Politik | Inland
26.04.2018

"Brunnen vergiften": Strache provoziert mit Sager gegen Kern

Ausgerechnet zu Antisemitismus-Vorwurf beim Thema Soros brachte der FPÖ-Chef einen problematischen Vergleich.

Weit weniger sachlich und amikal als vergangene Gespräche zwischen den beiden Politikern in diesem Ö1-und ORFIII-Format verlief die gestrige „Im Klartext“-Diskussion zwischen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und SPÖ-Chef Christian Kern.

Zu einem negativen Höhepunkt kam es beim Thema George Soros. FPÖ-Klubchef Johann Gudenus hatte ja von "stichhaltigen Gerüchten" gesprochen, dass der US-Investor die Migrationsströme nach Europa gesteuert habe. Strache baute die Vorwürfe am Mittwoch sogar aus: Das seien "Fakten" und keine Gerüchte. Man solle darüber sachlich diskutieren. Die Konfession Soros' - der Jude ist - spiele dabei keine Rolle.

"Soros wird von Neonazis und Identitären zum Feindbild gemacht, und sie dreschen jetzt auch noch drauf", schimpfte Kern. „Das dreht vielen den Magen um“, sagte der nunmehrige Oppositionsführer.

Strache dreht den Spieß einfach um

Interessant war, wie Strache die Angriffe konterte. Den Vorwurf, hier antisemitisch gegen einen Mann jüdischer Herkunft zu agieren, tat der nunmehrige Vizekanzler als "paranoide Weltverschwörertheorie" ab. Interessant ist das deshalb, weil der ungarischstämmige Holocaust-Überlebende Soros zentrale Figur einer Verschwörungstheorie ist, die durch eine Kampagne der Orbán-Partei Fidesz in Ungarn sogar zu einer Art Staatspolitik wurde.

Aber Strache ging beim Umdrehen des Spießes noch weiter: „Sie sind derjenige, der versucht, da oder dort den Brunnen zu vergiften“.

"Brunnenvergifter"-Mythos

Viele Kommentatoren im Internet wiesen auf den Umstand hin, dass der FPÖ-Chef auf den Vorwurf des Antisemitismus just mit einem weit verbreiteten antisemitischen Code antwortete.

Es ist ein uralter Mythos aus dem Mittelalter, dass Juden sich als „Brunnenvergifter“ betätigen würden. Zur Zeit der großen Pestepidemie im Europa des 14. Jahrhunderts diente diese antijüdische Verschwörungstheorie als einfaches Erklärungsmodell für die todbringende Seuche. Hunderttausende Juden fielen den folgenden Pogromen zum Opfer.

Ob Zufall oder nicht – Strache warf Kern dann auch noch vor, als Sozialdemokrat in diesem Fall nichts gegen „heuschreckenkapitalistische Entwicklungen“ zu haben, wie Soros sie als Spekulant vorantreibe.

Auch das sogenannte "Finanzjudentum" ist ein weit verbreiteter Code in verschwörungstheoretischen Foren.

Strache beruft sich auf Israel und Netanjahu

Geradezu als Kronzeugen für seine Position rief Strache erneut Benjamin Netanjahu auf. Kern wolle "hoffentlich nicht den israelischen Ministerpräsidenten mit seiner Kritik gemeint haben und als Antisemit definieren, oder andere aus diesem Bereich", sagte Strache. "Denn da sind viele jüdische Mitbürger, die auch Kritik an ihm (Soros, Anm.) üben, aufgrund seiner politischen Position"

Tatsächlich ist Netanjahu nicht gut auf Soros zu sprechen. Der US-Milliardär stecke hinter einer Kampagne in Israel gegen die Abschiebung afrikanischer Flüchtlinge in Drittländer, behauptete Netanjahu im Februar nach entsprechenden Medienberichten. Soros unterstützt liberale Organisationen in Israel und gilt als Kritiker der rechts-religiösen Regierung von Netanjahu.

Boykott von FPÖ-Ministern

Die Regierung Netanjahu zeigt sich aber auch gegenüber Straches Partei mehr als skeptisch. Israel hatte nach der Regierungsbildung im Dezember 2017 bekanntgegeben, dass mit Ministerien, in denen FPÖ-Minister an der Spitze stehen, bis zu einer Neubewertung des Umgangs mit der neuen Regierung "nur berufliche Kontakte zu den Beamten" unterhalten werden. Eine Neubewertung ist bis dato trotz mehrerer Beratungen im außenpolitischen Ausschuss der Knesset nicht erfolgt.