Politik | Inland
28.11.2017

Bildungsexperte Salcher: "Lehrer nach Leistung bezahlen"

Schulniveau soll mit Anreizen und Sanktionen für alle angehoben werden, meint Bildungsexperte Andreas Salcher.

KURIER: Herr Salcher, wie beurteilen sie die Stoßrichtung der türkis-blauen Schulpolitik?

Andreas Salcher: Das Entscheidende ist für mich das klare Bekenntnis zum Ausbau der Kindergärten. Dafür habe ich mich auch massiv selbst eingebracht. Wenn wir da in Zukunft Spitze sind, werden sich mittelfristig viele Probleme von alleine lösen. Dazu braucht es eine Verlässlichkeit in der Bildungsstafette von Kindergarten bis zur Matura. Und zweitens muss man das Lehrerbild ins 21. Jahrhundert bringen.

40.000 Schüler sprechen nicht richtig Deutsch – haben wir da Handlungsbedarf?

Das ist allen klar. Deshalb soll es jetzt ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr für alle geben, die es brauchen. Erst, wenn die Sprachkenntnisse und andere für die Entwicklung relevanten Faktoren ausreichen, soll ein Kind in die Regelklasse. Dann kann es nicht mehr passieren, dass in einer Volksschulklasse 80 Prozent dem Unterricht überhaupt nicht folgen können. Da ist eine Lehrerin mit 25 Kindern massiv überfordert und das Problem schiebt sich in die Neue Mittelschule weiter.

Sie sagen, wenn wir jetzt die besten Kindergärten schaffen, haben wir in zehn Jahren das beste Schulsystem der Welt. Was ist der Plan?

Wir sind das einzige EU-Land neben der Slowakei, wo die Kindergartenpädagoginnen keine akademische Ausbildung haben. Wenn erst die Leiterinnen und dann alle Pädagoginnen eine höhere Ausbildung bekommen, ist klar, dass der Beruf eine neue Wertigkeit bekommt. Aber auch, dass die mehr Geld kosten. Das werden die Länder und Gemeinden nicht alleine stemmen können. Zunächst halte ich es für richtig, die Kindergärten ins Bildungsministerium zu holen, denn sie sind keine Aufbewahrungs-, sondern Bildungsstätten.

Die Wirtschaft jubelt über die so genannte Ausbildungsreife – also Mindeststandards in Lesen, Schreiben und Rechnen.

Ja, es muss ganz klare, objektive Standards geben. Es kann nicht sein, dass man einen 15-Jährigen, der nicht sinnerfassend lesen oder die Fläche eines Quadrats ausrechnen kann, auf Lehrstellensuche schickt. Unternehmen können nicht Ersatz-Schule spielen.

Angedacht sind Sanktionen für Eltern wie die Kürzung der Sozialleistungen.

Jetzt werden einige aufschreien, dass man bei den Ärmsten der Armen nicht sanktionieren darf. Ich denke aber, es muss ein System an Anreizen und Sanktionen geben, um die Eltern dazu zu bringen, an der Bildungspflicht ihrer Kinder mitzuwirken. Sonst werden die Ärmsten immer die Ärmsten bleiben und keine Lebenschancen haben. Ein signifikanter Teil von Schülern kommt oft wochenlang nicht in die Schule. Das Zusammenspiel der sozialen Institutionen funktioniert offenbar nicht ausreichend.

Bekommen die sogenannten Brennpunktschulen in urbanen Gebieten dann mehr Geld?

Ja, aber nicht nach einem strikten Index. Es ist vollkommen klar, dass Schulen, die aufgrund von regionalen oder sozialen Bedingungen das Geld bekommen sollen, das sie brauchen, um ihre Aufgaben zu erfüllen.

Eine Forderung der Schüler war ja eine Art Feedback-System.

Ja, das anonyme Feedback der Schüler ist die Basis von Gesprächen des Direktors mit seinen Lehrern. Das ist in allen Unternehmen üblich, nur in den Schulen nicht.

Wenn ein Lehrer gut und beliebt ist, kriegt er mehr Geld?

Klar ist: Wenn es ein einheitliches Bundesgesetz für Pädagogen aller Schultypen gibt – mit leistungs- und output-orientierter Besoldung – dann wird nicht mehr derjenige profitieren, der die meisten Stunden und Überstunden macht – sondern die engagierten Lehrer, die auch viel Zeit in die Beziehung zu ihren Schülern investieren und aktiv an der Schulentwicklung mitwirken.

Für wie sinnvoll halten Sie Ziffernnoten in der Volksschule?

Derzeit gibt es verpflichtende Ziffernnoten erst ab der 4. Klasse Volksschule. Da wird dann von null auf hundert Druck aufgebaut mit Noten, die entscheiden, ob man ins Gymnasium darf. Da halte ich es für fairer, früher Notenwahrheit herzustellen, damit Eltern klares Feedback bekommen. Mein Herz hängt aber nicht daran, ob das bereits in der 1. Klasse sein muss.

Und wie soll dann festgestellt werden, ob ein Kind ins Gymnasium darf?

Was passiert derzeit? Da gibt es Eltern, die Interventionspotenzial haben und Druck auf die VS-Lehrerin ausüben und dann gibt es jene aus eher bildungsfernen Schichten, wo die Eltern sogar verhindern, dass geeignete Kinder in die AHS kommen. Es braucht daher neue Verfahren, um den Eltern zu sagen: Dieses Kind sollte ins Gymnasium, und dieses kann mit einer Lehre besser Karriere machen. Über die Einführung von Aufnahmetests an der AHS können diese aber autonom entscheiden.

Welchen Zeitrahmen stellen Sie sich für die Umsetzung dieser Reformen vor?

Eine Regierung legt ihr Programm ja auf fünf Jahre an, meiner Meinung nach müssen die Weichenstellungen aber in den nächsten sechs Monaten passieren.