdkommando. 

Gedient hat er von 1986 bis 1999, war Oberwachtmeister, Beobachtungsoffizier und Milizsoldat in einer Jagdkampfkompanie. „Es war anstrengend, aber man lernt vieles, was man sonst im ganzen Leben nie lernen würde.“ So etwa „auf die unmöglichsten Situationen mit Gelassenheit zu reagieren“, sagt der Staatssekretär für Staatsschutz und Nachrichtendienst.

Gefragt nach einer Anekdote erzählt er: „Meine erste Milizübung habe ich mir eher unaufwendig vorgestellt, bis ich gesehen habe, wer in dieser Kompanie dienstführender Unteroffizier war: der damals sehr bekannte Vizeleutnant Gustav Bayer. Die Übungen waren entsprechend realitätsnah.“

Granatwerfer-Tarnung

Wie er als junger Bursch, kurz nach der Matura, ein drei Mal drei Meter großes und zwei Meter tiefes Loch graben musste, um einen sechs Mann starken Trupp mitsamt Granatwerfer zu tarnen und zu verstecken, ist ÖVP-Innenminister Gerhard Karner am stärksten in Erinnerung geblieben.

Der 58-Jährige, der damals zügig mit dem WU-Studium beginnen wollte, absolvierte seine Grundausbildung und die Waffenausbildung in der Maximilian-Kaserne in Wiener Neustadt. Er habe sich für die vorbereitende Kaderausbildung entschieden, „um als Trupp-Kommandant am schweren Granatwerfer zu agieren“. Sowohl das als auch die Grundausbildung seien „sehr intensiv und fordernd, aber auch sehr abwechslungsreich“ gewesen, sagt er.

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Jörg Leichtfried beim Jagdkommando.

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Mario Kunasek war beim Jägerregiment.

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Michael Ludwig war an der Heeressport- und Nahkampfschule.

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Alexander Pröll war 2008 Grundwehrdiener in der Maria-Theresien-Kaserne.

"Auch viele Stehzeiten"

„Gemischt“ sind die Erfahrungen, die Andreas Babler gemacht hat: „Es gab sehr spannende Etappen, aber auch viele Stehzeiten und nicht sinnstiftende Tätigkeiten.“ Ihm sei bewusst, warum der Wehrdienst von vielen jungen Menschen gar als Zeitverschwendung wahrgenommen werde, weshalb eine „gezielte Attraktivierung des Wehrdienstes“ nötig sei, sagt der SPÖ-Vizekanzler.

Babler hat seinen Wehrdienst 1993 als Kraftfahrer in der Panzerfernmeldekompanie geleistet, war dann ein Jahr Zeitsoldat an der Heereskraftfahrschule in Baden und dort als Ausbildner und in der Versuchsabteilung tätig. Zwölf Jahre lang war er Teil der parlamentarischen Bundesheer-Beschwerdekommission.

Unergründliche Meldepflichten

Josef Schellhorn leistete acht Monate Präsenzdienst und war im Heeresfernmelderegiment II in St. Johann im Pongau als Kommandofernschreiber eingesetzt. „Nach intensiver Grundausbildung, für die ich mich heute noch bedanke, durfte ich die teils unergründlichen Meldepflichten erleben“, sagt der pinke Entbürokratisierungsstaatssekretär. Per Telex übermittelte er etwa Wetterbeobachtungen nach Linz/Hörsching (OÖ).

Der 58-Jährige betont: „Keinen der acht Monate möchte ich missen. Die Zeit hat mich geprägt, mir Bodenhaftung gegeben und gezeigt, wie wichtig klare Zuständigkeiten, funktionierende Kommunikation und gegenseitiger Respekt sind.“

"Viel Zeit im alpinen Gelände"

Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) hat seinen Präsenzdienst zwischen Herbst 1998 und Frühjahr 1999 abgeleistet. Zunächst war er bei den Jägern eingesetzt, dann als Arztschreiber. Woran er sich bis heute gern zurückerinnert? „Nach der Matura erstmals allein in einem neuen Umfeld zu sein, Kameradschaft zu erleben, viele Erlebnisse zu sammeln und viel Praktisches zu lernen.“

„Einen Beitrag für Österreich und zur Landesverteidigung zu leisten und zu verstehen, wie das Bundesheer funktioniert“, das war dem heutigen ÖVP-Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig, ÖVP-Landwirtschaftsminister, wichtig.

Der heute 51-Jährige war in Innsbruck stationiert und verbrachte „einen Großteil der Zeit im alpinen Gelände“, wie er erzählt. Die Zeit sei ihm positiv in Erinnerung geblieben – wegen der Freundschaften „und der guten körperlichen Kondition“. Ein Foto von damals konnte Totschnig nicht auftreiben (ebenso wenig Karner, Babler, Schellhorn und Hattmannsdorfer).

"Körperlich herausfordernd, aber besondere Erfahrung"

Alexander Pröll, ÖVP-Staatssekretär im Bundeskanzleramt, war 2008 Grundwehrdiener in der Maria-Theresien-Kaserne – und rüstete als Gefreiter ab. Auch er betont „den Zusammenhalt und die Kameradschaft“; die gemeinsamen Erfahrungen und Herausforderungen hätten ihn persönlich weitergebracht. „Die Zeit hat mich auf jeden Fall geprägt und viel zu meiner heutigen Disziplin beigetragen.“ Aber auch die hat ihre Grenzen: „5.30 Uhr ist keine Uhrzeit, sondern eine Zumutung. So geht es mir bis heute.“

Disziplin, Verantwortung und Verlässlichkeit hat auch Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) beim Bundesheer gelernt, wie der heute 58-Jährige erzählt. Er war in der Stabskompanie in Linz eingesetzt. In Erinnerung geblieben ist ihm eine Lagerwoche im Hintergebirge: „Dort haben wir die Natur wirklich hautnah erlebt – mit Schnee, Wind und Eis. Das war körperlich herausfordernd, aber gleichzeitig eine besondere Erfahrung.“

Sportlicher Bürgermeister

Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) war einen Großteil seines Präsenzdienstes an der Heeressport- und Nahkampfschule (dem heutigen Heeressportzentrum) eingesetzt. „Die österreichische Neutralität mit Leben zu erfüllen, setzt ein gut ausgebildetes und einsatzbereites Heer voraus. Dafür habe ich in dieser Zeit großen Respekt entwickelt“, sagt der 64-Jährige. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihm der starke Zusammenhalt unter den Kameraden. „Unabhängig von Herkunft oder Funktion war spürbar, dass man gemeinsam Verantwortung trägt.“

"Exzellente Lokalkunde"

Als Wehrmann im Jägerbataillon war Hans Peter Doskozil, SPÖ-Landeshauptmann im Burgenland, tätig. „Die kameradschaftliche Erfahrung war sehr wertvoll, die inhaltliche Ebene war ausbaufähig.“ Wobei die „Lokalkunde“ „exzellent“ gewesen sei, fügt er augenzwinkernd hinzu. Gerade wegen seiner Erfahrungen sei es ihm in seiner späteren Tätigkeit wichtig gewesen, „den Präsenzdienst aufzuwerten und weiterentwickeln“.

Zur „Lokalkunde“ eine Anekdote: „Einmal waren wir zu viert am Abend in einer Disco in der Nähe der Kaserne. Wir hatten die Zeit etwas aus den Augen verloren – um Mitternacht wäre Zapfenstreich gewesen. Kurz vor zwölf begegneten wir einem Kommandanten, der ebenfalls unterwegs war, in privater, weiblicher Begleitung, aber es war nicht seine Frau. Die Situation war uns allen, vor allem dem Kommandanten, sichtlich unangenehm. Wir fragten vorsichtig, ob wir länger bleiben dürften – und er gab uns für diese Nacht frei. Eine dieser Begegnungen, die man nicht vergisst.“

"Sicherheit gibt es nicht umsonst"

Mario Kunasek (FPÖ), ebenfalls Ex-Verteidigungsminister und Landeshauptmann (in der Steiermark), war nach seiner Lehre als Kfz-Techniker 1995 beim Jägerregiment 10 in St. Michael. Die „gelebte Kameradschaft“ habe ihn dann motiviert, beim Bundesheer zu bleiben, obwohl er eigentlich zur Polizei wollte. Erst war er Kraftfahrer im Nachschub und Transportzug, 2005 dann Stabswachtmeister. 

„Sehr prägende Eindrücke“ habe er von seinen Einsätzen an der Staatsgrenze und vor allem von seinem Einsatz in Bosnien-Herzegowina mitgenommen. „Als 23-Jähriger aus dem friedlichen Österreich in ein kriegszerstörtes Land zu kommen war ein abrupter Wechsel“, sagt er. Seither wisse er: „Sicherheit gibt es nicht umsonst, man muss täglich um sie kämpfen.“

Heutiger Oberbefehlshaber wurde nie eingezogen

Zivildienst geleistet haben SPÖ-Finanzminister Markus Marterbauer (beim Verein Wiener Jugendzentren) und Neos-Bildungsminister Christoph Wiederkehr (beim Roten Kreuz in Salzburg). Untauglich war neben ÖVP-Kanzler Stocker auch SPÖ-Infrastrukturminister Peter Hanke.

Dass man allerdings nicht selbst gedient haben muss, um das Sagen zu haben, beweist Bundespräsident Alexander Van der Bellen: Der 82-Jährige ist Oberbefehlshaber, wurde selbst aber nie zum Präsenzdienst eingezogen. Nach seiner Musterung habe er zunächst um Aufschub ersucht, da er damals bereits studierte, wie die Hofburg erklärt. Als er dann nach Auslandsaufenthalten habilitierte und in Innsbruck zum außerordentlichen Professor ernannt wurde, hat sich das Thema offenbar erledigt.

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