Der SPÖ-Kanzler scheut die direkte Konfrontation mit dem FPÖ-Chef nicht.

© APA/ROBERT JAEGER

Konfrontation
11/23/2016

Auftakt zum rot-blauen Kanzler-Duell

Christian Kern und Heinz-Christian Strache trafen erstmals zum Streitgespräch aufeinander.

von Johanna Hager, Karin Leitner

Der eine ist mit seiner Partei Nummer 1 und Kanzler, der andere will mit seiner Partei Nummer 1 und selbst Kanzler werden. Das scheint möglich: In allen Umfragen ist die FPÖ derzeit an der Spitze – und vor der SPÖ. Und so wird das kommende Wahlkampf-Match zwischen Christian Kern, der die Roten seit Mai führt, und Heinz-Christian Strache, der den Blauen seit zehn Jahren vorsteht, ein heftiges werden.

Einen Vorgeschmack hat es Mittwochabend gegeben. Kern und Strache standen einander im ORF-Radio-Kulturhaus gegenüber – "Klartext" war gefragt. (die Sendung zum Nachsehen gibt's auf ORF III; einige Zitate der beiden Diskutanen lesen Sie unten) Eine ungewöhnliche Konstellation: Normalerweise duellieren sich ein Kanzler und ein Oppositionsführer nur vor einer Wahl; und da in einem TV-Studio.

Wortgewalt

Schon bisher haben Kern (50) und Strache (47) einander nichts geschenkt. Noch ehe Kern amtiert, wettert der FPÖ-Chef, von diesem sei "keine Kurskorrektur" zu erwarten. "Das zeigt allein die Tatsache, dass er voriges Jahr die Schlepperpolitik (Werner) Faymanns mit der ÖBB aktiv unterstützt hat."Es folgen weitere Sticheleien. Den vom Kanzler versprochenen "New Deal", den er später in der FAZ erläutert, qualifiziert Strache als "Luftblase" ab. Mitte Juni gibt es den ersten Schlagabtausch im Parlament. Strache bezichtigt den Regierungschef in punkto Asyl der Zahlentrickserei: "Kerns Motto lautet offenbar: Ich zähl’ sie nicht, drum gibt es sie nicht."

Des Kanzlers Konter: "Gewalt der Worte kann sich sehr rasch in Gewalt der Taten entwickeln." Es sei "ein denkbar kurzer Weg von der Gewalt der Worte zu brennenden Flüchtlingsheimen. Die Geister, die Sie rufen, werden auch Sie nicht rasch loswerden."

Anfang vorigen Monats diagnostiziert Strache angesichts Kerns Sanktus zum Freihandelsabkommen CETA der EU mit Kanada, gegen das die SPÖ kampagnisiert hat: Der Kanzler sei "umgefallen und im Liegewagen zurück nach Wien gefahren".

Nachdem der FPÖ-Frontmann Ende Oktober in einer "Rede zur Lage der Nation aus freiheitlicher Sicht" gesagt hat, dass "mittelfristig ein Bürgerkrieg nicht unwahrscheinlich" sei, postet Kern auf Facebook, den deutschen Ex-Bundespräsidenten Johannes Rau zitierend: "Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet." Der Ober-Blaue sei "kein Patriot!"

Das bringt Strache, den Chef der "Sozialen Heimatpartei", in Rage. Via Facebook droht er dem Kanzler: "Die nächste Wahl kommt bestimmt. Und dieser werden auch Sie sich zu stellen haben. Dann ist Schluss mit medial bestellten ,Kanzlerumfragen’, dann folgt die demokratische Realität!"

Vergangenen Sonntag urteilt Kern im KURIER-Interview über Straches Truppe: "Die FPÖ spricht manchmal richtige Themen an, nur ohne Lösungen zu haben."

Tabubruch

Trotz der Differenzen ist die FPÖ für Rote nicht mehr Tabu. Im Burgenland regiert Hans Niessl mit den Blauen. Auch andernorts – etwa in Wien – liebäugeln Sozialdemokraten mit der FPÖ-Option. In Michael Häupls Partei gibt es ob dieser Frage einen wilden Richtungsstreit – mit offenem Ende. Kern selbst hatte sich vergangenen Sommer mit Strache & Co im Burgenland getroffen – "um ein normales Gesprächsklima aufzubauen", wie es hernach hieß.

Der SPÖ-Chef weiß, wie heikel diese Angelegenheit ist. So warnen auch SPÖ-Kenner wie der Politologe Anton Pelinka vor einer Annäherung an die FPÖ (Interview): "Kern kann eigentlich nur auf Vranitzky-Kurs bleiben, sonst ist seine politische Karriere rasch wieder zu Ende."

SPÖ-Chef Christian Kern über....

... den Richtungsstreit in der SPÖ Wien: "Wir sind von einem Knittelfeld auf sozialdemokratisch weit weg."

... Österreich: "Ein Patriotisms, der sich aus dem Stolz auf Österreich nährt, und nicht aus der Abgrenzung anderer."

... sein Europa-Verständnis: "Unsere Neutralität ist ein Bauprinzip der Republik. Daran wollen wir festhalten. Wir wollen aber nicht unsolidarisch sein. Europa ist ein großes Einigungswerk. Es auf eine reine Wirtschaftsfrage zu verkürzen, wäre mir zu kurz."

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache über...

... sein Gegenüber: "Herr Kern, sie sind ein Meister der schön verkleideten Worthülsen"

"Sie werden als Erlöser von den Parteigenossen betrachtet, der Sie nicht sind."

... Neutralität und die außenpolitische Rolle Österreichs: "Österreich als neutrales Land sollte sich außenpolitisch viel, viel mehr als Mediator einbringen. Zu Mediationsgesprächen zwischen Amerika und Russland einladen. Das ist ja die Rolle, die Bruno Kreisky gelebt hat. Man bringt sich nicht mehr als Vermittler ein."

... die Krise in der EU und Beitrittsverhandlungen mit der Türkei: "Wir haben rote Linien definiert ... leider sind die Verhandlungen nur auf Eis gelegt. Wir halten das für einen faslchen Weg."

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