Politik | Inland
09.11.2013

Barbara Prammer: "Das läuft wie in einem Film ab"

Die Nationalratspräsidentin spricht im KURIER-Interview über ihre Krebserkrankung.

KURIER: Frau Präsidentin, Sie absolvierten diese Woche einen regelrechten Interview-Marathon. Warum?

Barbara Prammer: Viele Medien wollten unmittelbar nach Bekanntwerden meiner Krankheit Interviews mit mir führen. Das habe ich damals, wegen des Wahlkampfes abgelehnt. Da die Medien alle sehr fair mit mir umgegangen sind, fühle auch ich mich verpflichtet, fair zu sein und jetzt alle diese Anfragen abzuarbeiten.

Fühlten Sie sich verpflichtet, Ihre Erkrankung kraft ihres damaligen, wie jetzt bestätigten Amtes als Nationalratspräsidentin kundzutun?

Damals war es für mich die logische Notwendigkeit, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Erstens würde es auffallen, wenn man sich doch ein Stück weit zurücknimmt, was ich ja tue. Weiters wollte ich keine Vermutungen, Gerüchte, Spekulationen. Man muss der Situation einfach ins Auge schauen. Ich bin eine öffentliche Person, und daher gibt es für mich so etwas, wie eine Informationspflicht, das Nötige, aber nicht alles zu sagen.

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Barbara Prammer

Barbara Prammer

Denken Sie manchmal an die Zeitspanne von Montag, dem 9. September, dem Tag, an dem Sie Schmerzen bekamen, ins Krankenhaus gingen, über die erste Diagnose bis hin zur ersten Chemotherapie und zur Pressekonferenz am Freitag, dem 13. September?

Ich schaue nach vorne und nicht zurück. Ich habe Glück gehabt, dass diese Phase so kurz war. Dass ich keinen Durchhänger hatte. Es ist mir, glaube ich, vieles von dem erspart geblieben, was Menschen in meiner Situation, also Krebserkrankte, durchmachen müssen, nämlich das Warten auf die Diagnose. Die Ärzte waren sehr bedacht darauf, rasch zu wissen, was Sache ist.

An was oder wen dachten Sie nebst der Diagnose? An sich? Als zweifache Mutter an Ihre Kinder? An Ihren Beruf?

Man denkt an all das gar nicht. Ich hatte am Anfang das Gefühl: Man spricht nicht über mich. Das bin jetzt gar nicht ich.

Sondern?

Das läuft wie in einem Film ab, in dem man gar nicht mitspielt. Man nimmt vieles gar nicht wahr. Das, was man so oft in Reportagen oder Filmen sieht und hört, ist tatsächlich so. Ich hatte immer jemanden bei mir. Meine Tochter hat mich oft begleitet, mein Sohn, meine Geschwister, auch das Büro war eingebunden. Ich habe so vieles nicht gehört, nicht wahrgenommen.

Möchten Sie eine Begebenheit nennen, an die Sie beispielsweise Tochter Julia jetzt erinnert?

Ich weiß nicht, ob ich das möchte. (denkt nach) Zum Beispiel die Essgewohnheiten. Was jetzt wirklich ansteht, worauf ich achten muss. Da habe ich vieles nicht wahrgenommen. Ich darf kein Gewicht verlieren, muss sehr bewusst essen. Ich habe mehrere Beratungsrunden gezogen, um zu wissen, wie das funktioniert. Meine Tochter ist immer daneben gesessen und hat fleißig mitgeschrieben. Sie hat sich das meiste gemerkt und ich nicht. Ich habe dann erst später ihre Zettel zur Hand genommen, darauf geschaut und gesehen: Aha, das ist auch gesagt worden.

Gibt es neben den Essgewohnheiten Dinge, die sich in ihrem Alltag grundlegend geändert haben, respektive Dinge, die sie einbauen müssen?

Das bewusste Essen ist ganz wichtig. Und: Mehr Schlaf habe ich mir verordnet. (lacht)

Mit wie viel Stunden Schlaf kamen Sie früher aus?

Na ja, fünf Stunden dürften schon die Norm gewesen sein. Eher weniger denn mehr. Da ist natürlich jetzt nicht mehr so. Ich kann mittlerweile sieben, acht Stunden schlafen. Früher habe ich immer gesagt: Des konn i goa ned! Sie glauben gar nicht, was man alles kann, wenn man nur will. (lacht)

Welchen Politikern galt Ihr erster Anruf nach der Diagnose?

Es gab zwei Menschen, die ich ganz rasch informiert habe. Das waren der Linzer Bürgermeister Franz Dobusch, weil Linz ja nach wie vor meine politische Heimat ist, und gleichzeitig natürlich der Parteivorsitzende Werner Faymann.

Gab es Menschen, im engeren wie weiteren Umfeld, die mit Ihrer Erkrankung für Sie nicht adäquat umgegangen sind?

Ich möchte keine Namen nennen. Natürlich habe ich im politischen Umfeld Personen bemerkt, die mir ausgewichen sind. Das Einfachste ist zu sagen: „Ich wünsche Dir alles Gute.“ (lacht)

... und die gerade noch Gruß gebende Hand beiseite zu drücken, wie Sie das eben gemacht haben?

Ja. Und das ist auch okay so. Man will nicht alle fünf Minuten alles ausbreiten und darüber reden. Das Bedürfnis habe ich gar nicht. Ich meine das gar nicht vorwurfsvoll. Das ist Realität, hat nichts mit Politik zu tun und ist zutiefst menschlich.

Unterbinden Sie gelegentlich die Frage „Wie geht es dir“?

Ja. Es war und ist mir auch ganz wichtig, dass ich, wie in der Vergangenheit, an meiner Arbeit gemessen werde. Nicht mehr und nicht weniger. Ich will weiter kritisiert werden, unterstützt werden auch von anderen Fraktionen. Diese Normalität ist auf weiten Strecken schon eingetreten und wird es auch weiterhin, davon bin ich überzeugt.

Seit September haben Ihnen viele Menschen geschrieben, heißt es. Was bedeutet Ihnen diese Anteilnahme?

Sie gibt Mut und Kraft. Ich war erstaunt und bin wirklich überrascht worden über die Intensität und Dichte. Gleichzeitig zeigt es mir die Lebensrealität von Betroffenen. Ich bin eine von 50.000, die jedes Jahr in Österreich an Krebs erkranken. Ich bin keine besondere Person, kein Einzelfall. Ich war überrascht, wie sehr Krebs tabuisiert wird.

Welche Tabus meinen Sie?

Wie man mit der Krankheit umgeht. Krebs vor 20 Jahren und heute, das ist ja wie Tag und Nacht. Viele wissen das nicht. Natürlich sind die Verläufe und deren Ausgang unterschiedlich. Zunehmend sprechen die Ärzte davon, dass Krebs, wenn schon nicht immer heilbar doch eine chronische Krankheit wird. Das hat maßgebliche Konsequenzen. Wenn heute Menschen aus dem Berufsleben gerissen werden, weil man sagt: „Sie hat Krebs und ist keine vollwertige Person mehr“, dann entzieht man diesem Menschen den Boden unter den Füßen. Das ist eine Katastrophe. Es ist kein Zufall, wenn meine Ärzte, in meinem Fall Professor Zielinski, sagen: „Weiterarbeiten ist für mich Teil der Therapie.“ Ich glaube, das gilt für viele Menschen. Gleichzeitig gibt es viele, die gerne nicht arbeiten würden, aber es sich nicht leisten können.

Dass Sie wieder arbeiten werden, stand immer außer Frage?

Ja, auch dank Professor Zielinski.

Dass Sie sich in die Obhut des Professors und ins Wiener AKH begeben und nicht in Linz weiterbehandelt werden auch?

Ich bin zuerst im Linzer AKH gewesen, dort wurde Krebs diagnostiziert. Ich bin den Ärzten sehr dankbar. Sie waren unglaublich kompetent. Die Frage war natürlich Linz oder Wien. Nachdem aber klar war, dass ich die meiste Zeit in Wien verbringen werde, war es auch für die Onkologen vor Ort kein Thema, sofort mit dem Wiener AKH Kontakt aufzunehmen.

Mit wem tauschen Sie sich regelmäßig, abseits der Ärzte, aus? Gibt es noch regeren Kontakt zu ihren Kindern oder gar Kontrollanrufe?

Ja, ja, (schmunzelt). Ich habe schon manchmal ganz salopp gesagt: „Ich wurde eindeutig von meinen Kindern adoptiert.“ Was sehr schön ist, dass sie viel häufiger zu mir nach Wien kommen, als das in der Vergangenheit der Fall war. Wir stehen alle mitten im Berufsleben. Das ist alles nicht so einfach. Es ist sehr bemerkenswert und toll. Ich habe auch drei Geschwister. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Personenkreis von fünf Menschen, von denen ich, wenn man so will, rund um die Uhr betreut werde.

Wie kann ich mir einen Abend oder ein Wochenende der Familie Prammer in Wien vorstellen?Sie würden sich wundern, wie ein Abend so aussieht! (lacht laut auf) Es ist nämlich so was von stinknormal. Etwas leger gekleidet und das ist schwer untertrieben ...

In Jogginghose vor dem Fernseher?

Natürlich! Und natürlich ohne jegliche Schminke und ohne entsprechende Frisur, dass man auch nur eine Minute außer Haus gehen könnte... (lacht währenddessen) Wir sehen fern, es gibt gemeinsame Spieleabende.

Haben Sie sich seit September je die Frage des „Was wäre wenn“ oder „Hätte ich doch“ gestellt?

Ich weiß nicht, ob ich jemals selber zu grübeln begonnen hätte, und ich hoffe, dass ich nicht noch zu grübeln beginnen werde. Diesbezüglich haben mir die Ärzte sehr weitergeholfen, die die Befürchtung hatten, dass es da Zurufe gibt wie „Der Lebenswandel führt zu Krebs“, was ein Unsinn ist. Natürlich ist nicht alles gesundheitsfördernd, was ein Politikerleben ausmacht. Ich bin eine von 50.000 Krebskranken. Ich könnte genauso gut über die Straße gehen und von einem Auto überfahren werden.

Das ist ein sehr pragmatischer Zugang.

Man kann nicht in die Zukunft schauen. Ich nehme es, so wie es ist.

Anders gefragt: Relativieren sich gewisse Dinge im Alltag? Denken Sie über die Endlichkeit nach?

So anders gestaltet sich mein Leben gar nicht. Es ist aber auch alles noch sehr kurz her. Ob das später noch so sein wird, kann ich nicht beurteilen. Ich habe aber auch nicht die Zeit, darüber nachzudenken: Was in meinem Leben könnte ich versäumt haben? Was muss ich noch alles machen? Wer weiß, wie lange es gut geht? Ich glaube, es stellt sich mit zunehmendem Alter generell die Frage: Habe ich mich genug ernst genommen?

Haben Sie sich denn ernst genommen?

Ein konkretes Beispiel: Ich habe große Liebe zur Musik, vor allem zur klassischen Musik , und gehe gerne in die Oper. Ich bin jetzt schon eine lange Zeit in Wien und habe eine geraume Zeit gebraucht, endlich regelmäßig in die Oper zu gehen. Die ersten zehn Jahre habe ich das nicht getan; in den letzten fünf bis sechs Jahren aber sehr wohl. Ich hörte ständig, was ich alles versäumt habe. Aber ich wollte bei denen dabei sein, die nichts versäumt haben. Das alles hat aber nichts mit dem Umstand, krank zu sein, zu tun.

In ihrem Buch heißt es, dass Ihnen nicht nur ein Mal gesagt wurde „Du bist ja wie die Johanna Dohnal.“, was Sie aller Voraussicht nach als Kompliment nehmen. Welche Eigenschaften hätte eine Frau, der man sagt „Du bist ja wie die Barbara Prammer“.

Keine Ahnung, ich weiß nicht.

Politisch?

Mittlerweile, glaube ich und freut mich, dass ich bei jüngeren Frauen als Vorbild unter Anführungsstrichen gesehen werde.

Warum Vorbild unter Anführungsstrichen?

Weil ich nichts davon halte, einem Menschenbild nachzueifern. Ich wollte nie wie Johanna Dohnal sein. Ich bin leiser, ruhiger, was nicht heißt, dass ich deswegen inkonsequenter bin. Jeder und jede muss seinen, ihren Weg finden. In diesem Sinne Vorbild sein – das wäre ich gerne.

Gibt es dennoch Eigenschaften, die Sie nennen wollen? Beharrlich, wenn es um die Sache geht?

Feig war ich nie! Und ich bin nicht selten ins kalte Wasser gesprungen. Das ist etwas, was ich auch gerne in Frauenrunden sage: „Traut Euch! Sagt nicht nein, wenn Ihr eine Chance bekommt. Scheitern kann man immer. Wissen tue ich es erst, wenn ich es probiert habe. “

Feig waren Sie auch als Schülerin nicht. Sie sind, mit Ihrem Sohn schwanger, zur Matura angetreten. Haben Sie damals überlegt, nicht die Matura zu machen?

Nein! Ich habe immer sehr viel Glück gehabt. Der Rückhalt in meiner Klasse, von meinem Klassenlehrer war enorm. Die hätten gar nicht zugelassen, dass ich nicht antrete. Das weiß ich sehr, sehr zu schätzen.

2001 trennten Sie sich von Ihrem Ehemann. (Anm. Wolfgang Prammer wurde 1997 der sexuellen Belästigung beschuldigt und freigesprochen.) War es damals auch keine Frage, an die Öffentlichkeit zu gehen?

Absolut. Weil es nicht verheimlichbar war. Und bevor jemand herumstochert und nachfragt, sage ich etwas dazu und ziehe gleichzeitig eine Grenze: Bis hierher und nicht weiter! Es gibt Situationen im Leben, denen soll man nicht ausweichen.

Von der Standesbeamtin zur Präsidentin

Die Tochter von Christine und Leopold Thaller kommt am 11. 1.1 954 im oberösterreichischen Ottnang am Hausruck zur Welt. Wie ihre drei Geschwister Sylvia, Klaus und Elisabeth wird Barbara Thaller als Kind einer Bergarbeiterfamilie früh politisch sozialisiert. Zur HAK-Matura 1973 tritt sie im sechsten Monat schwanger zu Sohn Bertram an. Die junge Mutter tritt der Gewerkschaft, Jungen Generation und SPÖ bei. Ihr Standesbeamtin-Dasein in ihrer Heimatgemeinde gibt sie 1978 auf – da sie erstmals „die gläserne Decke“ zu spüren bekommt – und zieht nach Linz, um Soziologie zu studieren. 1980 heiratet sie Wolfgang Prammer, noch im selben Jahr kommt Tochter Julia zur Welt. Sie arbeitet als Sozial- und Berufspädagogin, später beim AMS. Derzeit ist sie von der Stelle karenziert. 1991 zieht die zweifache Mutter in den oberösterreichischen Landtag ein. 1995 wird sie als erste Frau Mitglied der Landesregierung, 1997 wechselt sie als Frauenministerin ins Kabinett Klima. Erneut als erste Frau wird Prammer 2006 zur Präsidentin des Hohen Hauses gewählt, am 29. Oktober 2013 mit 83,5 Prozent im Amt bestätigt.