Bildungsministerin Heinisch-Hosek: Die Schulleitung soll selbst entscheiden, wann und ob die Schulglocke läuteten soll
 

© APA/BKA/ANDY WENZEL

Schulautonomie
09/11/2014

Aus für Schulglocke: Grünes Licht für flexiblen Unterricht

Die leidigen 50-Minuten-Einheiten sollen weg, der Schulbetrieb soll viel flexibler werden.

von Bernhard Gaul

Drei große Bildungsprojekte dürften bei der Regierungsklausur in zwei Wochen angegangen werden: Der Ausbau der ganztägigen Schulformen – der ist im Budget eingepreist; ein besserer Übergang zwischen Kindergarten und Volksschule; und ein erster Schritt für mehr Autonomie an den Schulen. Denn diese Projekte würden kaum zusätzliches Geld benötigen.

"Bei der Autonomie möchte ich darauf pochen, dass die Zeitautonomie für Schulen eine größere Rolle spielt. Dass die Schulglocke alle 50 Minuten läutet, das soll weg, das ist ein leidiges Thema. Die 50-Minuten-Einheiten sollen aufgelöst werden, damit mehr Flexibilität im Schulbetrieb möglich wird", beschreibt Gabriele Heinisch-Hosek den Vorstoß.

Dazu seien auch Verfassungsbestimmungen notwendig, sagt die Ministerin, "die Bund-Länder-Arbeitsgruppe arbeitet da schon dran. Es wird schon bald erste Zwischenergebnisse geben".

Und Nein: Ganz aufgelöst soll der bisher übliche Stundenplan nicht werden, betont die Ministerin. "Es geht einfach darum, dass den Schulen ermöglicht werden soll, autonom zu entscheiden, wie der Schultag eingeteilt werden soll, damit alle Formen von pädagogischen Konzepten individuell verwirklicht werden können."

Schulstart NEU

Nächstes wichtiges Projekt des Ministeriums ist der "Schulstart Neu": Statt des oft für die Kleinen brutalen Wechsels vom Kindergarten in die Volksschule soll nun ein sanfterer Übergang ermöglicht werden.

Das Problem dabei, erklärt Heinisch-Hosek so: Die Eindrücke und Erfahrungen der Kindergarten-Pädagogen "versickern und verschwinden" – sie würden also nicht an die Volksschullehrer weitergegeben. "Es gibt derzeit keine Schnittstelle zwischen diesen Bildungseinrichtungen. Der Datenschutz verwehrt, dass die Kindergarten-Pädagogen und die Pädagogen an den Volksschulen gegenseitig in die Institutionen kommen, um die Kinder kennen zu lernen und sie weiter begleiten zu können."

Kick-off

Jetzt sollen die Bildungseinrichtungen näher zusammenrücken. 35 Volksschulen werden im Rahmen eines Projekts mit Partner-Kindergärten kooperieren und zwei Jahre gezielt unterstützt.

Das Projekt soll ab 2016/2017 flächendeckend in ganz Österreich umgesetzt werden. Der Nutzen, sagt Heinisch-Hosek, sei klar: "Damit können die Stärken und Fähigkeiten der Kinder weiter gegeben werden, und die Volksschullehrer wissen, worauf sie achten müssen und den Kindern die nötige Zeit einräumen, die sie brauchen." Kinder würden sich speziell in der Schuleingangsphase zwischen dem fünften und dem siebenten Lebensjahr in einem unterschiedlichen Tempo entwickeln, "und das müssen wir ihnen auch zugestehen".

Ein weiterer Plan der Regierung: 200.000 Plätze (30 Prozent) in ganztägigen Schulformen bis zum Schuljahr 2018/19 zu schaffen. Das kostet in den kommenden fünf Jahren zusätzlich rund 400 Millionen Euro.

Posten des Stadtschulratsvize abschaffen? Länder uneinig

Der Disput zwischen SPÖ und FPÖ in Wien um den Vizestadtschulratspräsidenten hat zu einer Debatte darüber geführt, ob dieser Posten abgeschafft werden soll.

Für Bürgermeister Michael Häupl ist das Amt verzichtbar. Um es abzuschaffen, wäre aber eine Verfassungsänderung nötig. SPÖ-Klubchef Andreas Schieder und ÖVP-Klubobmann Reinhold Lopatka zeigten sich im ORF-Radio gestern diskussionsbereit – vorausgesetzt der Vorschlag komme von den Ländern. Dort sind die Meinungen aber geteilt.

Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser sagte im ORF-Mittagsjournal, der Posten des Vize-Landesschulratspräsidenten mache "aus Kontrollgründen" Sinn. Die Opposition könne so "Einblick in die Abläufe bekommen". In Kärnten ist das Amt blau besetzt.

Niederösterreichs Landesrätin Barbara Schwarz befindet, nur den Posten des "Vize" abzuschaffen, sei "Kosmetik". Die Schulverwaltung könne aber zugunsten der Länder insgesamt verschlankt werden.

In Tirol und Vorarlberg sind laut Lopatka die Landesschulratspräsidenten eingespart worden. Die Aufgaben würden von den Bildungslandesrätinnen miterledigt.

Das lehnt Wiens Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch ab. Wien könne nicht mit kleinen Bundesländern verglichen werden.

Die vorrangigen Reformen für die Schulen

Schulautonomie Durch das Aus für die Schulglocke – und damit die starren 50-minütigen Lerneinheiten – soll den Schulen eine flexiblere Gestaltung des Alltags ermöglicht werden, die Schulleitung soll autonom entscheiden. So kann ein ganzer Tag dem Sport, der Kunst oder wissenschaftlichen Projekten gewidmet werden, ohne, dass das Läuten der Glocke die Arbeit der Schüler unterbricht.

Schulstart Neu Kindergartenpädagogen verbringen viel Zeit mit "ihren" Kindern, das Wissen über Stärken und Schwächen geht mit dem Übergang in die Volksschule verloren. Nun soll die Schnittstelle zwischen den Institutionen verbessert werden.

Ausbau Ganztagsschule Bis 2018/2019 sollen 200.000 Ganztagsplätze geschaffen werden.

Die Schule lernt jetzt, wie sie besser lernt

Gestern hat die Redaktionskonferenz etwas länger gedauert. Wir suchten eine Schlagzeile mit dem Thema "Schule", das stand bald fest. Aber was ist wichtiger? Dass endlich Reformen in Gang kommen – oder dass Eltern ins Gefängnis gehen, weil sie ihre Kinder nicht am Schuleschwänzen hindern?

Es ist traurig, wenn Eltern so dumm sind und sich nicht um die bestmögliche Ausbildung ihrer Kinder sorgen. Ob sie durch ein paar Tage im Gefängnis gescheiter werden? Wahrscheinlich nicht.

Aber es ist ein Skandal, dass unzählige Regierungen in Bund und Ländern seit Jahrzehnten sinnlose Schuldebatten führen und dabei die Zukunft unserer Kinder im globalen Wettbewerb gefährden. Endlich tut sich etwas, schön langsam halt. Dabei ist es keine neue Erkenntnis, dass das starre Stundenschema das Lernen in Gruppen und Projekten erschwert. Und jetzt braucht man ein Verfassungsgesetz und Gespräche mit den Ländern, um den Unsinn abzuschaffen. Aber immerhin.

Die kleinen Verbesserungen im Schulsystem sind unter anderem auf Vorschläge von Andreas Salcher zurückzuführen. Dass Salcher den neuen ÖVP-Chef Mitterlehner berät, wurde von der schwarzen Lehrergewerkschaft mit viel Häme kommentiert. Salcher sei kein Experte. Aber kann nur Experte sein, wer sein ganzes Leben in Klassenzimmern verbracht hat?

Wer in diesen Tagen in Betriebe geht, hört überall dasselbe Lied: Egal, ob junge Leute nur die Pflichtschule absolviert haben, Matura oder ein Studium haben – viele sind nicht für das Berufsleben vorbereitet. Wer in dieser Situation noch um Kompetenzen streitet, anstatt die Ausbildung zu verbessern, gehört schnell abgewählt.

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