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Politik Inland
03/04/2019

Zu dick und psychisch labil: Ein Heer an Untauglichen

Die Leistungsfähigkeit der 18-jährigen nimmt stetig ab. Für das Bundesheer ist das eine Herausforderung, aber schaffbar.

von Christian Böhmer

Das Spektakel dauert zwei Tage, aber das geht in Ordnung, immerhin wird allerhand gemessen und gewogen. Es gilt das Lungenvolumen zu bestimmen und Blutbilder zu erstellen. Die jungen Männer müssen ihre Kraft, die Hör- und Sehleistung testen lassen. Und weil auch die mentale Verfassung eine Rolle spielt, sitzen sie irgendwann auch vor einem Computer und lösen Aufgaben, mit denen sie absichtlich geärgert werden – das Militär will wissen, wie sie auf Frust reagieren.

38.600 junge Österreicher waren im Vorjahr stellungspflichtig, sprich: Es wurde von Amts wegen überprüft, ob sie gesund genug sind, um Militär- oder Zivildienst zu leisten.

Seit Jahren zeigen die Testungen einen bedenklichen Trend: Der Anteil der Untauglichen steigt kontinuierlich, in Wien ist mittlerweile einer von drei jungen Männern nicht mehr fürs Militär zu gebrauchen.

Österreichweit wirken die Zahlen auf den ersten Blick nicht ganz so alarmierend: War vor zehn Jahren einer von fünf 18-Jährigen physisch und/oder psychisch zu schwach, ist es zehn Jahre später jeder vierte.

Mit Sorge

In der Armee beobachtet man die Entwicklung dennoch mit Sorge – und das aus mehreren Gründen. „Zum einen muss man sagen, dass bei der Stellung statistisch gesehen ja die absolut gesündeste Bevölkerungsgruppe des Landes überprüft wird“, sagt Ärztin Sylvia Sperandio, die Chefin des Gesundheitswesens im Militär zum KURIER.

Anders gesagt: In einem Land mit hohem Lebensstandard und einer tadellosen medizinischen Versorgung sollte der durchschnittliche 18-Jährige eher gesünder und nicht kränker sein als frühere Generationen. Dem nicht genug, sind es bisweilen gleich mehrere Einschränkungen, die die Untauglichkeit bedingen – und auch das ist neu.

So haben Haltungsschäden und Stoffwechselerkrankungen in den vergangenen Jahren auffallend zugenommen; in manchen Bereichen um bis zu 20 Prozent.

„Wir sehen mehr Übergewichtige, was etwa auf fehlende Bewegung und hyperkalorische Ernährung zurückzuführen ist“, sagt Sperandio. Diese „Couch-Potatoes“ hätten auch mental öfter Schwierigkeiten. „Unter dem Übergewicht leidet die Psyche, man ist weniger belastbar und stressresistent.“

Reizüberflutet

Mario Wallner, Militärpsychologe und Koordinator für das Stellungswesen im Heer, kann das nur bestätigen.

Konzentrationsfähigkeit und Frustrationstoleranz der 18-Jährigen nehmen merklich ab. „Wir beobachten viel häufiger Überforderungen, die in Ermüdungserscheinungen münden. Die Kinder und Jugendlichen sind offensichtlich reizüberflutet“, sagt er.

Und auch eine andere, beunruhigende Entwicklung ortet er: „Der gesunde Mittelbau nimmt ab.“

Vereinfacht gesagt könne man sich das so vorstellen: Der durchschnittliche 18-Jährige, der eine Lehre oder Schule macht, ein wenig sportelt und einrückt, werde seltener. „Stattdessen nehmen die Ränder zu: Da gibt es die extrem Leistungsstarken und am anderen Ende die sehr wenig Belastbaren.“

Für das Heer ist die sinkende Tauglichkeit – noch – kein Problem. „Wir können de facto 18 Jahre im Vorausplanen und haben die Zahl der Funktionssoldaten stark gesenkt“, sagt Ministeriumssprecher Michael Bauer. Soll heißen: Wenn weniger Rekruten einrücken, werden weniger im Feld ausgebildet. Für die Systemerhaltung sind es allemal genug.

Das wahre Problem sieht Militär-Ärztin Sperandio wo anders: „Mit 18 hat man schon Verhaltensmuster, die sich mitunter nur mit Mühe ändern lassen. Die stark Übergewichtigen von heute sind die Zuckerkranken von morgen.“